Weniger ist mehr – bloß eine blöde Floskel? Dieser Beitrag widmet sich dem Versuch, das einfache und das gute Leben in Verbindung zu bringen. Ich möchte klären, was es heißt minimalistisch zu leben und wie wir uns dadurch von inneren und äußeren Zwängen befreien können.

INHALTÜBERBLICK
  1. Warum Minimalismus?
  2. Auf zum Essentialismus!
  3. Minimalismus und Sinnhaftigkeit
  1. Warum sollten wir minimalistisch sein?
  2. Was ist der Essentialismus?
  3. Macht Minimalismus das Leben sinnvoller?

Warum Minimalismus?

Minimalimus als Lebensstil hat sich um das Jahr 2006 zu einem großen Trend entwickelt, der mit einigen wenigen Bloggern startete, die damals anfingen über das einfache Leben zu schreiben. Einer dieser Blogger ist Leo Babauta, Gründer von zenhabits.net, der mittlerweile über zwei Millionen regelmäßige Leser angezogen hat. Wenngleich der Begriff ›Minimalismus‹ wohl gerade durch diesen Hype so unklar wie noch nie ist, erschafft dieser eine Faszination in Zeiten von Hektik und Unsicherheit.

Dies führt uns unmittelbar zur Quelle jener Faszination: Angesichts der Klimakrise, der wütenden Zerstörung durch einen ungezügelten Kapitalismus, dem Ausbruch eines reaktionären Denkens und dergleichen mehr, scheinen mehr und mehr Menschen überfordert – und das zusätzlich zu den herkömmlichen Herausforderungen des Lebens.

Aber das hilft uns nicht zu verstehen, was mit Minimalismus gemeint wird. In den meisten Fällen folgen Beschreibungen wie diese, um den Begriff auszulegen: Minimalismus heißt, weniger zu konsumieren, weniger zu besitzen, sich besser zu organisieren und so weiter.

Getreu der buchstäblichen Bedeutung des Wortes, ein Vorsatz des Minimalen, also des Immer-Weniger zu sein, wird es nicht einleuchtend, was Minimalismus von Enthaltung und Verzicht unterscheidet.

Denn minimalistisch zu leben, heißt nicht, nur bei den Extremstellen des Lebens einzusparen. Insofern wird es schwer, eindeutig sagen zu können, wo wir in unserem alltäglichen, ja schon banalen Leben minimaler werden sollen und vor allem wozu. Ein Beispiel soll uns dabei helfen, all dies besser zu verstehen.

Sicherlich ist dir bereits aufgefallen, dass Menschen oftmals Dinge kaufen, nicht weil sie diese brauchen oder weil sie besonders qualitativ sind, sondern einfach deshalb, weil sie sich selbst und anderen gegenüber eine gewisse Erwartung erfüllen wollen, ein gewisses Ansehen erlangen wollen oder einfach mitteilen wollen, dass sie sich etwas leisten können. Der Soziologe Thorstein Veblen (1857–1929) beschreibt dieses Phänomen erstmals als conspicuous consumption:

Demonstrativer Konsum ist die Ausgabe von Geld und der Erwerb von Luxusgütern und Luxus-Dienstleistungen, um die wirtschaftliche Macht öffentlich zu zeigen – vom Einkommen oder vom angesammelten Vermögen des Käufers. Für den demonstrativen Verbraucher ist eine solche öffentliche Darstellung von wirtschaftlicher Ermessensbefugnis ein Mittel, um einen bestimmten sozialen Status zu erreichen oder aufrechtzuerhalten. [1]

Vom Standpunkt des Minimalisten scheint eine Antwort auf dieses Phänomen einfach. Sie lautet: Kaufe weniger!

Doch diese Antwort ist nur deshalb so einfach zu geben, weil es sich bei diesem Beispiel um ein extremes Verhalten handelt. Im selben Zug müssen wir alle wohl eingestehen, dass wir in irgendeiner Form einem extremen Verhalten nachgehen: Der eine arbeitet zu viel, der andere trinkt zu viel, wieder ein anderer verbringt zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten und so weiter.

In allen diesen Fällen ist es für uns ratsam, in jener extremen Sache minimalistisch zu sein, doch führt uns dies allein nicht zum guten Leben. Es fehlt uns hierfür ein anderes Kriterium, das mir persönlich viel zu spät in die Debatte rundum ›Minimalismus‹ eingeführt wird, nämlich das des Essentiellen.

Auf zum Essentialismus!

