Projekt Wegweiser – Befragung

In diesem Artikel sind die wichtigsten Ergebnisse der Wegweiser-Befragung in Kürze zusammengefasst. Eine allgemeine Beschreibung des Projekts ist hier abrufbar.

Zusammenfassung: Eine Befragung zum Thema Sinn, die im Rahmen des Projekts Wegweiser mit 244 Schüler*innen durchgeführt wurde, bestätigt Ergebnisse vorangegangener repräsentativer Befragungen, die zeigen, dass ca. 15-20% der Schüler*innen Sinnverlorenheit und ca. 30-50% Sinnindifferenz empfinden. Diese Gruppen berichten ebenfalls von gesteigertem Stress und vermindertem Wohlbefinden.

Anmerkung: Die folgende Darstellung der Wegweiser-Befragung ist nicht als ein wissenschaftlicher Fachartikel beabsichtigt, sondern stellt den Versuch dar, die wichtigsten Aspekte der Befragung so verständlich wie möglich wiederzugeben. Ferner soll darauf hingewiesen sein, dass es aufgrund von Rundungen teils zu von 100 abweichenden Prozentsummen kommen kann.

Beschreibung der Stichprobe

Die Wegweiser-Befragung wurde an fünf deutschen weiterführenden Schulen durchgeführt. Das Altersintervall der befragten Personen (n = 244) reicht von 14 bis 20 Jahren. Das Durchschnittsalter der befragten Personen liegt bei 16,78 Jahren (σ = 0,924). Die Verteilung des biologischen Geschlechts setzt sich aus 39,3% männlichen, 59% weiblichen und 0,8% diversen befragten Personen zusammen.

Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente
Gültig Männlich 96 39,3 39,7 39,7
Weiblich 144 59,0 59,5 99,2
Neutral 2 0,8 0,8 100,0
Gesamt 242 99,2 100,0
Fehlend 2 0,8
Gesamt 244 100,0

Es wurde verzichtet nach der konkreten Religionszugehörigkeit zu fragen, weil lediglich der potenzielle Zusammenhang eines generellen religiösen Empfindens und der Sinnpräsenz für die Befragung von Interesse war. Der Anteil gläubiger und nicht-gläubiger Personen an der Stichprobe ist beinahe identisch. Es konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen Gläubigkeit und Sinnhaftigkeit festgestellt werden.

Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente
Gültig Ja 102 41,8 42,1 42,1
Nein 100 41,0 41,3 83,5
Unentschlossen 40 16,4 16,5 100,0
Gesamt 242 99,2 100,0
Fehlend 2 0,8
Gesamt 244 100,0

Die Wegweiser-Befragung konnte sich aus organisatorischen Gründen lediglich auf den Schulkreis der Gymnasien (n = 240) beschränken. Von diesen entstammen 140 von staatlichen, 100 von nicht-staatlichen Schulen.

Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente
Gültig Hauptschule
Werkrealschule
1 0,4 0,4 0,4
Gymnasium 140 57,9 57,9 58,3
Waldorfschule 100 41,0 41,3 99,6
Andere 1 0,4 0,4 100,0
Gesamt 242 99,2 100,0
Fehlend 2 0,8
Gesamt 244 100,0

Hintergrund und Ergebnisse

Der zentrale Testbestandteil der Befragung ist der unter Genehmigung verwendete Meaning in Life Questionnaire (MLQ), entwickelt von Michael Steger et al. [1]

Dieses Instrument wurde herangezogen, um die Häufigkeit der Ausprägungen der jeweiligen Sinnkategorien zu messen. Das MLQ ist ein validiertes und höchst reliables Testverfahren zur Bestimmung des Empfindens einer Präsenz von Sinnhaftigkeit und der Suche nach einer Präsenz von Sinnhaftigkeit

Der MLQ besteht aus insgesamt 10 Fragen, die in zwei Subskalen unterteilt sind, nämlich der Suchskala (SK) und der Präsenzskala (PK). Die entsprechende Verrechnung der beiden individuellen Skalenwerte führt zum nominalskalierten MLQ-Ergebnis mit den Kategorien ›Sinnindifferent‹, ›Sinnverloren‹, ›Sinnsuchend‹, ›Sinnerfüllt‹ [2]. Die ursprünglich englische Formulierung des MLQ-Sets wurde wie folgt ins Deutsche übersetzt und verwendet:

Subskala Frageitems
PK Frage 1 Ich kenne den Sinn meines Lebens.
SK Frage 1 Ich suche nach etwas, das meinem Leben Sinn verleiht.
SK Frage 2 Ich bin immer auf der Suche nach meinem Lebenssinn.
PK Frage 2 Mein Leben hat eine klare Bedeutung und einen Sinn.
PK Frage 3 Mir ist bewusst, klar und verständlich, was mein Leben sinnvoll macht.
PK Frage 4 Ich habe einen erfüllenden Lebenssinn gefunden.
SK Frage 3 Ich bin immer auf der Suche nach etwas, das mein Leben bedeutungsvoll macht.
SK Frage 4 Ich suche nach einem Sinn des Lebens oder einer Lebensaufgabe.
PK Frage 5 Mein Leben hat keinen mir ersichtlichen Sinn.
SK Frage 5 Ich suche nach einem Sinn in meinem Leben.

