Narabo - Seneca über Zeit, Leben und Tod. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Warum sollten wir uns so früh wie möglich mit dem Tod beschäftigen?

Das Leben und die Zeit sind so furchtbar kurz – man kann doch nur darüber klagen. Wir  fühlen schmerzlich, dass ganze Jahre vergehen, wie ein schlagartiges Blinzeln. In einem Moment waren wir noch erfüllt von großer Freude, doch eine Sekunde später ist all das schon verschwunden. Wie sollten wir nur mit diesem flüchtigen Dasein umgehen? Der römische Philosoph Seneca gibt uns darüber Auskunft.

INHALTÜBERBLICK
  1. Von der Kürze des Lebens
  2. Ein gesundes Verhältnis zum Tod
  3. Philosophieren heißt sterben lernen
  4. Die Bosheit der Natur
  5. Über die unnützen Beschäftigungen
  6. Sparsam mit Geld, freizügig mit der Zeit
  7. Später hab‘ ich ja auch noch Zeit…
  8. Fazit: Nutze dein Leben!
  9. Alles für den Ruhestand aufbewahren
  1. Wie stehen wir den Tod in unserem konkreten Leben gegenüber?
  2. Warum verdammen wir den Tod als Dämon?
  3. Wie überträgt sich diese Angst vor dem Tod auf unseren Alltag?
  4. Wie zeigt sich Zeitverschwendung als Lebensform in unserer heutigen Gesellschaft?
  5. Auf welche Weise können wir unserem Leben Erfüllung bringen?

Von der Kürze des Lebens

So, oder im Original auf Lateinisch De brevitate vitae [1], lautet der Titel des zehnten Buches aus Lucius Annaeus Senecas (etwa 1 – 65) sogenannten Dialogen, einer inhaltlich üppigen Schriftsammlung, die den richtigen Gebrauch der Lebenszeit behandelt und ein wichtiger Teil der philosophischen Schule der Stoa ist.

Damit erörtert Seneca ein Thema, das zur Entstehung jenes Textes vor fast 2000 Jahren, genauso aktuell und bedeutend ist, wie in unserer Gegenwart – es ist zeitlos, eben weil der Tod jeden Menschen aufs Neue betrifft. Schließlich hat jeder Mensch eine tiefsitzende Scheu vor dem Tod, die zusammen mit der Zeit und dem Leben eine freudlose Kombination bildet. Wir leben und wollen das erhalten, was wir kennen, doch die Zeit rückt uns unweigerlich dem Tode immer näher.

Ach, ich weiß … wie deprimierend! Wer liest den schon gerne in seiner Freizeit trübsinnige Texte über sein eigenes Ende? Gewiss ist die Auseinandersetzung mit dem Tod für die meisten Menschen eine unangenehme Sache, doch es bleibt ein Fakt, dass wir uns nicht vor ihm verstecken können.

Wir können weder weglaufen noch ewig mit aufgesetzten Scheuklappen durch das Leben gehen und auch wenn es uns zu großen Teilen unseres Werdegangs gelingen sollte, eine direkte Konfrontation mit diesem Thema zu vermeiden, gegen Ende holt uns der Mann mit der Sense trotzdem ein.

Ein gesundes Verhältnis zum Tod

Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein böser Dämon. Sehen wir uns mit ihm konfrontiert, fühlen wir große Trauer und Unbehagen, und dass es in anderen Kulturen anders sein kann, ist uns völlig undenkbar.

Wir versuchen für gewöhnlich schon rein aus dieser Tradition heraus, so weit wie möglich eine Konfrontation mit unserer eigenen Sterblichkeit zu vermeiden. Doch wenn es nun einmal nicht geht, und wir die Nachricht vom Tod eines Menschen vernehmen, sodass wir an die rasch verfliegende Zeit erinnert werden oder wir selbst durch die Qualen einer schlimmen Krankheit betroffen sind, dann fühlen wir sogleich Trauer und Melancholie, gerade weil die Vergänglichkeit uns so direkt ins Gesicht schreit.