Unter Essentialismus versteht man in der Philosophie, dass ein konkreter oder auch abstrakter Gegenstand mit notwendigen Eigenschaften ausgestattet ist, um dieser Gegenstand sein zu können. Diese Eigenschaften sind also unverzichtbar – sie machen den Gegenstand zu dem, was er ist.

Dasselbe Muster können wir auf unser alltägliches Leben übertragen und stellen damit eine Frage, die der Minimalismus wenn überhaupt implizit behandelt, nämlich: Was ist für mich notwendig, um ein gutes Leben zu führen?

Die antiken, altehrwürdigen Philosophen wie Aristoteles haben auf die Frage nach dem guten Leben allgemeine Antworten zu liefern versucht, doch dies bleibt uns im Felde des Minimalismus erschwert, da dieser meist lediglich auf praktische Belange des alltägliches Lebens konzentriert ist.

Es geht dann darum, seinen Schreibtisch zu gestalten oder seine Klamotten zu sortieren, doch diese Methode, in einer Zeit des Überflusses und der Überforderung psychisch und physisch auszumisten, bringt uns nur weiter, wenn wir beginnen, uns auf das Wesentliche, d.h. das Essentielle zu konzentrieren.

Dies ist das eigentliche, was uns am Minimalismus fasziniert: Wir schaffen Raum dafür, uns wirklich auf die Dinge fokussieren zu können, die uns und unserem Leben im Kern beiwohnen. Der Minimalismus als eine verneinende Praxis gewinnt erst dann seinen Glanz, wenn wir durch den Essentialismus bejahende Kraft für die wichtigen Dinge im Leben gewinnen.

Minimalismus und Sinnhaftigkeit

Du hast dich sehr geirrt, wenn du erwartet hast, ich würde dir hier eine Liste mit den Dingen aufschreiben, die ein gutes Leben charakterisieren. Das gute Leben, in dem Sinne ein glückliches Leben zu führen, ist nämlich von höchst individuellen Faktoren abhängig. Diese fächern sich auf bis in die Gestaltung unseres Alltags und der Strukturierung jedes einzelnen unserer Tage.

Es mag hilfreich sein, sich hierfür tatsächlich am Minimalismus zu orientieren und zudem einfache Regeln zu beachten wie etwa die, dass uns Erfahrung weitaus glücklicher macht als Besitz [2] und ähnliche. Dass wir uns darüber hinaus auf das Wesentliche in unserem Leben konzentrieren müssen, um glücklich und sinnerfüllt sein zu können, ist unvermeidlich.

Der klinische Psychologe Hein Zegers offenbart uns hierfür eine einfache Methode, die er unter dem Akronym BASICS und dem Begriff ›Essencing‹ zusammenfasst [3]:

  1. Back – Einen Schritt zurück: Entschleunige dein Leben für den Moment und betrachte es aus der Ferne.
  2. Attention – Aufmerksamkeit: Beachte die kleinen Dinge in deinem Alltag und dein inneres Erleben.
  3. Select – Auswählen: Wähle bewusst, was dir in deinem Leben wichtig ist.
  4. Invest – Investieren: Fächere die Art und Weise wie du deine Ziele erreichst auf, und setze deine Ressourcen ein, um sie zu erreichen.
  5. Cut – Aussortieren: Was nicht zu einem sinnvolleren Leben beiträgt, muss entfernt werden.
  6. Sense – Erleben: Menschen, die erfolgreich diesen Schritten nachgehen, erleben ihr gegenwärtiges Leben als viel bedeutungsvoller. Jeder Schritt, den sie unternehmen, ist mit einem umfassenderen Bild davon versehen, worum es in ihrem Leben geht. Ihr Leben macht einfach Sinn.

Um Erfolg mit diesen Schritten zu verzeichnen, musst du dich immer wieder auf Nummer 3, 4 und 5 konzentrieren und diese wiederholen – dies heißt Essencing.


Quellen und Verweise

[1] Bullock, Alan: The New Fontana Dictionary of Modern Thought. Harpercollins Pub Ltd., Third Edition, 1993, 162, Übersetzung durch den Autor.

[2] Vgl.: Hamblin, James: Buy Experiences, Not Things, in: The Atlantic, 2014.

[3] Vgl.: Zegers, Hein; Verheyen, Els: BASICS and Essencing as a Positive Psychology Clinical Intervention, in: Positive Clinical Psychology: An International Perspective. Issue 1, 2018.

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Video: Matt D’Avella: What minimalism really looks like … | YouTube (ENG)