Narabo - Selbstbewusstsein stärken mit den fünf Säulen der Identität - Philosophie - Freiheit-Ohne Angst leben-Selbstvertrauen

Oftmals begegnen wir Personen, die scheinbar aus dem Gleichgewicht gekommen sind. Unsere alltäglichen Erfahrungen zeigen uns, dass wir häufig zwischen zwei Typen unterscheiden können: Menschen, die sehr schüchtern, zurückhaltend und fast schon feige sind und dann solche, die sich gerne aufspielen, immer gegen andere behaupten und salopp gesagt unbedingt laut sein müssen – beiden Gruppen fehlt ein echtes Selbstbewusstsein!

INHALTÜBERBLICK
  1. Was bedeutet es, selbstbewusst zu sein?
  2. Die doppelte Bedeutung von selbstbewusst
  3. Exkurs: Philosophische Bedeutung des Selbstbewusstseins
  4. Psychologisches Modell der Persona
  5. Wie kann man sein Selbstbewusstsein stärken?
  6. Die fünf Säulen der Identität
  7. Leib / Leiblichkeit
  8. Soziales Netzwerk / Bezüge
  9. Arbeit und Leistung
  10. Werte
  1. Inwieweit verfehlen die Machos echtes Selbstbewusstsein und warum?
  2. Wie lauten zwei Lesarten von selbstbewusst?
  3. Wie versteht man Selbstbewusstsein in einem philosophischen Kontext?
  4. Was bedeutet Persona und wieso spielt sie bei diesem Thema eine so wichtige Rolle?
  5. Wie stärkt man sein Selbstbewusstsein nachhaltig?
  6. Wie können uns die fünf Säulen der Identität dabei helfen selbstbewusster zu werden?

Was bedeutet es, Selbstbewusstsein zu haben?

Die Persönlichkeitsmerkmale der Extrovertiertheit respektive Introvertiertheit sind allgemein bekannt. Ich aber sage, dass wir besonders heutzutage eine große Spaltung in die Extreme dieser beiden Merkmale in der Gesellschaft verzeichnen können.

Warum ich die Vorherrschaft dieser zwei Gruppen ein zeitgenössisches Phänomen bezeichne? Ganz einfach: Beide Typen, das Extrem des Introvertierten und das des Extrovertierten, sind jeweils auf der Suche nach Sicherheit. Der eine versucht, Konflikte möglichst zu meiden, bleibt scheu und unterwürfig, während der andere eine vorgespielte Macht als Stärke ausgibt und damit versucht, seine Mitmenschen einzuschüchtern.

Besonders diese Suche nach Sicherheit als eine Reaktion vieler Menschen auf die gesellschaftlichen Umbrüche und Wandlungen zeichnet unsere Zeit aus. Vermeintliche Sicherheit kann dabei aus vielen Quellen geschöpft werden. Eine davon ist die Bestätigung, die der Extrovertierte in anderen sucht.

Ihm gegenüber sucht der Introvertierte die Sicherheit, die er aufgrund des Konflikts mit äußeren Umständen braucht, innerhalb einer ihm bekannten Comfort-Zone. So baut sich jeder sein Nest auf eigene Weise. Ob das aber gesund und förderlich ist, bleibt zunächst eine offene Frage. Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert der Philosoph und Zen-Meister Alan Watts, was ich in diesem Artikel zeige.

Kurz gesagt: Der im Extrem des Introvertiertheit stehende Feigling sucht sich Sicherheit durch Abschottung. Der im Extrem der Extrovertiertheit stehende Möchtegern dagegen in der Bestätigung durch andere, die er sich erkämpft. Das Problem ist, dass beide Extreme von einem echten Selbstbewusstsein weit entfernt liegen.

Unser erstes Anliegen sollte es also sein, der Frage nachzugehen, was ein echtes Selbstbewusstsein ausmacht. Offensichtlich ist der Fakt, dass ein selbstbewusstes Verhalten nicht in einer Abschottung von Äußerem und auch nicht in einer Verausgabung und Selbstabweichung in anderen Menschen liegen kann.

