Bill Gates, 5G, gen-manipulierendes Impfen – was man heute nicht alles zu hören bekommt! Sogenannte Verschwörungstheorien leben zu Zeiten der Corona-Pandemie in erschreckenden Ausmaßen auf. Warum man diese besser Verschwörungsmythen nennt und warum bestimmte Menschen anfällig dafür sind, an diese zu glauben, ist Gegenstand dieses Beitrags.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Theorie oder Mythos?
  2. Das sind die ›Covidioten‹
  3. Unsicherheit und das Streben nach Einzigartigkeit
  1. Warum sollten wir von Verschwörungsmythen und nicht von Verschwörungstheorien reden?
  2. Sind ›Covidioten‹ nichts als Idioten?
  3. Welche Merkmale fördern den Glauben an Verschwörungsmythen?

Theorie oder Mythos?

Wer den Begriff ›Verschwörungstheorie‹ hört, dem fällt meist auf der Stelle mindestens ein exemplarisches Beispiel ein. Weniger evident ist jedoch, dass der Begriff selbst im Grunde eine sehr ungünstige Bezeichnung für Vorstellungen ist, die irgendwelche Verschwörungen und dergleichen aufzudecken glauben. Deutlich angebrachter ist der Begriff des Verschwörungsmythos.

Was den Wechsel von Theorie zu Mythos auszeichnet, ist einfach erklärt. Mythen erheben genau wie Theorien Anspruch auf Wahrheit, die von ihnen in einer bestimmten Weise postuliert wird. Zur ihrer vermeintlichen Wahrheit gelangen Mythen jedoch nicht über Beweise, die rational nachvollziehbar und durch objektive Methoden strukturiert sind – insofern bleibt der Geltungsanspruch für die behauptete Wahrheit eines Mythos immer eine bloße Behauptung.

Mythen sind per Definition nicht auf rationale Strukturen, Begründungsketten, Belege und dergleichen angewiesen. Stattdessen fischen sie nach der Geltung von Wahrheit, indem sie den Rezipienten durch ein intuitives Ansprechen auf der Ebene von Gefühlen begegnen. Mythen müssen im Gegensatz zu Theorien nicht kohärent, gut begründet und in kausalen Zusammenhängen zu den Tatsachen der Welt stehen.

Insofern ist der Begriff der Verschwörungstheorie im Angesicht der zahlreichen damit verbundenen Vorstellungen – etwa über die geheime Weltherrschaft von Reptil-Menschen oder die Gefahren von 5G – schlicht gesagt falsch.

Eine Theorie basiert auf dem Zusammenhang sich gegenseitig stützender Begründungen unter Berufung auf einen verbindlichen epistemischen bzw. wissenschaftlichen Standard. Theorien, die wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis sind, haben eine besondere Verpflichtung gegenüber der Wahrheit.

Sie deuten nicht nur wie ein Mythos auf irgendwelche Möglichkeiten hin, sondern sind im Gegensatz zu diesem stets dazu verpflichtet, ihre eigenen Schwachstellen offen zulegen, diese gezielt zu suchen und damit zu testen, ob die angenommene Theorie gültig ist.

Besonders während der Corona-Pandemie wird wieder deutlich, dass Vorstellungen über Verschwörungen keine Theorien sind, sondern Mythen, d.h. bloße Behauptungen, die jedoch mit einem Anspruch auf Wahrheit auftreten. Charakteristisch ist hierfür, dass Verschwörungsmythen abweisend gegenüber rationalen Begründungen sind, die ihnen entgegengehalten werden. Für den Mythos reicht es aus, alles, was wiederum nicht der Mythos ist, selbst als verschwörerisch zu diskreditieren. Für den Verschwörungsmythos kann letztlich nur das wahr sein, was in das eigene Weltbild passt.

Das sind die ›Covidioten‹

Entgegen der breiten Bestrebungen für Solidarität sind im Verlauf der Corona-Pandemie auch immer wieder – und in einem erschreckend hohen Maße – solche Bestrebungen aufgetreten, die in ihrem Kern alles andere als eine Stärkung von Solidarität zum Ziel hatten. Man denkt hierbei etwa an die sogenannten Corona-Partys und Corona/Hygiene-Demonstrationen.

