Die stoische Philosophie gehört zu den uns im Alltag bekannteren ethischen Strömungen der westlichen Antike. In diesem Artikel untersuchen wir ihre Position zur Beschaffenheit eines guten Lebens. Hierbei gehen wir nicht nur auf die stoische Ethik, sondern auch auf die stoische Physik als deren Grundlage ein.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Die stoische Ethik
  2. Schicksal und Widerfahrnis
  3. Seneca über die Zeitlichkeit
  1. Was sind die Prinzipien der stoischen Ethik?
  2. Welche Rolle spielt die Vorstellung von Schicksal in der stoischen Ethik?
  3. Welche Unterschiede haben Epikureer und Stoiker in ihrem Weltbild?

Die stoische Ethik

Im ersten Teil haben wir die Grundlagen der stoischen Schule und des damit verbundenen Weltbilds näher betrachtet. Im Folgenden gehen wir auf die stoische Ethik ein, die auf diesem Weltbild basiert.

Je mehr Freiheitsgrade die eigenen Überzeugungen über den Aufbau des Universums einschränken, desto geradliniger müssen auch die ethischen Prinzipien sein, die darauf basieren. Genau dies ist in der stoischen Ethik besonders der Fall. Sie folgt ohne viel Spielraum aus dem eben skizzierten Determinismus, Pantheismus und Materialismus.

Konsequenterweise richten sich die Stoa an einem strengen ethisches Ideal aus, nämlich an dem Ideal des stoischen Weisen. Der stoische Weise ist die Personifikation jener Lebensart, die mit der Glückseligkeit korrespondiert. Nun stellt sich die Frage, wie diese Lebensart der Stoa zufolge aussehen muss.

Für die Stoiker ist exakt wie für die Epikureer die Ataraxie, also die Unerschütterlichkeit bzw. Seelenruhe das höchste Gut im Leben. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind sich die beiden philosophischen Strömungen einig. Sie spalten sich hauptsächlich in ihrer Antwort darauf, wie die Seelenruhe beschaffen ist und erreicht werden kann.

Für die Stoa ist das einzige, was zählt, die Tugend. Der stoische Weise tut nichts um der Lust willen, ja die Lust erachtet er nicht einmal als ein Gut. Dagegen spielt bei den Epikureern die Unerschütterlichkeit als höchste Form der Lust deshalb die zentrale Rolle für das gute Leben, weil es mit der insgesamt größtmöglichen Lust gleichzusetzen ist.

Die stoische Lehre lehnt dies aber vehement ab. Die Begründung hierfür ist simpel: Wenn Lust das höchste Gut im Leben schlechthin ist und die Seelenruhe die größte Lust darstellt, streben wir die Seelenruhe nicht um ihrer selbst willen an, sondern nur um der Lust willen. Wir bleiben den Stoikern zufolge deshalb Sklaven der Lust – wir sind nicht vollkommen unerschütterlich [vgl.: 1, S.73f.].

Oft wurde es als Heuchelei ausgelegt, wenn bekennende Stoiker ein Leben führten, das augenscheinlich nicht mit den Prinzipien der stoischen Ethik übereinstimmt. Dies ist jedoch etwas kurz gegriffen. Zum einen hat keiner von ihnen behauptet, selbst das Ideal des stoischen Weisen darzustellen. Zum zweiten ist die stoische Lehre ausdrücklich nicht asketisch.

Die Stoiker sind keine Kyniker, eine weitere philosophische Strömung der Antike, die nach dem folgenden Prinzip lebte: „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde.“ [2] Stattdessen sieht die stoische Lehre lediglich eine Apathie gegenüber den Dingen vor, die nicht zum glückseligen Leben beitragen, lehnt sie aber – wenn sie einem dann doch zufallen – nicht ab. Dies ist eng mit der stoischen Vorstellung verbunden, wie wir Glückseligkeit letztlich erreichen und betrifft den Umgang mit dem, was wir vermeintlich Zufälle nennen würden.

Schicksal und Widerfahrnis

Ereignisse, die wir als Zufälle betrachten, nehmen wir außerhalb unseres Einflusses wahr. Vor allem stoßen wir auf das erkenntnistheoretische Problem, wie wir wissen können, ob es einen dahinterliegenden Grund gibt, weshalb dieses Ereignis genau in der Weise eingetreten ist.

Man kann auch sagen, dass dies Ereignisse sind, die uns widerfahren – zu diesen zählen unter anderem unsere Geburt in einer jeweils spezifischen politischen bzw. historischen Zeit, unsere frühe Bildung, das Zustandekommen von verschiedenen Lebenssituationen, wie etwa das Kennenlernen bestimmter Personen und so weiter.

In der stoischen Ethik wird dafür argumentiert, dass solche Ereignisse, die uns widerfahren, keinen Einfluss darauf haben, ob wir ein glückseliges Leben führen können oder nicht. Dasselbe gilt für jede Form von Besitztum, dem wir uns apathisch gegenüber verhalten sollten, weil er im Endeffekt nichts zur Glückseligkeit beiträgt [vgl.: 1, S.92].

