Die stoische Philosophie gehört zu den uns im Alltag bekannteren ethischen Strömungen der westlichen Antike. In diesem Artikel untersuchen wir ihre Position zur Beschaffenheit eines guten Lebens. Hierbei gehen wir nicht nur auf die stoische Ethik, sondern auch auf die stoische Physik als deren Grundlage ein.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Überblick zur Stoa
  2. Das stoische Weltbild
  3. Stoische versus epikureische Physik
  1. Wie ist die Schule des Stoizismus aufgebaut?
  2. Welches physikalische Verständnis der Welt vertritt die Stoa?
  3. Welche Unterschiede haben Epikureer und Stoiker in ihrem Weltbild?

Überblick zur Stoa

Die meisten stoischen Schriften, vor allem aus dem Zeitraum zwischen 300 und 100 vor unserer Zeitrechnung, sind entweder verloren gegangen oder sind nur in Bruchstücken aus zweiter Hand überliefert [1].

Ein historisch bedeutender Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit älteren stoischen Lehren ist in Ciceros bzw. Kikeros Werk De officiis meist übersetzt als Vom pflichtgemäßen Handeln zu finden. Dieses wurde im Jahr 44 v.u.Z. verfasst und greift zahlreiche Elemente der stoischen Ethik in direktem Bezug auf den Stoiker Panaitios auf, der circa einhundert Jahre vor Cicero wirkte.

Erwähnenswert ist dieses Detail der stoischen Geschichte deshalb, weil auch noch im achtzehnten Jahrhundert Ciceros Werk und Aufgreifen der Stoa genügend Ansehen behielt, um von großen Denkern wie bspw. Immanuel Kant oder Montesquieu ernst genommen zu werden [2].

Die abgerissene Quellenlage hat letzten Endes aber den Effekt hervorgebracht, dass man mit der Stoa fast ausschließlich die sogenannte jüngere Stoa assoziiert. Zu diesen zählen in erster Linie Lucius Annaeus Seneca, Epiktet und der römischen Kaiser Mark Aurel, deren Schriften zur Ethik der Stoa in dieser Episode die wichtigste Rolle spielen.

Dieser Artikel korrespondiert mit der fünften Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels. Im Folgenden klären wir die Grundgedanken des Stoizismus und betrachten eine vom Stoiker Seneca formulierte Position zur Zeitlichkeit.

Klassischerweise gliedert man die Stoa in drei Epochen, nämlich die ältere, mittlere und jüngere Stoa. Der Begründer der stoischen Philosophieströmung Zenon von Kition wirkte um das Jahr 300 v.u.Z. und gründete seine Schule in Athen.

Ihren Namen ›Stoa‹, der übersetzt Säulenhalle bedeutet, wurde der Schule durch den Ort verliehen, an dem Zenon seine Tätigkeit als Lehrer aufnahm, nämlich durch den überall in Athen verbreiteten Gebäudetypus der halboffenen durch Säulen gestützten Halle.

Auf politischer Ebene befinden wir uns in einer turbulenten Zeit. Die Gründung der stoischen Schule korrespondiert mit dem Zusammenbruch der attischen Autonomie durch die Vorherrschaft der Makedonier.

Das historische Schlüsselereignis war die Schlacht von Chaironeia im Jahr 338 v.u.Z., mit deren Ausgang Makedonien die Vorherrschaft im Zentrum Griechenlands gewann und die attische Demokratie wenige Zeit später zerfallen musste. Athen verlor damit sowohl sein politisches System als auch seine politische Stärke.

Mehr oder weniger parallel zu diesen Geschehnissen und ihren Konsequenzen gründeten sich die Schulen des Stoizismus und Epikureismus, die beide in gewisser Hinsicht eine besondere Ausrichtung auf die Gelassenheit gegenüber äußeren Umständen haben. Dass die politischen Unruhen jener Zeit hierbei einen Einfluss hatten, vor allem auf das Fortbestehen der beiden Schulen, wird kaum bestritten.

Ein Grund, warum man die Stoa in drei Gruppen unterteilt, ist der, dass es in diesen Abschnitten zu wesentlichen Veränderungen der Lehre kam. So entwickelte Panaitios – der erste der mittleren Stoa – das Verständnis der stoischen Kardinaltugenden erheblich weiter [vgl.: 2, S.94]. Etwas Ähnliches geschah im Übergang der mittleren zur jüngeren Stoa.

