Was ist das – die Philosophie?

Was meinen wir, wenn wir von Philosophie reden? Jene Disziplin, die im intuitiven Sprachgebrauch den Anspruch darauf erhebt, alles zu durchleuchten und zu durchdenken, fällt sich ironischerweise selbst zum Opfer. Ebendiese Frage: ›Was ist Philosophie?‹, die sich ja eigentlich von selbst verstehen müsste, ist in Realität überhaupt nicht einfach zu beantworten und bereitet seit Jahrhunderten große Probleme.

Im Anfang war das Wort

Wenn wir uns nach dem innigsten Kern der Philosophie erkundigen, kann es sich unter Umständen lohnen zunächst auf den historischen Anfangspunkt zurückzuschauen, um daraus ein erstes Verständnis zu gewinnen.

Möglicherweise werden wir hiermit befähigt und in die Lage versetzt, uns durch eine rein begriffliche Analyse zu der  zugrundeliegenden Bedeutung des Begriffs ›Philosophie‹ langsam vorwärtszuarbeiten. Wir werden jedoch schnell feststellen, dass es kaum möglich ist die Disziplin der Philosophie zu definieren und wir uns damit abfinden müssen, zu verstehen, was es heißt zu philosophieren.

Der Begriff ›Philosophie‹ stammt vom altgriechischen Wort φιλοσοφία ab, was im Lateinischen zu philosophia transkribiert wird und wörtlich als ›Liebe zur Weisheit‹ übersetzt werden kann. Die etymologische Wurzel geht auf die Zusammensetzung aus φιλειν (philein, zu Deutsch ›lieben‹) und σοφια (sophia, zu Deutsch ›Weisheit‹) zurück, die jedoch weitaus mehr Interpretationsfreiheit bietet, als es in der herkömmlichen Übersetzung den Anschein erweckt.

Ich kenne nur wenige Worte, die so viele Bedeutungen haben wie das Wort Philosophie. [1]

Mithilfe dieser standardmäßigen Übertragung aus dem Altgriechischen haben wir zunächst nichts gewonnen, denn ›Liebe zur Weisheit‹ ist keineswegs verständlicher als der Begriff ›Philosophie‹ selbst, ganz im Gegenteil: Wir müssten sogar noch erklären, was wir unter ›Weisheit‹ verstehen und was es heißt, diese zu lieben. Versuchen wir es trotzdem.

Rückgreifend auf Platons dialektische Methode, die sich in seinen berühmten dialogischen Schriften abbildet, kann Philosophie als ›Liebe zur Weisheit‹ wie folgt genauer umschrieben werden:

„Wenn Platon im Dialog Symposion das Philosophieren als Liebe zur Weisheit bestimmt und es in die Nähe zum Eros rückt, beschreibt er die tiefe Paradoxie dieser Spannung. Die Philosophierenden in Platons Dialogen vertreten immer eine Vielfalt von Meinungen und stehen für unterschiedliche Praktiken, die das Material des Gesprächs darstellen. Und zugleich läuft das Gespräch auf einen Horizont zu, an dem die eine Wahrheit, das Gute schlechthin, das Schöne schlechthin, die Idee steht. Durch das Viele hindurch soll es zum einen gehen. Und am Ende muss oft eingestanden werden, dass sich das Eine entzogen hat und nicht definierbar ist.“ [2]

Philosophie wird hier also charakterisiert als eine Spannung zwischen den vielen Meinungen und der einen Urwahrheit. Die Liebe zur Weisheit kann demzufolge als ein Streben nach Wahrheit interpretiert werden, dessen Rechtfertigung in der eigenständigen Tätigkeit des Strebens nach der einen Wahrheit besteht, aber nicht zwingend im Erreichen dieses Endziels aufgeht.

Folgt man diesem Ansatz, so ist Philosophie im Kern gleichzusetzen mit einem Streben nach Wissen, oder anders gesagt: Philosophie ist das Streben nach Wissen, das Herausfiltern von wahrer, gerechtfertigter Erkenntnis aus der Vielzahl allgegenwärtiger Meinungen.

Philosophie als Wissenschaft

Akzeptieren wir diese erste Annäherung an die Philosophie, so ist diese recht unkontrovers gesagt offensichtlich eine Wissenschaft. Anders als die Naturwissenschaften stützt sie sich jedoch nicht auf Empirie, also auf eine erfahrungs- bzw. evidenzbasierte Messung, Testung und Modellierung der Wirklichkeit.

