Was heißt es überhaupt danach zu fragen, was der Sinn des Lebens ist? Und was heißt es zu fragen, was ein gutes Leben ist? In diesem Artikel soll ein grober Einblick darin entstehen, wie einige grundlegende Interpretationen der Fragen und klassische Antwortoptionen lauten.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Interpretationen der Frage
  2. Sinn in einem sinnlosen Universum
  3. Das Problem der Rechtfertigung
  4. Klassische Antwortkategorien
  1. Auf welchen Ebenen kann man die Frage nach dem Sinn des Lebens betrachten?
  2. Was ist der Kipppunkt der Aufklärung?
  3. Welche klassischen Antwortkategorien gibt es?

Interpretationen der Frage

Dieser Artikel korrespondiert mit der ersten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels.

Die Frage zu stellen, was der Sinn des Lebens ist, hat bereits viele verschiedene Bedeutungen im Alltagsverständnis und zielt je nach Interpretation auf eine andere Antwort ab. Man könnte darauf aus sein, wissen zu wollen, warum das Universum existiert oder warum überhaupt Irgendetwas existiert und damit wären wir bei der Grundfrage der Metaphysik, die Martin Heidegger wie folgt formulierte: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ [1]

Mit der Frage kann aber auch gemeint sein, ob es so etwas wie einen Plan, besser gesagt ein Ziel für das Universum gibt. Man geht also auf die Entwicklung der Dinge ein, auf den Lauf der Welt und unserer Geschichte und mit Letzterem kann man auch anfangen, die Frage zuzuspitzen. Anstatt auf das Universum zu schauen, kann man auch nur den Menschen im Blick haben und fragen, warum und wozu der Mensch existiert.

Und schließlich führt uns die letzte Formulierung zu einer weiteren Interpretation, die wahrscheinlich am ehesten dazu anleitet, sich überhaupt die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, nämlich: Warum und wozu existiere ich? [2]

All diese Interpretationen der Ausgangsfrage – auch wenn es sich bei Weitem nicht um jede Möglichkeit handelt – sind an und für sich korrekt, das heißt es ist kaum hilfreich sie untereinander aufzuwiegen und nach Wichtigkeit zu ordnen. Sie alle haben ihre Berechtigung und wir werden auch auf alle mehr oder weniger in ähnlichem Maße eingehen, wenn wir uns durch die verschiedenen Themen einzelner Episoden arbeiten.

Sinn in einem sinnlosen Universum

Interessant ist es an dieser Stelle einen ersten Blick auf die grundsätzlichen Schwierigkeiten zu werfen, die man bei den ersten Antwortversuchen auf diese Interpretationen vorfindet. Beziehen wir uns etwa auf die erste Formulierung, also ›Warum existiert das Universum?‹, so laufen wir zunächst scheinbar in eine Sackgasse.

Was wir über das Universum wissen, sagt uns natürlich die Physik. Diese ist aber in ihrer Untersuchung der Realität rein deskriptiv, und eben in ihrer Beschreibung der Realität erscheint und diese im Kern ohne Absichten. Atome interagieren mit Atomen, Sterne brennen aus, Galaxien verschmelzen – was soll das für uns Menschen bedeuten?

Anders und vereinfacht gesagt, kann die Physik vielleicht eine wertneutrale Antwort auf die Frage nach der Existenz des Universums, zum Beispiel im Rahmen des Standardmodells der Kosmologie liefern, aber irgendwie scheint dies am Wesentlichen der Frage vorbeizugehen.

Und hier sind wir bereits bei einer zentralen Feststellung, die für die gesamte Diskussion zum Thema Sinn entscheidend ist. Wenn wir eben danach fragen, was der Sinn des Lebens ist, zielen wir nicht auf eine Antwort ab, die uns jedes Detail der Entstehung des Universums bloß beschreibt.

Es geht uns vielmehr darum, einen Grund für die Existenz des Universums begreifen zu wollen, besser gesagt eine Rechtfertigung, vielleicht eine Art Narrative, die uns erklären kann, was wir auf einer Steinkugel mitten im Nichts zu suchen haben.

