Über die Strukturen von Verschwörungsmythen

Bill Gates auf dem Weg zur Weltherrschaft, Gedankenkontrolle durch 5G, gen-manipulierendes Impfen – was man heute nicht alles zu hören bekommt! Sogenannte Verschwörungstheorien blühen seit Beginn der Corona-Pandemie wieder in erschreckenden Ausmaßen auf. Warum man diese besser Verschwörungsmythen nennt und warum bestimmte Menschen anfällig dafür sind, an diese zu glauben, ist Gegenstand dieses Beitrags.

Die Theorie ohne Theorie

Verschwörungstheorien beziehen sich auf einen erstaunlichen Bereich von Situationen, von lokaler bis globaler Ausdehnung über politische, soziale, familiäre und unzählige weitere Domänen hinweg.

Sie können sich gezielt gegen eine klar erfasste Gruppe richten, wie etwa in den immer wiederkehrenden Verschwörungstheorien gegen Juden und Jüdinnen beginnend mit den Ritualmorden, der Brunnenvergiftung als Pestursache im 14. Jahrhundert und der auch während der Corona-Pandemie erneut aufflammenden Verschwörungstheorie von einer jüdischen Weltherrschaft.

Sie können aber auch unspezifisch gegen einzelne historische und politische Geschehnisse – z.B. das Attentat auf John F. Kennedy – oder allgemeine Phänomene – z.B. Chemtrails – gerichtet sein.

Verschwörungstheorien sind Versuche, die letztendlichen Ursachen bedeutender sozialer und politischer Ereignisse und Umstände mit Behauptungen über geheime Verschwörungen von zwei oder mehr mächtigen Akteuren zu erklären. [1]

Angesichts dieser Bandbreite scheinen Verschwörungstheorien kaum einheitlich charakterisierbar zu sein. Dies mag auf eine inhaltliche Charakterisierung zutreffen, nicht aber auf eine strukturelle.

Verschwörungstheorien können als weit verbreitetes Phänomen mehrheitlich auf struktureller Ebene einer Klasse von Überzeugungen zugerechnet werden, die sich als selbst-validierend auszeichnen lassen. Selbst-validierende Überzeugungen stützen ihren Wahrheitsanspruch mit Belegen und Rechtfertigungen, die wiederum aus ihrem eigenen Überzeugungssystem gewonnen werden. Diese zirkuläre Struktur bedient sich verschiedener Strategien, um sich erstens als legitime Theorie zu etablieren und zweitens gegenüber Kritik und Widerlegung resilient zu machen [2].

Verschwörungstheorien sind aufgrund dieser Struktur letztlich keine Theorien. Angebrachter ist der Begriff des Verschwörungsmythos oder der Verschwörungsideologie. Den Wechsel von ›Theorie‹ zu ›Mythos‹ oder ›Ideologie‹ zeichnet aus, dass Letztere genau wie Theorien zwar Anspruch auf Wahrheit erheben, sich dabei aber die Gültigkeit dieses Anspruchs auf willkürliche Weise selbst bescheinigen.

Die Gültigkeit des Wahrheitsanspruchs eines Verschwörungsmythos wird nicht wie bei wissenschaftlichen Theorien über Belege erbracht, die rational nachvollziehbar und durch systematische und objektive Methoden strukturiert sind – insofern bleibt der Geltungsanspruch für die behauptete Wahrheit eines Mythos immer eine bloße Behauptung.

Mythen und Ideologien gehen nicht von rationalen Strukturen, Begründungsketten, verlässlichen Belegen und kritischer Selbstprüfung aus. Sie sind nicht an wissenschaftlicher Wahrheitsfindung interessiert. Ihr Ziel ist es, den eigenen Anspruch auf Wahrheit geltend zu machen, indem sie möglichen Rezipient*innen durch ein intuitives Ansprechen auf der Ebene von Gefühlen begegnen.