Je weiter sich die Entwicklung der stoischen Tradition vollzog, desto mehr konzentrierten sich ihre Vertreter auf die Disziplin der Ethik und nahmen immer mehr sogenannte eklektische Positionen ein [3].

Erst mit dem Tod Mark Aurels im Jahr 180 begann nicht nur langsam der Zerfall des römischen Reiches, sondern auch die allmähliche Umwandlung und Verschmelzung der stoischen Lehren mit den Christentum, das schließlich alle anderen Denktraditionen verdrängte [4]. Hiermit endet auch der Überblick zur Stoa.

Das stoische Weltbild

Wenngleich der Stoizismus und auch Epikureismus die Disziplin der Ethik innerhalb der Philosophie, verstanden als Untersuchung des richtigen Lebenswegs, besonders betonen, kann es keine Ethik geben, ohne eine ausgearbeitete Logik und Physik als Vorstufe. Dies wird in populärwissenschaftlichen Darstellungen des Stoizismus häufig missachtet – vielleicht deshalb, weil die stoische Physik nicht besonders kompatibel mit der modernen ist.

Die Stoiker argumentieren dafür, dass das Universum durch zwei Prinzipien konstituiert wird, nämlich durch ein aktives und ein passives Prinzip. Das passive Prinzip wird als Materie beschrieben. Diese ist aber anders als bei den Epikureern nicht atomistisch, sondern kontinuierlich. Man kann die stoische Materie nicht anders beschreiben als einen bloßen Stoff – sie ist nämlich gestaltlos, unbewegt, energielos und unstrukturiert.

Dem gegenüber ist das aktive Prinzip die Ursache, die auf die Materie wirkt, sie formt, bewegt, verändert und dergleichen. Dieses Prinzip wird als Gott oder Logos, also Weltvernunft, beschrieben und ist eng damit gekoppelt, was die Stoiker unter Schicksal verstehen, was eine Unterkategorie des aktiven Prinzips ist. Beide Prinzipien sind jedoch materiell, auch das Göttliche, das in den Dingen wirkt. Demnach ist der erste Grundpfeiler der stoischen Physik ein Materialismus.

Aus der Beschreibung dieser Form des Materialismus geht hervor, dass Stoiker keinen kausalen Determinismus vertreten, zumindest keinen, wie wir ihn heutzutage verstehen würden. Zwar berufen sie sich streng auf Kausalität, doch verstehen wir darunter mittlerweile etwas anderes.

Die stoische Lehre unterscheidet nämlich zwischen Ursachen und Effekten in der Weise, dass sie zwei distinkten ontologischen Kategorien angehören. Demnach gibt es Dinge, die ausschließlich Effekte sind und von anderen Dingen, die wiederum ausschließlich Ursachen sind, in irgendeiner Weise beeinflusst werden [5].

Der zweite Grundpfeiler der stoischen Physik beschreibt das Zusammentreffen der beiden Prinzipien. Das Aktive wirkt im Passiven und ist mit diesem grundsätzlich verbunden. Dies beschreibt einen Pantheismus, denn das Göttliche ist allgegenwärtig in den Dingen vorhanden. Demzufolge vertreten die Stoa einen materialistischen Pantheismus, der mindestens eine weitere Konsequenz hat.

Der dritte und meines Erachtens nach letzte Grundpfeiler der stoischen Physik ist eine bestimmte Form des Determinismus, den man am Schicksalsbegriff ablesen kann. Das stoische Verständnis von Schicksal ist jedoch kompliziert und kontrovers. Zunächst muss man sagen, dass sie auf keinen Fall einen naiven Schicksalsbegriff haben.

Dieser baut nämlich auf einem transzendentalen Wesen auf, das außerhalb von der Welt auf diese mit einer bestimmten Absicht wirkt und sozusagen einen Plan für das Universum hat. Diese Vorstellung ist für die Stoa schlicht unmöglich, denn aktives und passives Prinzip sind beide Teil einer materiellen Welt. Schicksal kann deshalb nicht etwas sein, das von außen auf die Welt einwirkt. Was aber ist es dann?