Was lässt sich nun über diejenigen sagen, die gar nicht solidarisch sein wollen? Zunächst, dass wir nicht allzu leicht den möglichen Fehler begehen dürfen, jene Menschen, die für Verschwörungsmythen empfänglich oder von diesen bereits vollkommen eingenommen sind, insgesamt Corona-Leugner und ihre Sympathisanten einfach als ›dumm‹ zu deklarieren, wie es zum Beispiel im Neologismus ›Covidioten‹ ausgedrückt wird.

Im Kontrast zu dieser vielleicht zu einfachen Perspektive, sollten wir der Möglichkeit Aufmerksamkeit zuwenden, ob nicht gerade jene Menschen, die sich am stärksten gegen die Maskenpflicht wehren, sich am ehesten als Erwachte inmitten einer gewaltigen Verschwörung glauben, und sich am häufigsten unsolidarisch verhalten, in gewissem Sinne eigentlich die verletzlichsten unter uns sind.

Damit ist gemeint, dass jene Menschen – obwohl sie grölend und überschwänglich das Virus als Witz ansehen – eigentlich diejenigen sind, die am schlechtesten unter den Umständen der Pandemie mit der herrschenden Unsicherheit und den Forderungen eines solidarischen, langatmigen Umgangs umgehen können.

Keine Sekunde soll dies als eine Inschutznahme gedacht werden, sondern als ein erster Ansatzpunkt, um über die Klassifizierung als ›dumm‹ hinausgehend, eine mögliche Antwort darauf zu liefern, warum diese Menschen so handeln und denken, wie sie handeln und denken.

Einfach bei der Aussage stehen zu bleiben, dass jene Menschen auf den Corona/Hygiene-Demonstrationen nichts als ›Covidioten‹ sind, spielt ihnen am Ende sogar noch in die eigenen Karten. Es verharmlost die Situation.

Zu den ›Covidioten‹ zählen nicht nur Menschen, die Schwierigkeiten haben wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und die Unsicherheiten einer globalen Pandemie nicht aushalten können; auch nicht nur Menschen, denen wohl das nötige Maß sozialen Gewissens fehlt, um einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Man kann nicht oft genug betonen, dass zu den ›Covidioten‹ vor allem auch Rechtsgesinnte, Antisemit*innen, Nazis und deren Freunde zählen, die sich im Gemenge der neuen Umstände durch die Corona-Pandemie unter einen einheitlichen Narrativ eines selbsterdachten ›Widerstands‹ vereinen.

Der Neologismus ›Covidioten‹ beinhaltet die Gefahr, als zu homogene Gruppe verstanden zu werden, die unter dem gemeinsamen Nenner einer Eigenschaft – nämlich der Dummheit – verstanden wird. Dummheit ist aber bei Weitem nicht die einzige Eigenschaft, die bei den ›Covidioten‹ zu finden ist.

Im Folgenden beziehe ich mich nicht auf die eben erwähnten Rechtsgesinnten, Antisemit*innen, Nazis und Ähnliche, die ebenfalls offensichtlich einen großen Teil der Teilnehmenden an Corona/Hygiene-Demonstrationen bilden, Maßnahmen ignorieren und so weiter. Ich beziehe mich auf jene Gruppe von Menschen, die vor der Corona-Pandemie noch unscheinbar war – sich nun aber auf direkte Weise in das Gebiet der Verschwörungsmythen begibt und dabei in vielen Fällen auch keine Scheu hat, Seite an Seite mit Nazis an den Demonstrationen teilzunehmen.

Unsicherheit und das Streben nach Einzigartigkeit

Verschiedene Studien zu den Motiven hinter Verschwörungsmythen legen nahe, dass die von ›Covidioten‹ selbsterwählte Beschreibung als Querdenker, Erwachte und Widerstand keinesfalls irgendwie zufällig zustande gekommen sind. Vielmehr bauen sie auf bisher weitläufig vernachlässigten Merkmalen jener Menschen auf, die besonders anfällig für Verschwörungsmythen und dergleichen sind. 