Im Kontrast zu einer falsifizierbaren Theorie, d.h. einer Theorie, die grundsätzlich ihre eigene Widerlegung durch gegensätzliche Belege zulässt, folgen Mythen passend zu Verschwörungsmythen keinem Standard, der sie als Theorie qualifizieren könnte. Sie sind in aller Regel weder kohärent noch rational begründet noch stehen sie in einem kausalen Zusammenhäng zu den Tatsachen der Realität.

Dem gegenüber folgt eine Theorie dem Netzwerk sich gegenseitig stützender Begründungen unter Berufung auf einen verbindlichen epistemischen bzw. wissenschaftlichen Standard. Theorien, die wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis sind, haben eine besondere Verpflichtung gegenüber der Wahrheit.

Eine gute Theorie ist stets dazu verpflichtet, ihre eigenen Schwachstellen offenzulegen, diese gezielt zu suchen und damit zu testen, ob die angenommene Theorie gültig ist.

Insbesondere zur Zeit der Corona-Pandemie wurde wieder deutlich, dass verbreitete Überzeugungen von Verschwörungen keine Theorien sind, sondern Mythen, d.h. bloße Behauptungen, die jedoch mit einem Anspruch auf Wahrheit auftreten. Charakteristisch ist hierfür, dass Verschwörungsmythen abweisend gegenüber rationalen Begründungen sind, die ihnen kritisch entgegengehalten werden.

Für den Mythos reicht es aus, alles, was wiederum nicht der Mythos selbst ist oder darin aufgeht, als verschwörerisch zu diskreditieren. Für den Verschwörungsmythos kann letztlich nur das wahr sein, was die eigene Perspektive bekräftigt.

„Ist die Verschwörungsideologie erst einmal im Bewusstsein verankert und eine Weltverschwörung ausgemacht, kommt es mittels zunehmender selektiver Wahrnehmung zu einem magischen Bewusstsein. Überall werden Zeichen der Verschwörung gefunden, und der eigene Glaube verfestigt sich. Die Auswahl der Verschwörungsgruppe basiert auf den Stereotypen und Vorurteilen der VerschwörungstheoretikerInnen und schürt gleichzeitig ein nationales und xenophobes Ressentiment, basierend auf dem geknechteten Volk, dem kollektiven Wir, das von Strippenziehern ausgebeutet wird.“ [3]

›Covidioten und Leerdenker‹

Entgegen der breiten Bestrebungen für Solidarität sind im Verlauf der Corona-Pandemie immer wieder – und mit einer erschreckend hohen Unterstützung – auch solche Bestrebungen aufgetreten, die in ihrem Kern alles andere als eine Stärkung von Solidarität zum Ziel hatten.

Durch die vor allem in Deutschland ausgeprägten Corona-Demonstrationen wurde vermehrt Aufmerksamkeit auf das Thema ›Verschwörungstheorie‹ gelenkt.

Augenscheinlich klar umrissene Gruppierungen wie ›Querdenken 711‹ und ›Widerstand 2020‹, die als Antreiber der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen fungiert haben, dienten im Zuge dessen auch als Brennpunkte für Verschwörungsmythen und ihre Anhänger*innen. Wie lassen sich diese Gruppierungen beschreiben?

Die verbreitete Tendenz zur Verwendung von Neologismen wie ›Covidioten‹ und ›Leerdenken‹ gibt eine klare Richtung vor. Sie konzentrieren sich auf das Merkmal der Intelligenz und machen deutlich, dass die Personen innerhalb dieser Gruppierungen vor allem eines sind, nämlich dumm.

Selbst wenn dies angemessen erscheint, beinhalten Neologismen wie ›Covidioten‹ oder ›Leerdenker‹ die Gefahr, durch Übergeneralisierung die Illusion einer homogenen Gruppe aufzubauen, die bloß unter dem gemeinsamen Nenner einer einzigen Eigenschaft – nämlich der Dummheit – verstanden wird.