Nicht auf dem, was einem widerfährt, sondern auf seinem Tun beruht Wohl und Wehe eines vernünftigen, geselligen Wesens, gleichwie auch Tugend und Laster bei ihm nicht auf einem leidenden Zustande, sondern auf Tätigkeit beruhen. [3, Buch 9, Nr.16]

Für die Stoiker ist das, was die Glückseligkeit ausmacht, ein Leben in Übereinstimmung mit der göttlichen Vernunft, die das gesamte Weltgeschehen leitet. Da der Mensch durch seine ihm eigens zugeteilte Vernunft Anteil an der kosmischen Ordnung nimmt, besteht das Streben nach Glückseligkeit darin, die Natur zu erforschen, um sich nach ihr auszurichten und zudem sich allem apathisch gegenüberzustellen, was der eigenen Vernunft nicht förderlich ist.

Deshalb wird also der Hedonismus abgelehnt, ebenso wie alle Arten von Zerstreuungen. Nichts davon ist glücksrelevant – nicht einmal die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse. Schließlich ist das, was die Glückseligkeit im menschlichen Leben konstituiert nicht die gezogene Konsequenz aus einem tugendhaften Leben, sondern die Tugend selbst. Überspitzt gesagt, könne ein Stoiker auch dann glückselig sein, wenn er gefoltert wird, solange er die richtige innere Einstellung hat. Es ist die Kombination aus Ataraxie und Apathie, die den stoischen Weisen zu dem machen, was er ist.

Seneca über die Zeitlichkeit

Im Folgenden betrachten wir eine Äußerung Senecas über Zeitlichkeit, die uns einen konkreten Einblick in zumindest einen zentralen Aspekt der stoischen Lebensführung bietet. Wir finden diese in Senecas Werk De brevitate vitae, zu Deutsch: Von der Kürze des Lebens. Seneca schreibt:

Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen. Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis zum Ende gut verwendet würde; aber wenn es sich in üppigem Schlendrian verflüchtigt, wenn es keinem edlen Streben geweiht wird, dann merken wir erst unter dem Drucke der letzten Not, daß es vorüber ist, ohne daß wir auf sein Vorwärtsrücken achtgegeben haben. [1, S.119f.]

Seneca trennt in dieser Passage zwei Größen, um unser Leben zu messen, nämlich die zeitliche Lebensspanne verstanden als die Summe der Jahre und klar davon abgegrenzt den qualitativen Inhalt des Lebens. Seine These ist steil: jedem Menschen kommt genau die ihm angemessene quantitative Lebenspanne zu, da er die Möglichkeit besitzt, daraus die ihm eigene Zeit zu machen, indem er seinem Leben einen bestimmten qualitativen Inhalt verleiht. Dieser Inhalt besteht aus zwei Aspekten.

Zum einen besteht er aus der richtigen Lebensführung. Eine richtige Lebensführung, so Seneca, basiert auf der Muße – man kann auch sagen, auf der Zeit, die man sich selbst für sich nimmt. Durch die vielen Ablenkungen des Lebens, wie etwa das Streben nach Lust, nach Macht und Ansehen, oder die endlose Geschäftigkeit und Vorsorge für eine Zukunft, die wir nicht kennen, kommen wir in unserem Leben wahrlich selten zur Muße. Wenn wir so leben, leben wir eigentlich nicht, wir sind bloß beschäftigt.

Zum zweiten besteht der qualitative Inhalt aus einer existentiellen Haltung, die wir einnehmen, sobald wir uns der eigenen Sterblichkeit gegenüber positionieren. So beginnen wir erst zu leben, wenn wir unser Dasein im Kontext unseres Tods denken.

Erst dann, wenn wir unser Leben als endlich verstehen und das nicht nur in Form von Phrasen, sondern bis in unser Mark hinein verinnerlicht haben, erst dann können wir zur Muße kommen und unser Leben der Glückseligkeit entsprechend führen. Die richtige Lebensführung kann nur in einem Sich-Verhalten zur unvermeidlichen Auslöschung der eigenen Existenz geschehen.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Überblick zur Stoa
  3. Das stoische Weltbild
  4. Die stoische Ethik
  5. Seneca über die Zeitlichkeit
  6. Fazit
  1. 00:00 – 02:36
  2. 02:37 – 07:17
  3. 07:18 – 13:49
  4. 13:50 – 21:41
  5. 21:42 – 25:06
  6. 25:07 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Seneca, L. A.: Philosophische Schriften. Band II. Apelt, O. (Üb.). Köln: Anaconda, 2010.

[2] Durant, W. J.: Kulturgeschichte der Menschheit. Das klassische Griechenland. Band 3. München: Südwest, 1978, S.260.

[3] Aurel, M.: Wege zu sich Selbst. Cleß, C. (Üb.). Hamburg: Nikol, 2015.