Der Begriff und seine doppelte Bedeutung

Ferner müssen wir eine wichtige begriffliche Unterscheidung treffen, denn das Wort Selbstbewusstsein hat je nach Kontext zwei völlig verschiedenen Bedeutungen [1] – eine philosophische und alltagssprachliche:

  1. Bewusstsein (des Menschen) von sich selbst als denkendem Wesen – Selbsterfahrung, engl. self-awareness
  2. Das Überzeugtsein von seinen Fähigkeiten, von seinem Wert als Person, das sich besonders in selbstsicherem Auftreten ausdrückt – Selbstvertrauen, engl. self-confidence oder self-assurance

Uns betrifft in diesem Artikel natürlich die zweite Bedeutung, wobei ich im späteren Verlauf unter anderem dafür plädieren werde, dass man die philosophische und alltagssprachliche Verwendung des Begriffs Selbstbewusstsein nicht definitiv trennen sollte, weil sie tatsächlich stellenweise zusammenfallen.

Eine Alternative, respektive die zweite Bedeutung ergänzende Definition, liefert uns der Psychotherapeut Dr. Rolf Merkle: Selbstbewusstsein zu haben bedeutet, für sich, seine Rechte, seine Bedürfnisse und Wünsche zu kämpfen und die Rechte anderer zu respektieren. [2]

Es geht darum, sich frei entfalten und die einem zustehenden Rechte in Anspruch nehmen zu können, ohne anderen dasselbe Recht zu verwehren! Wenn ich selbstsicher bin, habe ich die Wahl, ob ich mich durchsetzen oder nachgeben will. Selbstsicher zu sein bedeutet also, entscheiden zu können, wie ich mich verhalte. [2]

Exkurs: Philosophische Bedeutung des Selbstbewusstseins

Im philosophischen Kontext ist das Thema Selbstbewusstsein eine äußerst spannende Angelegenheit, weshalb ich auch kurz einigen Input dazu liefern möchte. Maßgeblich geprägt hat es der Philosoph René Descartes (1596 – 1650) mit seinem Werk Meditationes de prima philosophia. Sein berühmtes cogito-Argument im Felde der Leib-Seele-Debatte habe ich bereits ausführlich in diesem Artikel behandelt, weshalb ich hier nicht mehr darauf eingehen werde.

Für uns zentral ist die Unterscheidung von Merkmalen, die wir der Persönlichkeit zurechnen würden, und dem Ich, das von allen zufälligen, den sogenannten kontingenten Tatsachen unabhängig ist:

Wenn wir unbefangen festzustellen versuchen, was wir als das Ich eines anderen bezeichnen und was wir zu seiner Persönlichkeit rechnen, so ergibt sich etwa folgendes: Jener andere präsentiert mir zunächst eine Persönlichkeit aus einem bestimmten Volksstamme und aus einer bestimmten sozialen Schichte. Aber ich bin mir stets bewußt, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsklasse einen Träger voraussetzt.

Jener Träger bleibt immer der gleiche; wenn ich auch etwa erfahren sollte, daß ich mich in der Zuordnung zu einer bestimmten Nation geirrt habe, oder wenn es sich auch ereignen sollte, daß er durch Schicksalsschläge aus seiner sozialen Position verdrängt wird. Wir wundern uns nicht, wenn der Held der Tragödie aller äußeren Ehren beraubt, versichert, noch sei er, er selbst und wir werden uns dabei bewußt, daß all dieses nur Hülle und Schale gewesen ist … Gleichwohl denken wir an anderes, wenn wir von Ich und Persönlichkeit sprechen. [3]

Psychologisches Modell der Persona

Aus psychologischer Sicht ist dieses Konzept des Ich vielleicht noch einfacher zu verstehen. So ist beispielsweise nach dem Begründer der analytischen Psychologie Carl G. Jung die Psyche aus verschiedenen Ebenen zusammengesetzt, wobei das Selbst im Kern und die sogenannte Persona im äußersten Bereich ansetzen. Dieser ›Träger‹ von dem oben gesprochen wird, bezeichnet demnach das Selbst, seine zufälligen Eigenschaften rechnet man der Persona (lat. Maske) zu.

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Die menschliche Psyche – Vereinfacht nach Jung

  1. Das Ich
  2. Das Bewusstsein
  3. Das persönliche Unbewusste
  4. Das kollektive Unbewusste
  5. Der nie bewusst zu machende Teil des kollektiven Unbewussten

Die Persona beschreibt die soziale Rolle, die jeder Mensch spielt. Sie kennzeichnet die Ansammlung aller oberflächlichen Merkmale, wie Nationalität, Beruf, Gruppenzugehörigkeit und dergleichen. Eigentlich besitzt sie im Grunde eine Schutzfunktion, da der Maskenträger sein Inneres durch die Persona von der Außenwelt fernhalten kann, doch führt eine extreme Verwechslung des Selbst mit dieser Maske, also der Persona, auch zu einer Entfremdung vom Selbst – also einer Selbstabweichung wie sie Extrovertierten häufig unterläuft.