Jene Menschen, die für Verschwörungsmythen empfänglich oder von diesen bereits vollkommen eingenommen sind, insgesamt Corona-Leugner*innen und ihre Sympathisanten in erster Linie als ›dumm‹ zu beschreiben, ist angesichts der zugrundeliegenden Problematik und ihrer tiefgreifenden Konsequenzen für eine solidarische Gemeinschaft und ein funktionierendes demokratisches System zu simpel. Tatsächlich ist die Sachlage komplexer.

Die Zusammensetzung jener Gruppierungen, die Querdenker*innen, Corona-Leugner*innen und ihre Verschwörungsmythen beinhalten, sind auffällig heterogen und bestehen aus sozial ungleichartigen Gruppen, „die über geteilte Mentalitäten verbunden sind“ [4, S. 51].

Neben den Rechtsgesinnten, Antisemit*innen, Nazis und ihren Sympathisanten, die offenbar inmitten der Corona-Proteste versammelt sind, ist vor allem jene Gruppe auffällig, die vor der Corona-Pandemie noch unscheinbar war, sich nun aber auf direkte Weise öffentlich in das Gebiet der Verschwörungsmythen begibt und dabei offensichtlich auch keine Scheu hat, Seite an Seite mit Nazis an den Demonstrationen teilzunehmen.

Die bislang umfassendste empirische Untersuchung jener Gruppierungen, die in Verbindung zu den Corona-Protesten stehen, stammt von Oliver Nachtwey et al. (2020) und weist auf ihre ambivalenten und heterogenen Strukturen hin:

„Es handelt sich nicht um eine, sondern um mehrere, häufig disparate soziale Gruppen, die über geteilte Mentalitäten verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich mehrheitlich um gebildete Angehörige der Mittelschicht handelt. […] Sozialstrukturell handelt es sich um eine relativ alte und relativ akademische Bewegung. Das Durchschnittsalter der Umfrageteilnehmer:innen beträgt 47 Jahre, 31% haben Abitur, 34% einen Studienabschluss. Letzteres ist höher als der schweizerische Durchschnitt von 29.6% und fast doppelt so hoch wie in Deutschland, wo 18.5% über einen Hochschulabschluss verfügen.“ [4, S. 51]

Diese Heterogenität bewirkt, dass die Gruppierungen im Zentrum der Corona-Demonstrationen nicht als „eine genuin autoritäre Bewegung, wie es etwa bei PEGIDA der Fall war“ [4, S. 52] beschrieben werden können. Zur selben Schlussfolgerung gelangt Ulrike Vieten (2020) in ihrem Aufsatz The COVID-19 Crisis and Anti-Hygienic Mobilisation of the Far-Right:

„Querdenken 711 and Widerstand 2020 are protest initiatives founded by (white) middle-class citizens foregrounding their interest in going back to (or keeping) the previously enjoyed “normal life” and privileges without COVID-19 restrictions. Whereas these protest movements cannot be labelled far-right populist, their anti-elite anger and willingness to share platforms with neo-Nazis, anti-Semites, and Reichsbürger, confirms the argument for the normalization of far-right orientations and blurred boundaries“. [5, S. 11]

Mainstreaming der Rechten

Es kann nicht oft genug betont werden, dass zu den ›Covidioten‹ und ›Leerdenkern‹ vor allem auch Rechtsgesinnte, Antisemit*innen, Nazis und deren Freunde zählen, die sich im Gemenge der neuen Umstände durch die Corona-Pandemie unter dem einheitlichen Narrativ eines selbst-erdachten ›Widerstands‹ vereinen.

Diese Anteile bilden jedoch nicht die tragende Mehrheit der Corona-Demonstrationen. Sie befeuern in erster Linie die ambivalenten Strukturen der verantwortlichen Gruppierungen, die intern aber nicht als Ambivalenzen aufgefasst werden. In anderen Worten: Diejenigen, die bei den Corona-Demonstrationen zusammen mit Nazis, Antisemit*innen und dergleichen auf die Straßen gehen, selbst zuvor aber nie als solche aufgefallen sind, betrachten ihr eigenes Verhalten auch nicht als ein Problem.