Hugo Simberg -Kuoleman puutarha -Der Garten des Todes - 1896

Hugo Simberg – Kuoleman puutarha – Der Garten des Todes – 1896

Entgegen diesem Tabu und der stillen gesellschaftlichen Sitte halte ich es für notwendig und fundamental, so früh wie möglich an seinen eigenen Tod zu denken. Es wird häufig gesagt, dass gerade die Jugend keinen Anlass habe, solcherlei Gedanken zu hegen, da diese jungen Menschen doch noch ihr ganzes Leben vor sich haben.

Genau hier liegt aber der kritische Punkt. Wir müssen der Realität des Lebens entgegentreten und erkennen, dass es für das Leben niemals eine Garantie gibt. Wieso bin ich mir so sicher, dass ich morgen wie gewohnt aufstehen werde? Eines ungewiss fernen Tages wird dies eben nicht der Fall sein.

Philosophieren heißt sterben lernen

Wie viele Menschen sterben wohl genau in diesem Augenblick plötzlich und unerwartet im Gegensatz zu jeder Vorhersage, Erwartung oder Diagnose? Wir sprechen offensichtlich nicht von vollkommen unmöglichen Ereignissen. Diese Einsicht ist besonders wichtig für den Menschen, einfach um ihn zu lehren, den Wert des Lebens aufrichtig und dankbar zu schätzen.

In eine Auseinandersetzung mit dem Tod zu treten, muss nicht zwingend eine zermürbende und angsterfüllende Unternehmung sein, denn das bloße Bewusstsein vom Tod als biologische Notwendigkeit ist dies wirklich nicht. Die Vergänglichkeit zu erkennen und zu akzeptieren, ist ein wichtiger und normaler Prozess, der völlig natürlich und menschlich ist.

Der Tod lächelt uns alle an, das einzige was man machen kann ist zurücklächeln!
– Marc Aurelius

Durch das Herantreten an unsere eigene Sterblichkeit fördern wir in uns ein gewisses Gefühl der Dringlichkeit, das uns zu Handlungen bewegt, anstelle im Warten zu versinken. Wir beginnen augenblicklich kostbarer mit unserer Zeit auf Erden umzugehen, weil wir endlich realisieren, dass uns keine unendliche Zeitspanne zur Verfügung steht, um unseren Vorhaben nachzugehen.

Die Bosheit der Natur

Warum haben wir Menschen nur so eine kurze und vergleichsweise lächerliche Lebenszeit?

Bereits zu Beginn seines Werkes geht Seneca auf das Klagen der Menschen ein, welche jammern und heulen, die „Lebenszeit […] sei uns zu kurz bemessen, zu rasch, zu reißend verfliege die uns vergönnte Spanne der Zeit“ – und die darin mitschwingende Unausweichlichkeit des Todes, hat mich sofort an die erste Strophe eines Gedichts von Hermann Hesse [2] erinnert:

Der Tod als Angler, erste Strophe:

Es sitzt der Tod und angelt uns mit schnöder,
Unsichtbar dünner Leine aus dem Leben.
Uns hilft kein Klugsein und kein Mühegeben;
Er hat Geduld, und magisch lockt sein Köder.

Seneca macht jedoch deutlich, dass dieser Vorwurf ganz absurd und eigentlich lächerlich ist, wenn man bedenkt, dass jene sich beschwerenden Menschen einen Großteil ihres Lebens und ihrer Zeit einzig und allein mit völlig belanglosen Nebensächlichkeiten verschwenden.

Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen.

Die dem Menschen gegebene Lebenszeit reiche absolut aus, wenn sie von Anfang bis Ende gut und entsprechend sinnvoll verwendet wird. Hieraus folgt nun kurzerhand, dass Seneca die Lebensweise der Menschen – geltend für die große Allgemeinheit – tadelt und ihnen wiederum entgegnet, sie seien gerade nicht vom Schicksal auf unfaire Weise gestraft, sondern nur verschwenderisch und mit den falschen Dingen des Lebens beschäftigt. Die Leute klammern sich ans Geld, widmen ihr Leben exotischen oder schädlichen Tätigkeiten, so Seneca.