Das Problem der Rechtfertigung

Die Idee der Rolle einer solchen Rechtfertigung ist hier ziemlich simpel: Angenommen, einer deiner Freunde hat sich ein neues Buch gekauft. Nun willst du wissen, warum er sich das Buch gekauft hat. Wenn du aber eine Antwort erhältst, die beschreibt wie das Buch geschrieben, produziert und vom Buchladen in sein Bücherregal gekommen ist, wird dich das wenig zufriedenstellen. Denn was du eigentlich wissen willst, ist der Grund für den Kauf, so etwas wie: Ich habe das Buch gekauft, weil ich es für mein Studium brauche.

Der Blick auf das Universum durch die Brille der Physik scheint uns intuitiv keine Antwort geben zu können, die uns beim Fragen nach dem Sinn des Lebens zufriedenstellt. Wir können dies als Indiz aufnehmen, entweder die Suche nach einem Sinn völlig aufzugeben, wie es die skeptischen Positionen tun, oder an anderer Stelle bzw. mit einer anderen Perspektive weiter zu suchen, wie es ausgefeilte naturalistische und humanistische Antworten tun.

Was wir aber noch aus der aufklärerischen Wirkung physikalischer Beschreibung der Realität mitnehmen müssen, ist folgende zwar vereinfachende aber dennoch nützliche Formel: Mit der Physik hat der Mensch sowohl die Gesetzmäßigkeiten der Natur zugleich aber auch die Zufälligkeit seinen eigenen Lebens enthüllt.

Mit dieser paradigmatischen Wende, die zum Beispiel Bertolt Brecht in seinem Schauspiel Leben des Galilei schön darstellt, kommt umso mehr eine existentielle Komponente in die Frage nach dem Sinn des Lebens hinein.

Bis zu diesem Kipppunkt der Aufklärung hat sich der Mensch gewöhnlich als eingebunden in eine kosmische Ordnung empfunden, was nun aber schwinden musste. Auf sich selbst zurückgeworfen, ist der Mensch plötzlich mit seinem Dasein und dessen wesentlichen Charakter konfrontiert. Konsequenzen sind Gefühle der Isolation, der Entfremdung aber auch des Staunens wie der christliche Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal es beschreibt:

Bedenke ich die kurze Dauer meines Lebens, aufgezehrt von der Ewigkeit vorher und nachher; bedenke ich das bißchen Raum, den ich einnehme, und selbst den, den ich sehe, verschlungen von der unendlichen Weite der Räume, von denen ich nichts weiß und die von mir nichts wissen, dann erschaudere ich und staune, daß ich gerade hier und nicht dort bin, weshalb jetzt und nicht dann. [3]

Zusammengefasst kommen wir also von der Frage ›Warum existiert das Universum?‹ zur Frage ›Was rechtfertigt die Existenz des Universums?‹ und wie wir noch in kommenden Episoden sehen werden, spielen beide Fragen in deren Kombination eine große Rolle unter anderem in sogenannten theistischen Positionen zum Sinn des Lebens, die zum Beispiel auch Pascal einnimmt.

Klassische Antwortkategorien

Hiermit haben wir bereits die wichtigsten Klassifikationen der Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens angesprochen. Rekapitulieren wir nochmals systematisch: Es gibt zum einen theistische Antworten. Diese stehen zum anderen nicht-theistischen bzw. humanistischen Antworten gegenüber. Die dritte Option ist eine skeptische Antwort, die entweder die Frage nach dem Sinn des Lebens an sich oder unsere Möglichkeit sie zu beantworten, bezweifelt [2].

Die Einteilung in theistische und nicht-theistische Antworten kann man jedoch noch etwas verfeinern, indem man erstere wiederum aufteilt in Gott-zentrierte, Seelen-zentrierte oder gemischte Theorien und Letztere in subjektive und objektive Theorien [4].

Gott-zentrierte Theorien gehen davon aus, dass der Sinn des Lebens von der Existenz eines Gottes oder zumindest von unserem Glauben an Gott abhängt. Sinn entsteht dann dadurch, dass Gott ihn uns verleiht, bzw. ein Weltgeschehen erschafft, das in sich sinnvoll ist. Diese Position spielt im religiösen Rahmen natürlich eine wichtige Rolle, es finden sich aber nicht viele Werke, in denen diese Art Antwort aus philosophischer Sicht begründet wird.