„Insgesamt sind Querdenker:innen, soweit sie an unserer Erhebung teilgenommen haben, weder ausgesprochen fremden- oder islamfeindlich, in einigen wenigen Bereichen sogar eher anti-autoritär und der Anthroposophie zugeneigt.“ [4, S. 53]

Die Bewegung als Ganzes tendiert scharf zum rechten politischen Spektrum. Diese Tendenz wird jedoch nicht durch jene Personen erzeugt, die bereits vor der Corona-Pandemie die AfD gewählt haben oder als Nazis und Antisemit*innen bekannt waren.

Schließlich wählten 41% der 1150 befragten Personen aus dem Umfeld der Corona-Demonstrationen bei der letzten Bundestagswahl die Linke oder die Grünen, nur 15% die AfD [vgl.: 4, S. 51f.]. Die scharfe Tendenz zum rechten politischen Spektrum entsteht in erster Linie durch die Bereitwilligkeit und Kooperation seitens uneinheitlicher sozialer Gruppen, die durch Verschwörungsdenken und ihre entsprechenden Verschwörungsmythen zusammengeschweißt sind.

Allerdings handelt es sich klar um eine Bewegung, die nach rechts offen ist und über ein beträchtliches immanentes Radikalisierungspotenzial verfügt. Eine Mehrheit hält die AfD für eine normale Partei und empfindet die Aufregung um Reichskriegsflaggen auf den Demonstrationen für übertrieben. [4, S. 54]

Dieses Bündnis trägt zum Mainstreaming, d.h. zur Normalisierung der Rechten bei, indem diese durch das gemeinsame Ziel des Protests direkten Anschluss finden, unterstützt werden, Aufmerksamkeit erhalten und von bisher außerhalb des rechten Spektrums stehenden Gruppen akzeptiert werden. Dieses Maß an Bereitwilligkeit und Kooperation birgt eine erhebliche Gefahr.

Rechter als gedacht?

Eine Befragung im Umfeld der Querdenken-Szene trifft auf systematische Hindernisse, die zu Verzerrungen der Ergebnisse führen können. Da davon auszugehen ist, dass der Kern dieser Gruppierungen etablierten Institutionen, politischen Eliten und damit in Verbindung stehenden Ebenen der Wissenschaft, Medien etc. grundsätzlich misstraut, kann die Repräsentativität der Teilnehmenden für die Querdenken-Szene als Ganzes durchaus verzerrt sein.

Die Autor*innen weisen explizit darauf hin, dass in Telegram-Gruppen gewarnt wurde an der von ihnen durchgeführten Befragung teilzunehmen. Insofern zählen zu den Teilnehmenden dieser Befragung tendenziell eher solche Personen, die aufgrund ihrer Bereitschaft zur Teilnahme offener gegenüber Wissenschaft und etablierten Institutionen sind als der tatsächliche Durchschnitt in der Grundgesamtheit. Die Ergebnisse der Befragung könnten aus diesem Grund zunächst ein weniger extremes Bild reflektieren als es möglicherweise in der Szene vorherrscht.

Besonders auffallend ist in diesem Kontext das Antwortverhalten auf zwei Fragen: Auf die Frage ›Auch heute noch ist der Einfluss von Juden auf die Politik zu groß‹ wählten 29,6% der befragten Personen keine Angabe, bei der Frage ›Zusammen mit der Impfung will die Regierung den Leuten Mikrochips implantieren, um sie noch besser zu überwachen‹ 32,29% – so hoch wie bei keinen anderen Fragen [vgl.: 4, S. 24; 32].

Ebenfalls auffallend ist die hohe Tendenz zu romantischen Motiven der Naturverbundenheit und Esoterik. Ungefähr zwei Drittel der befragten Personen stimmen zu, dass mehr ganzheitliches und spirituelles Denken nötig sei, knapp 50% stimmen zu, dass Alternativmedizin mit evidenzbasierter Medizin gleichgestellt werden solle und knapp 85% würden sich nicht impfen lassen, selbst wenn bekannt ist, dass der Impfstoff keine nennenswerten Nebenwirkungen besitzt [vgl.: 4, S. 32ff.].