An dieser Stelle sollte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass Seneca selbst ein wohlhabender Politiker war und damit hohe Verwaltungsposten innehatte, was von vielen Kritikern als Widerspruch zu seiner eigenen Lehre gesehen wird, auch wenn er sich zu diesen Vorwürfen entsprechend geäußert hatte. Dass sein Leben nicht deckungsgleich mit seinen Worten war, vermindert jedoch in keiner Weise die Richtigkeit seiner Mahnungen.

Über die unnützen Beschäftigungen

Seneca beschreibt verschiedene Arten unnützer Beschäftigungen, denen viele Menschen nachgehen. Diese Beschäftigungen sind deshalb unnütz, weil sie nicht dazu beitragen, dem eigenen Glück wirklich näher zu kommen. Stattdessen sind sie an ihrer Oberfläche für den ein oder anderen zwar verlockend, in ihrem Kern jedoch verschwendete Lebenszeit:

  • Erfolgswahn und Reichtum: Den einen hält unersättliche Habsucht in ihren Banden gefangen, den anderen eine mühevolle Geschäftigkeit, die an nutzlosen Aufgaben verschwendet wird.
  • Faulheit und Untätigkeit: Der eine geht in den scheinbaren Freuden des Bacchus (ursprünglich der Name des griechischen Weingottes) also in Sauferei und Völlerei auf, der andere dämmert in trägem Stumpfsinn dahin.
  • Ruhm und Ansehen: Den einen plagt der Ehrgeiz, der immer von dem Urteil anderer abhängt.
  • Patriotismus und Dienst für eine gute Sache: Manche hält der Kriegsdienst in seinem Bann; sie denken an nichts anderes, als wie sie anderen Gefahren bereiten oder ihnen selbst drohende Gefahren abwehren können …

Sparsam mit Geld, freizügig mit der Zeit

Mit der Zeit geht man um, als sei sie in unendlichen Mengen vorhanden und dieser Eindruck besteht, weil sie nicht ein materielles Gut ist, ganz im Gegensatz zum Vermögen beispielsweise. Seneca nennt diese doch sehr geläufige Einstellung eine geistige Finsternis des Menschen.

Da Zeit flüchtig ist und man im ersten Moment gar nicht unter ihrem Verlust zu leiden hat, scheint es leicht, sich diesbezüglich freigiebig zu verhalten, das heißt man verteilt sie willkürlich an andere. Was aber nun das Geld anbelangt, spürt man natürlich sofort einen Einschnitt in der Brieftasche, wenn man gebeten wird, davon etwas wegzugeben. Seneca schreibt dazu:

Es findet sich keiner, der sein Geld austeilen möchte; sein Leben dagegen, unter wie viele verteilt es ein jeder! Ihr Vermögen zusammen zu halten, sind sie immer eifrig beflissen; handelt es sich aber um Zeitverlust, so zeigen sie sich als die größten Verschwender, da wo der Geiz die einzige Gelegenheit hat, in ehrbarer Gestalt aufzutreten. [1, S.123]

Später hab‘ ich ja auch noch Zeit …

Darüber hinaus gibt es laut Seneca noch einen zusätzlichen Aspekt, der dazu beiträgt, warum die Menschen so leichtsinnig mit ihrer Zeit umgehen. Es ist die Möglichkeit zur Verlagerung in die Zukunft, also ein Aufschieben der eigenen Vorhaben, und es sollte aus dem bereits Gesagten sehr einleuchtend sein, warum dies ein großer Fehler ist.

Eben aus dem Grund, dass wir den Eindruck besitzen, die Zeit sei endlos und könne nicht aufhören, gehen wir das Leben an, als existiere nach jedem Abend die Versicherung, dass uns ein frischer Tag zuweht. Auf diese Weise rutschen die meisten Menschen in eine Lebenshaltung ab, die sich ständig auf die Zukunft bezieht.

Wir strecken die Arme nach der Zukunft aus, obwohl diese im Ungewissen liegt [3].

Daraus folgend lassen wir uns oftmals mit einem einfachen und wohlbekannten Spruch zufriedenstellen: ›Das mache ich irgendwann später‹. Doch wie wir nun geklärt haben, ist dieses Irgendwann eine hohle Versprechung, auf die man sich nicht verlassen sollte. Seneca stellt treffend fest, dass der größte Verlust für das Leben die Verzögerung ist, weil diese uns immer gleich den ersten Tag entzieht und uns die Gegenwart raubt.