Interpretation der Sinnkategorien

Sinnindifferenz ist die charakteristische Einstellung einer Person, die ihr Leben ohne eine geschätzte Bedeutung und einen Sinn erlebt und zugleich eine potenzielle Bedeutung oder Suche nach Sinn auch nicht aktiv erforscht.

Insgesamt finden Personen, die dieser Kategorie angehören die Idee, über ihr Leben nachzudenken, überhaupt nicht interessant oder wichtig, selbst wenn sie mit Leid oder Krankheit konfrontiert werden. Neben dem Verlust der Bedeutung eines Sinn steht auch der allgemeine Verlust oder die Geringschätzung von Werten.

Personen, die der Kategorie Sinnverlorenheit angehören, haben oftmals das Empfinden, dass ihr Leben keine geschätzte Bedeutung und keinen Sinn hat, weshalb sie aktiv aufgrund empfundener Leere nach etwas suchen, das ihrem Leben Sinn oder Zweck geben kann. Sinnverlorenheit und Sinnindifferenz gehen mit einem stark negativen Wohlempfinden einher [3].

Sinnsuchende Personen sind im Gegensatz zu sinnverlorenen Personen optimistisch eingestellt. Sie empfinden, dass ihr Leben zwar einen Sinn haben könnte, erforschen diesen aber auf offene und ungezwungene Weise. Sinnerfüllte Personen empfinden, dass ihr Leben momentan einen Sinn und eine wichtige Bedeutung besitzt und suchen demnach nicht mehr nach diesen.

Ergebnisse

Die statistische Auswertung der gültigen Antworten (n = 232) ergab folgende Zusammensetzung von Häufigkeiten in den vier Kategorien: 47,8% ›Sinnindifferent‹, 16,4% ›Sinnverloren‹, 5,6% ›Sinnsuchend‹, und 30,2% ›Sinnerfüllt‹.

Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Kumulierte Prozente
Gültig Sinnindifferent 111 45,5 47,8 47,8
Sinnverloren 38 15,6 16,4 64,2
Sinnsuchend 13 5,3 5,6 69,8
Sinnerfüllt 70 28,7 30,2 100,0
Gesamt 232 95,1 100,0
Fehlend 12 4,9
Gesamt 244 100,0


Neben diesem zentralen Ergebnis gehen aus der Befragung einige weitere interessante Befunde hervor. Knapp 70% der Schüler*innen gaben an, dass ihnen oft bis ständig die Motivation fehle, etwas für die Schule zu tun. Etwa 84% gaben an, das Thema Sinn werde selten bis nie in der Schule behandelt.

Knapp 71% der befragten Personen gaben an, sie würden sich oft bis ständig die Frage stellen, was ihnen die Schule persönlich bringt und 59% der befragten Personen leiden oft bis ständig vor und während Klausuren unter Stress, Angst und Black-Outs.

Aus dem Auswerteverfahren des MLQ geht hervor, dass die Korrelation zwischen PK Frage 2 ›Mein Leben hat eine klare Bedeutung und einen Sinn‹ und PK Frage 5 ›Mein Leben hat keinen mir ersichtlichen Sinn‹ aufgrund der negativen Polung idealerweise eine stark negative Korrelation ergeben muss – r tendiert theoretisch gegen -1 [4].

Dies stellt ein Prüfmittel dar, um zu erkennen, ob die Items des MLQ in einem auswertbaren Maß beantwortet wurden. Diese theoretische Tendenz besteht in der Befragung und zeigt sich im Datensatz mit Pearson r = -0,430.

Sinn und Einfluss auf das Wohlbefinden

Das Empfinden von Sinnhaftigkeit hat starken Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden. Lisa Harlow et al. (1990) konnten nachweisen, dass eine geringe Ausprägung des Empfindens von Sinnhaftigkeit stark mit negativen Symptomen physischen und psychischen Wohlbefindens korreliert, darunter Major Depression, Selbstabweichung, Substanzkonsum und suizidale Vorstellungen [5].