Es wäre zu einfach, sich auf dem Standpunkt auszuruhen, dass sich in den Gruppierungen, die für die Corona-Demonstrationen verantwortlich sind, in erster Linie dumme Menschen finden, oder Menschen, denen schlicht das nötige Maß sozialen Gewissens fehlt, um einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Die Corona-Demonstrationen sind ein verschwörungsideologischer Schmelztiegel. Sie vereinen rechte, antisemitische Ideologien, Weltbilder geprägt von unübersehbarer Feindlichkeit gegenüber Wissenschaft, wie etwa im Fall der Anthroposophie und Homöopathie, Politikfrust und Kritik an etablierten Autoritäten.

Unsicherheit und das Streben nach Einzigartigkeit

Der Protest im Zuge der Corona-Demonstrationen besitzt einige Auffälligkeiten. Es handelt sich dabei um einen Universalprotest, d.h. einen Protest, der nicht mit konstruktiver Kritik gegen einzelne Maßnahmen gerichtet ist, sondern angetrieben durch eine grundsätzliche Ablehnung politischer Eliten die Corona-Maßnahmen als solche angreift. Das Ziel des Protest ist nicht Kritik, sondern die Sichtbarmachung der eigenen Wut.

Insofern stehen nicht die Inhalte einer möglichen Kritik im Vordergrund, sondern letztlich nur die Ablehnung der rechtlich bindenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Diese ist hochgradig auf die demonstrierenden Personen konzentriert, die ihrer Wut und ihrer Ablehnung Ausdruck verleihen.

Wichtiger als die Darstellung der Kritik ist die Selbstdarstellung als Kritiker:in. Hier findet sich das genuin romantische Motiv der mutigen, heldenhaft-standfesten Widerstandskämpfer:innen, die bereit sind, Opfer zu bringen. [4, S. 60f.]

Das Bild der Individualisten und das Motiv des Freiheitskampfs wird in Form der Ideologie einer absoluten persönlichen Freiheit und Schrankenlosigkeit zum Prinzip des Protests erklärt. Die Aufforderung, sich inmitten einer Pandemie solidarisch zu verhalten, wird mit dem Vorwurf abgeschlagen, dass ›man heutzutage gar nichts mehr sagen dürfe und Kritik nicht mehr möglich sei‹.

Verschiedene Studien zu den Motiven hinter Verschwörungsmythen legen nahe, dass die selbsterwählte Beschreibung als ›Querdenker‹, ›Erwachte‹ und ›Widerstand‹ keinesfalls irgendwie zufällig zustande gekommen sind. Vielmehr bauen sie auf Merkmalen jener Menschen auf, die besonders anfällig für Verschwörungsmythen sind.

Sowohl Imhoff & Lamberty (2017) als auch Lantian et al. (2017) weisen auf eine bisher vernachlässigte Funktion von Verschwörungsmythen hin, nämlich sich selbst als verschieden von einer als Mehrheit aufgefassten Fremdgruppe zu präsentieren [6, 7].

In diesen Studien wird betont, dass herkömmliche Beschreibungen von typischen Merkmalen jener Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, auf ein ängstliches und nicht-rationales Individuum aufbauten. Dabei wurden jedoch die affirmativ funktionalen Aspekte hinter Verschwörungsdenken übersehen [vgl.: 6, S. 732].

Auch mangelndes analytisches Denken spielt eine wichtige Rolle, aber nicht nur. Der Glaube an Verschwörungsmythen hängt zudem mit sich selbst fördernden Merkmalen der Persönlichkeit zusammen, darunter die Tendenz zu einem individuellen Narzissmus [vgl.: 8, S. 163].