Fazit: Nutze dein Leben!

Nach Seneca ist das Leben also keinesfalls kurz. Es gilt stattdessen, dass der schlechte Gebrauch es dazu macht.

Die Menschen verlieren sich in Kleinigkeiten und gehen in ihrem Alltag hauptsächlich Dingen nach, die aus der Perspektive einer großen Gesamtheit des Lebens wirklich nichts zählen. Eine verblendete Perspektive macht uns glauben, dass das Leben für uns Tag und Nacht alle Tore sperrangelweit offen hält.

Bloß weil wir es gewohnt sind, jeden Morgen auf ein Neues aufzuwachen, denken wir aus einer kindlichen Naivität heraus nicht an unsere Sterblichkeit, bis sie uns schließlich doch – spätestens im Alter – einholt.

Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch versucht, sie indes auszunutzen.
– Arthur Schopenhauer

Besonders heutzutage ist das Streben nach Reichtum, Ruhm, Erfolg, Ansehen und Luxus auf so unglaubliche Höhe angewachsen, dass es nicht weiter verwunderlich ist, weshalb in der modernen Leistungsgesellschaft ein nie auf diese Weise dagewesenes Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere zum Regelzustand gemeinsam aufgestiegen ist.

Mehr und mehr Menschen stellen verbittert fest, dass sie ihr gesamtes Leben weggeworfen haben, indem sie am Ende ihrer Jagd nach Scheinglück einerseits natürlich ohne Glück und andererseits ohne Zeit, also gebrochen mit leeren Händen und einer unerträglichen Erinnerung an ungenutzte Potenziale dastehen.

Alles für den Ruhestand aufbewahren

Hierzu möchte ich abschließend ein Phänomen anbringen, das so typisch und so häufig um die Ohren fliegt, dass es kaum zu glauben ist wie verdreht Zeit, Tod und Leben in den Augen unserer Leistungsgesellschaft abgebildet sind. Es handelt sich um den Ruhestand und die Zeit im Leben, die man sich nimmt, um das zu tun, was man schon immer tun wollte [1]. Wir sollten uns die diesbezüglichen Worte Senecas gut im Herzen einschließen:

Wie oft vernimmt man die Äußerung: „Mit dem fünfzigsten Jahre begebe ich mich in den Ruhestand, mit dem sechzigsten mach‘ ich mich frei von aller amtlicher Tätigkeit.“ Und wer leistet dir Bürgschaft für ein längeres Leben?

Wer soll den Dingen gerade den Lauf geben, den du ihnen bestimmst? Schämst du dich nicht, nur den Rest deines Lebens für dich zu behalten und dir für dein geistiges Wohl nur diejenige Zeit vorzubehalten, die sich zu nichts mehr verwenden lässt? Welche Verspätung, mit dem Leben anzufangen, wenn man aufhören muss!

Was für eine Torheit, was für ein gedankenloses Übersehen der Sterblichkeit, auf das fünfzigste und sechzigste Jahr alle Heilspläne hinaus zu schieben und es sich in den Kopf zu setzen, das Leben zu beginnen an dem Punkte, bis zu dem es nur wenige bringen.
[1, S.124]


Quellen und Verweise

[1] Seneca, Lucius Annaeus; Apelt, Otto (Hrsg.): Von der Seelenruhe, Vom glücklichen Leben, Von der Musse, Von der Kürze des Lebens. Köln: Anaconda, 2010.

[2] Hesse, Hermann: Das Lied des Lebens. Gedichtsammlung. Berlin: Suhrkamp, 1995, S.141.

[3] Artikel: Alan Watts – Weisheit des ungesicherten Lebens.

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Podcast: TABUBRUCH: Lasst uns einfach mal über den Tod sprechen.

Buch: Safranski, Rüdiger: Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. München: Hanser Verlag, 2015.

Buch: Tolstoi, Lew: Der Tod des Iwan Iljitsch. Köln: Anaconda, 2008.