Gleichzeitig sind Gott-zentrierte Theorien alles andere als homogen. Es gibt fundamentale Unterschiede darin, wie die Theorien jeweils ausformuliert werden. Offensichtliche Fragen, die sich dabei stellen, sind unter anderem ›Wer oder was ist Gott?‹ und ›Was kennzeichnet die Relation zwischen Gott und Mensch?‹. Ein gutes Beispiel für eine theistische Position findet man etwa in Tolstojs Werk Meine Beichte, auf das wir noch zu sprechen kommen werden.

Seelen-zentrierte Theorien sind in der Regel mit Gott-zentrierten Theorien kombiniert, wonach die Seele etwas ist, was direkt von Gott stammt – dies bezeichnet nichts anderes als die gemischte Theorie. Reine Seelen-zentrierte Theorien gehen davon aus, dass jeder Mensch oder sogar jedes Wesen eine immaterielle unsterbliche Seele besitzt, die seine eigentliche Essenz darstellt. Vereinfacht gesagt, kann es laut dieser Theorie kein sinnvolles Leben geben, wenn dieses endlich ist. Da die Seele aber unsterblich ist, konstituiert sie Sinn für das menschliche Leben. [4]

Generell vereint nicht-theistische Positionen die geteilte Prämisse, dass es keine Seele, keinen Gott und insgesamt keine transzendente Ebene gibt, das heißt etwas, das über die physikalische Welt hinausgeht. Sinn muss deshalb zwingend in dieser Welt und nicht außerhalb dieser Welt gefunden werden, wenn es ihn gibt.

Wie nicht-theistische Theorien auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antworten, ist höchst unterschiedlich. Eine zentrale Unterscheidung der Antworten besteht in der Dimension ihrer Gültigkeitsansprüche. Im Gegensatz zu theistischen Positionen, die den Sinn des Lebens objektiv, also für jeden Menschen gleich ansehen, spalten sich nicht-theistische Antworten in diesem Punkt. Gerade die Schwierigkeit, eine objektive Antwort zu finden, leitet dazu an, den Sinn des Lebens als etwas Subjektives anzusehen, das jeder Mensch für sich selbst finden oder erschaffen muss.

Diese grobe Einteilung der Interpretation unserer Ausgangsfrage nach dem Sinn des Lebens und damit zusammenhängende Kategorien für Antwortmöglichkeiten ist ein erster Ansatzpunkt, um unsere Reise zu starten. In den kommenden Episoden des Podcasts werden wir die erwähnten Antwortkategorien eingehend untersuchen und auf ihre Argumente hin prüfen.

In der ersten Podcast-Episode spreche ich neben der Einführung zum Thema Sinn auch über das gute Leben. Du findest das neue Format wie unseren bisherigen Podcast auf den üblichen Kanälen. Außerdem ist der Podcast auch auf YouTube zu hören. Herzlichen Dank für das Zuhören und bis zur nächsten Episode!

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Was kann man von diesem Format inhaltlich erwarten?
  3. Was ist das Ziel des Formats und an wen richtet es sich?
  4. Wie ist das neue Format aufgebaut?
  5. Einführung in die Frage nach dem Sinn des Lebens
  6. Einführung in die Frage nach dem guten Leben
  1. 00:00 – 00:36
  2. 00:37 – 01:39
  3. 01:40 – 04:23
  4. 04:24 – 05:09
  5. 05:10 – 15:37
  6. 15:38 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Heidegger, M.: Wegmarken. von Herrmann, F-W. (Hrsg.). Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2013, S.103ff.

[2] Vgl.: Cahn, S.; Klemke, E.: The Meaning of Life. A Reader. New York/Oxford: Oxford University Press, 2008, S.2f.

[3] Pascal, B.: Über die Religion und einige andere Gegenstände [Penseés]. Wasmuth, E. (Üb.). Tübingen, 1948, Fr. 205.

[4] Vgl.: Metz, T.: Meaning in Life. New York/Oxford: Oxford University Press, 2013, S.77ff.; 163ff.