Grob und stark vereinfacht gesagt, beschreibt Schicksal die Notwendigkeit eines Dings in einer bestimmten Situation so zu wirken, wie es wirkt. Dies hängt mit der Vorstellung zusammen, dass alles Materielle Anteil an der göttlichen Vernunft nimmt, aber nicht so betrachtet werden darf, als wäre sie diese selbst. Schicksal ist aber nicht einfach das, was wir Notwendigkeit nennen würden [vgl.: 5, S.52f.].

Stoische versus epikureische Physik

An dieser Stelle ist es sinnvoll, eine kurze Gegenüberstellung mit Epikur vorzunehmen. Bei Epikur sehen wir eine Argumentation zur Trennung von Notwendigkeit und Schicksal. Für ihn existiert Schicksal als eine alles durchwirkende Kraft nicht – es ist Spuk. Notwendiges hingegen akzeptiert er und stellt diese notwenigen Dinge und Ereignisse den Zufallsereignissen gegenüber [6].

Man erkennt einen schönen Kontrast: Das, was die Epikureer bereitwillig als Zufallsereignis erklären, ist bei den Stoikern von einer göttlichen Vernunft durchwirkt. Die wichtigste Konsequenz hieraus ist die, dass Epikureer und Stoiker zwei verschiedene Begriffe von Wahrheit haben, worauf wir aber nicht weiter eingehen müssen.

Es gibt offensichtliche Einwände gegen die stoische Physik als Vorstufe zur Ethik. Auf den wichtigsten macht Bertrand Russell wie folgt aufmerksam:

Wenn die Welt vollkommen deterministisch ist, dann werden die Naturgesetze bestimmen, ob ich tugendhaft sein werde oder nicht. Wenn ich schlecht bin, zwingt mich die Natur dazu, und die Freiheit, die die Tugend angeblich verleiht, gibt es dann für mich nicht. [1, S.274]

Dieses Problem ist den Stoa nicht eigen, erstarkt aber zu jener Zeit in der Antike, als ihre Lehren blühen und der Konflikt zwischen Determinismus und Willensfreiheit neuen Boden gewinnt. Die Stoiker stehen einem starken Determinismus sehr nahe. Ihre Versuche, eine Ethik trotz Schicksal zu begründen, die uns als willensfreie Akteure zulässt, bekommt hiervon viel zu spüren und ist deshalb einigen Anfechtungen ausgesetzt. Genaueres hierzu im nächsten Abschnitt.

Zuletzt möchte ich noch einen Stoiker selbst zu Wort kommen lassen, nämlich Mark Aurel, der im Folgenden die wahrscheinlich kompakteste Zusammenfassung des stoischen Weltbilds liefert:

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten! Nahezu nichts ist sich fremd. Eines schließt sich ja dem anderen an und schmückt, mit ihm vereinigt, dieselbe Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, wofern es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaften Wesen gibt. [7, Buch 7, Nr.9]

Hiermit haben wir die Grundlagen des Stoizismus in groben Zügen behandelt. Auf die Ethik der Stoa gehen wir im zweiten Teil ein.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Überblick zur Stoa
  3. Das stoische Weltbild
  4. Die stoische Ethik
  5. Seneca über die Zeitlichkeit
  6. Fazit
  1. 00:00 – 02:36
  2. 02:37 – 07:17
  3. 07:18 – 13:49
  4. 13:50 – 21:41
  5. 21:42 – 25:06
  6. 25:07 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Russell, B.: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Fischer-Wernicke, E. und Gillischewski, R. (Üb.). Wien/München: Europaverlag, 9. Auflage, 2000, S.271f.

[2] Vgl.: Dyk, A.: A Commentary on Cicero, De Officiis. Michigan: The University of Michigan Press, 1996, S.39f.

[3] Vgl.: Sellars, J.: Stoicism. Berkeley/L.A.: University of California Press, 2006, S.12f.

[4] Vgl.: Grant, M.: Das Römische Reich am Wendepunkt. Die Zeit von Mark Aurel bis Konstantin. München: dtv, 1984, S.15;137f.

[5] Vgl.: Bobzien, S.: Determinism and Freedom in Stoic Philosophy. Oxford: Oxford University Press, 2004, S.17f.

[6] Vgl.: Laertius, D.: Das Leben und die Lehre Epikurs. Buch X. Kochalsky, A. (Üb.). Berlin/Leipzig: Teubner, 1914, S.51f.

[7] Aurel, M.: Wege zu sich Selbst. Cleß, C. (Üb.). Hamburg: Nikol, 2015.