Der individuelle Narzissmus bezieht sich auf die Überzeugung oder das Urteil einer Person, sich selbst stets wertvoller und wichtiger wahrzunehmen als andere. Diese Tendenz spiegelt sich im Motiv des Individualisten und des Freiheitskampfs wider.

Besonders das Auftreten paranoider, inkonsistenter und unsystematischer Gedankengänge, die durch Unsicherheit und mangelnde analytische Denkfähigkeit verstärkt werden, schlägt eine Brücke zwischen einem individuellen Narzissmus und dem Glauben an Verschwörungsmythen [8]. Narzisstische Züge, die mit dem Verlangen einhergehen, sich selbst als einzigartig zu präsentieren und wahrzunehmen, fügen sich Verschwörungsmythen gut an, weil diese generell in der Minderheit sind.

Zugleich darf nicht vergessen werden, dass das Ausgeliefertsein an personale Unsicherheit im Kontext einer globalen Pandemie ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt, die zur Steigerung der Empfänglichkeit für Verschwörungsmythen führen kann.

Unter Umständen, in denen sich Menschen unfähig fühlen, etwas verändern und kontrollieren zu können, sind sie eher bereit an Verschwörungsmythen zu glauben [9].

Der Verweis auf diese Merkmale, die den Glauben an Verschwörungsmythen befeuern, hat vor allem den Zweck, das homogene Bild des ›Covidioten‹ zu differenzieren. Geht man von diesen Merkmalen als wichtige Faktoren zur Verstärkung von Verschwörungsglauben aus, dann lautet eine Strategie, diese wiederum zu entschärfen, den Konformitäts-Charakter der Anhängenden eines Verschwörungsmythos zu betonen [vgl.: 6, S. 733].

Menschen, die von Verschwörungsmythen gelockt werden, weil sie sich im Angesicht unsicherer Umstände, die sie nicht aushalten, und mangelnden analytischen Denkens, das sie zu anderen Urteilen führen würde, gegen einen Konsens für die Verschwörungsmythen einer Minderheiten entscheiden, sind alles andere als Querdenker, sondern eben Leerdenker.


Quellen und Verweise

[1] Douglas, M. K. et al.: Understanding Conspiracy Theories, in: Advances in Political Psychology, Vol. 40, Suppl. 1, 2019, S. 4. Eigene Übersetzung.

[2] Siehe: Braeckman, J.; Boudry, M.: How convenient! The epistemic rationale of self-validating belief systems, in: Philosophical Psychology 2011, S. 1-24.

[3] Wolf, M.: Verschwörungstheorie – Wer regiert die Welt?, in: Kritik der irrationalen Weltanschauungen. Wolf, Merlin (Hrsg.). Aschaffenburg: Alibri, 2015, S. 117.

[4] Vgl.: Nachtwey, O. et al.: Politische Soziologie der Corona-Proteste, Basel, 2020. Link, zuletzt abgerufen am 03.03.2020.

[5] Vieten, Ulrike, M.: The „New Normal“ and „Pandemic Populism“: The COVID-19 Crisis and Anti-Hygienic Mobilisation of the Far-Right, in: Social Science, 2020, Vol. 9, Nr. 9: 165.

[6] Siehe: Imhoff, R.; Lamberty, P.: Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs, in: European Journal of Social Psychology, Vol. 47, 2017, S. 724-734.

[7] Siehe: Lantian, A. et al.: “I Know Things They Don’t Know!” The Role of Need for Uniqueness in Belief in Conspiracy Theories, in: Social Psychology, Vol. 48, Nr. 3, 2017, S. 160-173.

[8] Siehe: Cichocka, A. et al.: Does self-love or self-hate predict conspiracy beliefs? Narcissism, self-esteem and the endorsement of conspiracy theories, in: Social Psychological and Personality Science, Vol. 7, 2016, S. 157-166.

[9] van Prooijen, J. W.; Acker, M.: The influence of control on belief in conspiracy theories: Conceptual and applied extensions, in: Applied Cognitive Psychology, Vol. 29, 2015, S. 753-761.

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