An dieser Stelle schließen wir wieder an den Anfang an: Ein mangelndes Selbstbewusstsein und damit auch der Versuch, sich ein Selbstbewusstsein durch Abschottung oder Verausgabung zu erschleichen, bauen beide fundamental auf dem Begriff der Persona auf:

Der Introvertierte trägt ganz klar eine Maske der Unterwerfung. Häufig identifiziert er sich mit Minderwertigkeit und zweifelt an sich selbst – ebendiese Rolle des Minderwertigen hat er zu seiner Maske gemacht. Anstatt seine Selbstzweifel abzulegen, flüchtet er nun in die scheinbare Sicherheit der Unterwerfung und wird zu einem Konformisten.

Ihm gegenüber versucht der Extrovertierte durch die extreme Verhärtung seiner Persona Schutz zu finden, indem er sich von seinem Innenleben abkapselt – in diesem Sinne bemüht er sich, unverwundbar zu werden. Es ist ganz und gar unfehlbar, dass beide Wege scheitern müssen, weil sie nicht im Kern des Menschen ansetzen, sondern lediglich an seiner sozialen Rolle.

Selbstbewusstsein muss im Inneren des Menschen ankern und kann niemals von außen kommen!

Wie kann man sein Selbstbewusstsein stärken?

Ein wahres Selbstbewusstsein kann man nur dadurch erlangen, dass man dafür eine solide Basis erschafft, indem man seine Persona erstens genau identifiziert und zweitens neu und nachhaltig orientiert. Unter einer soliden Basis kann lediglich das Innerste des Menschen verstanden werden: Jene unbestreitbare Tatsache, die niemand kleinreden kann und die auch sonst von keinen Äußerlichkeiten abhängt: das Selbst.

Das Selbstbewusstsein, so wie wir ihm im Alltag begegnen, ist bloß eine soziale Fiktion, die darauf beruht, dass uns bereits in der Erziehung, in der Schule und im Rahmen der gesamten Gesellschaftsordnung eingeredet wurde und wird, dass es erstens den Wert einer Person gibt und dieser zweitens maßgeblich von seiner Leistung sowie seinen Fähigkeiten abhängt.

Wenn wir erkennen, dass jeder Mensch im Kern eigentlich nicht mehr ist als dies, nämlich das Selbst, so zerfallen alle äußeren Merkmale, Fähigkeiten, Leistungen, ja jeder weltliche Erfolg zu Staub, weil das alles nur Schein und Oberfläche ist. Wir erkennen uns selbst und das Gegenüber nun aufrichtig an, als das, was es wirklich ist.

Trotz dessen bleibt es eine Tatsache, dass wir und nicht von einem sozialen Leben trennen können und wir in irgendeiner Weise eine soziale Funktion und Rolle einnehmen müssen. Hier kommt dann es dann umso mehr darauf an, die eigene Persona authentisch werden zu lassen.

Das, was wir nach außen tragen, muss das repräsentieren, was im Inneren vorliegt. Wir müssen das, als was wir uns ausgeben mit dem identisch machen, was wir sind. Wenn das Selbst nicht der Illusion der konstruierten Persona erliegt, sondern diese wahrhaftig formt und konstruktiv nutzt, genau dann liegt echtes Selbstbewusstsein vor.

Die fünf Säulen der Identität

Der deutsche Psychologe Hilarion Petzold entwickelte 1986 erstmals ein Konzept [4], das als Bestandteil einer integrativen Psychotherapie-Methode besagt, die Identität des Menschen sei auf fünf Säulen gestützt. Identität schließt all das eben über die Persona Gelernte mit ein und kann hier vor allem durch die folgenden Fragen definiert werden: Wer bin ich? Worüber definiere ich mich? Was macht mich aus?

Was uns diese fünf Säulen vor allem im gegenseitigen Zusammenspiel zeigen können, hat Auswirkungen für unser gesamtes Leben, sowie natürlich auf unser Selbstbewusstsein. Durch sie können wir ebenfalls klar herausfinden, was uns im Moment Halt bietet und welche Säulen vielleicht zu schwach sind, um ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben zu führen. Letzteres sollte uns ein Anstoß dafür sein, uns in den mangelhaften Bereichen zu entwickeln.