Sowohl Imhoff & Lamberty (2017) als auch Lantian et al. (2017) weisen auf eine bisher vernachlässigte Funktion von Verschwörungsmythen hin, nämlich sich selbst als verschieden von der Menge zu präsentieren [siehe: 1, 2].

Insbesondere wird hiermit betont, dass frühere Beschreibungen von typischen Merkmalen jener Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, auf ein ängstliches und nicht-rationales Individuum aufbauten, jedoch die affirmativ funktionalen Aspekte übersahen [vgl. 1, S.732].

Natürlich spielt mangelndes analytisches Denken eine wichtige Rolle, aber nicht nur. Der Glaube an Verschwörungsmythen hängt auch mit sich selbst fördernden Merkmalen der Persönlichkeit wie einem individuellen Narzissmus zusammen [vgl. 3, S.163].

Narzissmus ist in diesem Zusammenhang ein großes Wort und darf nicht missverstanden werden. In der Alltagssprache oft bloß mit einer extremen Eitelkeit gleichgesetzt, muss Narzissmus jedoch weitaus grundlegender aufgefasst werden, nämlich als die Überzeugung oder das Urteil einer Person, sich selbst stets wertvoller und wichtiger wahrzunehmen als andere.

Besonders das Auftreten paranoider Gedankengänge – die durch Unsicherheit und mangelnde analytische Denkfähigkeit verstärkt werden – schlägt eine Brücke zwischen dem individuellen Narzissmus und dem Glauben an Verschwörungsmythen [siehe: 3]. Narzisstische Züge, die mit dem Verlangen einhergehen sich als einzigartig zu präsentieren, fügen sich Vorstellungen der Verschwörung gut an, weil diese generell in der Minderheit sind.

Zugleich darf nicht vergessen werden, dass das Ausgeliefertsein an personale Unsicherheit im Kontext einer globalen Pandemie ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt, die zur Steigerung der Empfänglichkeit für Verschwörungsmythen führen kann. Unter Umständen, in denen sich Menschen unfähig fühlen, etwas verändern und kontrollieren zu können, sind sie eher bereit an Verschwörungsmythen und ähnliche Vorstellungen zu glauben [vgl. 4].

Der Verweis auf diese Merkmale, die den Glauben an Verschwörungsmythen befeuern, hat vor allem den Zweck das homogene Bild des ›Covidioten‹ zu differenzieren. Geht man nun von diesen Merkmalen als wichtige Faktoren zur Verstärkung von Verschwörungsglauben aus, dann lautet eine Strategie, diese wiederum zu entschärfen, den Konformitäts-Charakter der Anhänger eines Verschwörungsmythos zu betonen [vgl. 1, S.733].

Menschen, die von Verschwörungsmythen gelockt werden, weil sie sich im Angesicht unsicherer Umstände, die sie nicht aushalten, und mangelnden analytischen Denkens, das sie zu anderen Urteilen führen würde, gegen einen Konsens für die Vorstellungen von Minderheiten entscheiden, sind alles andere als Querdenker oder Widerstand-Leistende.

Sie sind keine Querdenker, weil sie selbst überhaupt nicht denken. Damit wäre auch das einzige aufgezählt, gegen das sie Widerstand leisten: ihr eigenes Denken.


Quellen und Verweise

[1] Imhoff, R.; Lamberty, P.: Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs, in: European Journal of Social Psychology, 47, 2017, S.724–734.

[2] Lantian, A. et al.: “I Know Things They Don’t Know!” The Role of Need for Uniqueness in Belief in Conspiracy Theories, in: Social Psychology, 48(3), 2017, S.160–173.

[3] Cichocka, A. et al.: Does self-love or self-hate predict conspiracy beliefs? Narcissism, self-esteem and the endorsement of conspiracy theories, in: Social Psychological and Personality Science, 7, 2016, S.157–166.

[4] van Prooijen, J. W.; Acker, M.: The influence of control on belief in conspiracy theories: Conceptual and applied extensions, in: Applied Cognitive Psychology, 29, 2015, S.753–761.