Demgegenüber konnten Sheryl Zika & Kerry Chamberlain (1992) nachweisen, dass eine hohe Ausprägung des Empfindens von Sinnhaftigkeit stark mit psychischem Wohlbefinden korreliert [6]. Das unterschiedliche Empfinden individueller Sinnhaftigkeit ist demzufolge ein elementarer Einflussfaktor auf das subjektive psychische und physische Wohlbefinden in positiver und negativer Hinsicht.

Das Indiz einer Korrelation des subjektiven Wohlbefindens mit dem Empfinden von Sinnhaftigkeit zeigt sich ebenfalls in den Ergebnissen der Befragung. Die SK und PK weisen jeweils mittelstarke bis starke negative (r = -0,326 und r = -0,268, mit jeweils p < 0,01 (2-seitig)) und gegenteilig positive (r = 0,364 und r = 0,309, mit jeweils p < 0,01 (2-seitig)) Korrelationen mit Antworten auf Frage-Items auf, die ein Indiz für das subjektive Wohlbefinden darstellen. In diesem Fall: ›Wie häufig bist du unzufrieden mit dir selbst und möchtest etwas an dir ändern?‹ und ›Wie oft fühlst du dich niedergeschlagen, traurig oder deprimiert?‹

Konsequenzen für das Bildungssystem

Es ist von enormer Wichtigkeit sich über das verbreitete Problem der Sinnindifferenz und das der Sinnkrise unter Jugendlichen bewusst zu werden und die damit in Verbindung stehenden Gefahren ernst zu nehmen.

Das Sinnthema hat für Jugendliche einen besonderen Stellenwert, da es eine Quelle der Orientierung darstellt. Angesichts der mangelnden Auseinandersetzung mit diesem Thema sowie damit verwandter Aspekte innerhalb des Schulalltags wird zu einer aktiven Orientierung nicht beigetragen.

Sich mit dem Sinnthema zu beschäftigen, vermittelt jungen Menschen darüber hinaus ein gewisses Maß an Lebenskompetenz und Resilienz, die ebenso neben der Befriedigung des Sinnbedürfnisses wichtige Faktoren für ihre psychische Gesundheit darstellen.

Das Projekt Wegweiser versucht das Sinnthema an Schulen und unter Jugendlichen präsenter zu machen. Ein erster Schritt hierfür ist das kostenlose philosophische Magazin, das im Rahmen des Projekts entwickelt wurde und an Schüler*innen, Lehrer*innen und andere Interessierte verteilt wird.


Quellen und Verweise

[1] Siehe: Steger, M. et al.: The Meaning in Life Questionnaire: Assessing the Presence of and Search for Meaning in Life, in: Journal of Counseling Psychology, 2006, Vol. 53, Nr. 1, S. 80-93.

[2] Zum Auswerteverfahren siehe: Steger, M.: The Meaning in Life Questionnaire, Items and Scoring, hier abrufbar (abgerufen am 25.05.2019).

[3] Siehe: Schnell, Tatjana: Psychologie des Lebenssinns. Berlin: Springer, 2. Auflage, 2020, Kap. 8,9.

[4] Bei der Interpretation der Korrelationswerte halte ich mich an die Konventionen nach Jacob Cohen. Es gelten die Vorschriften Pearson r = 0.1 für eine geringe Korrelation, r = 0.3 für eine mittlere Korrelation und r = 0.5 für eine hohe Korrelation (metrisch/Pearson-Korrelation). Siehe: Cohen, J.: Statistical Power of Analysis for the Behavioral Sciences. New York: Lawrence Erlbaum Associates, 1988.

[5] Harlow, L. L.; Newcomb, M. D.: Towards a general hierarchical model of meaning and satisfaction in life, in: Multivariate Behavioral Research, Vol. 25, 1990, S. 387-405. Zudem: Harlow, L.; Newcomb, M.; Bentler, P.: Depression, self-derogation, substance use, and suicide ideation: Lack of purpose in life as a mediational factor, in: Journal of Clinical Psychology, Vol. 42, 1986, S. 5–21. Siehe auch: Crumbaugh, J.; Maholick, L.: An experimental study in existentialism: The psychometric approach to Frankl’s concept of noogenic neurosis, in: Journal of Clinical Psychology, Vol. 20, Nr. 2, 1964, S. 200-207.

[6] Siehe: Zika, S.; Chamberlain, K.: On the relation between meaning in life and psychological well-being, in: British Journal of Psychology, Vol. 83, 1992, S. 133–145. Siehe auch: Scannell, E.; Allen, F.; Burton, J.: Meaning in life and positive and negative well-being, in: North American Journal of Psychology, Vol. 4, Nr. 1, 2002, S. 94.

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