Klassischerweise geht es in der Philosophie zunächst überhaupt nicht darum, wie die Welt und die in ihr vorzufindenden Zustände und Konzepte tatsächlich – zumindest so, wie wir sie erfahren – beschaffen sind. Stattdessen fokussiert sich die Philosophie auf allgemeine und abstrakte Fragen sowie Fragen darüber, wie die Welt und die in ihr vorzufindenden Zustände und Konzepte beschaffen sein sollen.

Eine Vielzahl der allgemeinen und abstrakten Fragen liegen außerhalb des methodischen und gegenstandsbezogenen Bereichs der Naturwissenschaften, was jedoch nicht bedeutet, dass sie mit der Philosophie irgendwie im Konflikt stehen, ganz im Gegenteil. Rückblickend hat die Philosophie stets von den Naturwissenschaften profitiert und teilt mit ihnen denselben Ursprung.

Zur Zeit der Entstehung dessen, was wir heute Philosophie nennen – circa im 6. Jahrhundert v.u.Z. – existierte für das Streben nach Wissen noch keine Arbeitsteilung. Stattdessen galt die Philosophie als riesiger Sammelband all jener Fächer, die wir heute auf selbstverständliche Weise unterscheiden: Physik, Mathematik, Medizin, Rhetorik, Musik, Logik, Astronomie und so weiter.

Dieser Umstand hat sich mit der Zeit natürlich gewandelt und die Frage relevant werden lassen, was die Philosophie letztlich auszeichnet, wenn sie nicht mehr die Aufgaben übernimmt, die plötzlich strikt von anderen Disziplinen, wie der Physik oder Biologie, erfüllt werden.

Und genau diese Frage nach den Aufgaben der Philosophie lässt sich so beantworten, wie wir es eben bereits festgehalten haben. Was der Philosophie im Kern bleibt, sind die allgemeinen und abstrakten Fragen sowie Fragen darüber, wie die Welt und die in ihr vorzufindenden Zustände und Konzepte beschaffen sein sollen – denn es zeigt sich: die Naturwissenschaften können uns hier nur bedingt weiterhelfen.

Wir können nicht die Welt beobachten und schlicht messen, was ›Wissen‹, ›Moral‹, ›Gerechtigkeit‹, ›Wahrheit‹ und dergleichen sind. Vielmehr haben wir es hier mit der Bestimmung einer gewissen Wertung zu tun, indem wir nämlich ein Urteil darüber ablegen, wie diese und andere Konzepte beschaffen sein sollen.

Vereinfacht gesagt, geht die Aufgabe der Philosophie demnach auf in einer einzigen Frage: Wie sollen bestimmte Sachverhalte und Konzepte in der Welt beschaffen sein und wie müssen wir diese basierend auf der Erwägung rationaler Überlegungen und Argumentation begreifen?

Vom Mythos zum Logos

Es ist die Grundlegung des Strebens nach Wissen basierend auf rationalen Überlegungen und Argumentationen, die den Ursprung der Philosophie markiert. Von der Entstehung der Philosophie kann man in der Geschichte ab dem Zeitpunkt sprechen, wenn die religiösen und mythischen Erklärungsansätze der Welt durch einzig vernunftbasierte, logisch orientierte und argumentative Ansätze herausgefordert wurden.

Diesen gewaltigen Umbruch im Denken, nämlich vom Mythos der sagenhaften Erzählungen zum Logos der vernünftigen Argumentation können wir ca. – zumindest für die europäisch-zentrierte Philosophie – auf die Zeit der Vorsokratiker zurückdatieren, also ungefähr ins 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Der in dieser Phase beginnende Prozess der Rationalisierung begleitet die Philosophie und die Geschichte der Menschheit bis heute. Oft wird Thales von Milet (ca. 624-548 v.u.Z.) als erster Philosoph herangezogen, der das Feld der Metaphysik innerhalb der Philosophie revolutionierte.

In diesem Sinne ist es nun also möglich, vom Anfang der Metaphysik zu reden, wie es Aristoteles im ersten Buch der Metaphysik tut, indem er Thales den ersten nennt, der keine Göttermythen erzählt, sondern sich allein auf Erfahrung und auf Beweise gestützt habe. [3]

Die treffend zusammenfassende Sentenz von der Wende ›Vom Mythos zum Logos‹ bildet den Grundgedanken während der Entstehung der Philosophie. Mit der Zeit hat sich der Ausbau des systematisch erfassten Wissens über die Welt derart gefestigt und allgegenwärtig als überlegen herausgestellt, dass wir heute an einem Punkt sind, wo mythische Weltbilder und übernatürliche, gott-zentrierte Erklärungsansätze nicht mehr die Norm sind, sondern eine nicht mehr ernstzunehmende Fantasie. Die Rationalisierung der Welt hat zu dem geführt, was Max Weber bereits im 20. Jahrhundert treffend als die ›Entzauberung der Welt‹ festhielt. [3]