1. Leib / Leiblichkeit

Die fünf Säulen beginnen mit der Basis unserer Identität, nämlich mit unserem Körper, Geist und unserer Psyche. Wir können die Stabilität dieser Säule ziemlich gut einschätzen, indem wir unser ganz allgemeines Wohlbefinden überprüfen und auf Krankheiten, Trägheit, Faulheit und dergleichen achten. Ein Mensch, der mit seinem Körper zufrieden sein kann, sich lebendig und energisch fühlt, hat stets ein solides Fundament für seine Identität.

2. Soziales Netzwerk / Bezüge

Sozialer Umgang bietet uns einen Halt und schenkt uns Anerkennung. Gänzlich fehlende oder gestörte soziale Kontakte können in psychischen Belastungen zu einer zerbrochenen Identität führen und uns somit dauerhaft krank machen. Die Stabilität dieser Säule ist ebenfalls leicht zu überprüfen, indem man sich selbst danach fragt, welcherlei Qualität unsere sozialen Kontakte unterliegen.

3. Arbeit und Leistung

Auch wenn der „Wert“ einer Person nicht von seiner Leistung abhängt, so ist zumindest für diese Person selbst ein gewisses Maß an Errungenschaft und Erfolg ein wichtiger Beitrag zu einem besseren Selbstbewusstsein. Sinnvolle Arbeit erfüllen zu können, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wir sollten uns deshalb fragen, ob wir mit unserer Arbeit, unseren privaten Projekten und Erfolgen wirklich zufrieden sind.

Besonders an dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen den Säulen ist. Wenn ich zu sehr auf meine Arbeit und Leistung beharre, muss ich zwangsläufig entweder meine sozialen Bezüge oder auch Aspekte meiner Leiblichkeit einbüßen. Es geht bei diesem Modell dann wirklich darum, wie man sein Leben balancieren und Schwächen in Stärken umwandeln kann!

4. Materielle Sicherheit

Die vierte Säule behandelt ganz gezielt die Ängste gegenüber unseren existenziellen Ungewissheiten. Die eigene Identität wird maßgeblich dadurch bestimmt, welchen Lebensstandard wird wahrnehmen können und für uns für nötig halten. Diese Säule leidet in beiden Extremen: Erstens, wenn ich in Armut falle, für mich und vielleicht sogar für meine Familie nicht sorgen kann, und zweitens, wenn ich zu sehr nach Reichtum strebe und mich damit von der Illusion des Erfolgs blenden lasse.

5. Werte

Werte sind der Maßstab und Navigator für unser Leben. Persönliche Integrität baut darauf auf, gemäß den eigenen Werten zu handeln und zu leben. Die meisten Menschen machen dagegen ihr Leben lang unentwegt Kompromisse. Es ist jedoch mehr als nur ausschlaggebend zu verstehen, dass unser persönliches Wertesystem unsere komplette Identität stärkt und sogar auf dem tiefsten Grund erhält, selbst dann noch, wenn alle anderen Säulen bröckeln.

Wirklich zu empfehlen ist hierzu Michael Bordts Buch: Die Kunst, sich selbst zu verstehen: Den Weg ins eigene Leben finden. Ein philosophisches Plädoyer.

Außerdem findest du für einige der aufgeführten Säulen einen ersten hilfreichen Ansatzpunkt in meinem e-Book zur Selbsttransformation sowie auch zusätzliche Literatur, die dich bei der Entwicklung eines gelungenen Lebens unterstützen wird.


Quellen und Verweise

[1] Duden Online: Selbstbewusstsein, Bedeutungsübersicht.

[2] Dr. Merkle, Rolf: Blogartikel – Selbstbewusstsein stärken – selbstbewusster werden.

[3] Schilder, Paul: Selbstbewusstsein und Persönlichkeitsbewusstsein. Eine Psychopathologische Studie, 1914, Erstes Kapitel, S.1.

[4] Petzold, Hilarion G.: Artikel – Uni Donau: Die Integrative Identitätstheorie als Grundlage für eine entwicklungspsychologisch und sozialisationstheoretisch orientierte Psychotherapie.

Empfehlungen

Buch: Stahl, Stefanie: Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. München: Kailash, 2015.

Buch: Osho: Reife: Sei, was du bist. Berlin: Allegria, 2004.

Video: RedeFabrik – Kommunikation & Charisma: Wie du dein Selbstbewusstsein stärken kannst. – Mit Glücksdetektiv.