Die Kategorien der Philosophie

Die Entstehung der Philosophie muss und sollte vielleicht auch nicht zu sehr an einen historischen Zeitpunkt geknüpft werden. Unabhängig davon wie wir die Entstehung der Philosophie als eine Disziplin einordnen, lässt sich festhalten, dass der Mensch als natürlicherweise lernendes Wesen bestrebt ist sich nach Wissen zu strecken und somit einen intrinsischen Drang zur Philosophie besitzt. Dieses Verhalten ist dem Menschen als Lebewesen mit Vernunftausprägung innewohnend.

Dem zugrundeliegend finden wir unsere unnachgiebige Neugier und Faszination, welche Platon nicht umsonst in einem seiner Dialoge als den Ursprung der Philosophie einkreiste: „Das Staunen ist die Einstellung eines Menschen, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“ [4]

In dieser Hinsicht können wir von einem Beginn der Philosophie sprechen, der bei jedem Individuum stattfindet, im Gegensatz zu einem systematischen Beginn der Philosophie als eine Disziplin, die sich auf einer Struktur und Organisation einzelner Teilgebiete gründet.

Letztere hat Immanuel Kant (1724-1804) unter dem Kriterium von Hauptmerkmalen der Philosophie in einzelne Teilfragen und entsprechende Teilgebiete zergliedert, die heute als die vier Kant’schen Fragen bekannt sind [5]:

  1. Was kann ich wissen? (Epistemologie, Logik)
  2. Was soll ich tun? (Ethik)
  3. Was darf ich hoffen? (Metaphysik, Religionsphilosophie)
  4. Was ist der Mensch? (Anthropologie, Kulturphilosophie)

Im selben Atemzug muss man jedoch auch einwenden, dass in der Philosophie nahezu alles strittig ist: „die Natur ihrer Problemstellungen, die Abgrenzung des Gegenstandsbereichs philosophischer Untersuchungen, die konventionelle Untersuchungsmethode, die logische Struktur philosophischer Argumente. Doch dieser Zustand ist kein Mangel, sondern ein Prinzip der Philosophie.“ [6]

Die Philosophie lebt wie zu Beginn erwähnt von der Vielzahl an Meinungen, die im Diskurs durch vernünftige Argumentation und Begründungen gegeneinander ausgespielt werden, um aus ihnen Wahrheiten oder zumindest bessere Meinungen herauszufiltern.

Dieser Prozess hat keinen Endpunkt und darum entzieht sich die absolute Wahrheit, was fälschlicherweise den Eindruck erwecken kann, dass Philosophie eine sinnlose Disziplin ist – vor allem dann, wenn man beachtet, dass sie sogar damit Schwierigkeiten hat, sich selbst zu definieren.

Doch hier sollten wir erwägen, was Martin Heidegger (1889-1976) in einem Vortrag mit dem Titel Was ist das – die Philosophie? im Jahr 1955 als das Paradox und Hauptproblem der Frage nach einer Definition der Philosophie treffend festhält:

Wer so fragt, will von außen oder oben über die Philosophie sprechen, wo es doch darum ginge, in die Philosophie hineinzukommen, in ihr uns aufzuhalten, nach ihrer Weise uns zu verhalten, d.h. zu philosophieren.

Möchte man exakt sagen, was Philosophie ist, so müsste man sämtliche Kriterien und Inhalte der Philosophie bereits kennen, was aber selbst nur philosophisch erklärt werden kann – ein Teufelskreis. Doch ebendieses Kreisen ist das Zentrale der Philosophie in der Durchleuchtung von Problemen und Sachverhalten, die wir auf keine andere Weise ergründen können. Was Philosophie ist, zeigt sich letztlich am deutlichsten im Philosophieren.


Quellen und Verweise

[1] Bochenski, Joseph: Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe. München/Freiburg: Herder, 1959, S. 23.

[2] Berger, Wilhelm: Was ist Philosophieren. Wien: Facultas/UTB, 2014, S. 16.

[3] Gadamer, Hans-Georg: Der Anfang der Philosophie. Stuttgart: Reclam, 1996, S. 19f.

[4] Platon: Theaitetos, 155d.

[5] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Weischedel, Wilhelm (Hrsg.). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 9. Auflage, 2017, A805f/B833f. Die vierte Frage ergänzt Kant später.

[6] Kulenkampff, Arend: Methodologie der Philosophie. Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1979, Kap.7.

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