Platon lebte zwischen dem fünften und vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Als antiker griechischer Philosoph zählt er neben seinem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Aristoteles zu den einflussreichsten Denkern der abendländischen Geschichte.

INHALT LEITFRAGEN
  1. Zwei Einwände gegen Platons Argument
  2. Glaukons zweiter Einwand
  3. Platons Verbesserung seines Arguments
  4. Platons finales Argument
  1. Was besagt der Mythos vom Hirten Gyges?
  2. Wie lautet der zweite Einwand Glaukons?
  3. Warum muss nach Platon die Seele aus Teilen bestehen?
  4. Wie lautet Platons finales Argument?

Zwei Einwände gegen Platons Argument

Im Folgenden betrachten wir zwei von Glaukons Einwänden, die Platon dazu veranlassen, das Argument aus dem ersten Buch zu überarbeiten. Dieses haben wir im ersten Teil des Artikels behandelt. Glaukons Einwände sind besonders spannend, denn obwohl er sie darstellt als Abbildungen der Volksmeinung seiner Zeit sind sie doch hochgradig aktuell und eigentlich zeitlos.

Der erste Einwand basiert auf einer Theorie der Entstehung von Gerechtigkeit, aus der abgeleitet wird, dass niemand freiwillig gerecht ist, sondern infolge von Nötigung durch Gesetze, Regeln und Normen. Schauen wir uns diesen Einwand zuerst an.

Glaukon beschreibt eine der ersten Schilderungen einer Vertragstheorie, die wie folgt aufgebaut ist: Unrecht an anderen zu tun sei etwas Gutes, während Unrecht von anderen zu erleiden etwas Schlechtes sei. Dabei sei Unrecht zu erleiden aber deutlich schlimmer als das Unrechttun an anderen einem selbst Vorzüge bringt.

Dies klingt zunächst etwas kompliziert, ist es aber eigentlich nicht: Glaukon meint, wenn ich alles tun kann, was ich will und von anderen alles nehmen kann, was ich möchte, sei dies prinzipiell gut für mich. Dreht man die Sache um und andere tun das mit mir, ist das natürlich schlecht für mich.

Nun überwiegt Letzteres in Summe aber, wenn ich nicht in der Lage bin, mich gegen andere permanent durchzusetzen. Aus diesem Grund, meint Glaukon, haben Menschen begonnen einen Kompromiss zu schließen: man beschließt Gesetze, die jeden daran binden, kein Unrecht zu tun, sodass man selbst als Resultat auch keins mehr erleiden muss. Gerechtigkeit sei somit nicht etwas, das Menschen verfolgen, weil es an sich etwas Gutes ist, stattdessen vielmehr, weil man dem Unrechtleiden entgehen möchte.

Dies hat laut Glaukon zur Konsequenz, dass niemand gerecht handeln würde, wenn er es sich leisten könnte, darauf zu verzichten. Hier kommt der berühmte Mythos des Hirten Gyges ins Spiel. Dieser fand einen Ring, der ihn beim Aufsetzen unsichtbar machte. Als Gyges dies realisierte, ermordete er den lydischen König, um seine Rolle einzunehmen. Glaukon ist sich sicher, dass …

Wenn es nun zwei solcher Ringe gäbe und den einen der Gerechte sich ansteckte, den andern der Ungerechte, so wäre […] wohl keiner von so eherner Festigkeit, daß er bei der Gerechtigkeit bliebe und es über sich gewänne, […] zu handeln wie ein Gott unter den Menschen. [1, Politeia, 357 a – 362 b]

So viel zum ersten Einwand.

Glaukons zweiter Einwand

Der zweite Einwand Glaukons stellt ein Gedankenexperiment dar, dass unsere Intuition bezüglich der Beziehung zwischen einem gerechten bzw. einem ungerechten Leben und der damit verbundenen Glückseligkeit herausfordert. Damit wendet er sich gegen die implizite Prämisse aus dem ersten Argument.

Stellen wir und zwei Menschen vor, einen maximal gerechten und einen maximal ungerechten. Der maximal gerechte Mensch ist jemand, der ausgezeichnet ist in dem was er tut, seine Grenzen kennt, niemandem Unrecht tut und keine Fehler begeht – und sollte dies doch einmal geschehen, dann korrigiert er ihn sofort.

Der maximal ungerechte Mensch ist in erster Linie jemand, der so geschickt darin ist, ungerecht zu sein, dass es niemand bemerkt. Seine Art führt ihn dazu, vollkommen ungerecht zu sein, aber für jeden vollkommen gerecht zu erscheinen.

Beim maximal gerechten Menschen, der deshalb gerecht ist, weil er meint, es sei an sich etwas Gutes, muss man nach Glaukon den Schein der Gerechtigkeit komplett entfernen. Das heißt, der maximal gerechte Mensch ist vollkommen gerecht, darf auf andere jedoch nicht so wirken.

Dies sei aus zwei Gründen notwendig: erstens spielt es für den maximal gerechten Menschen ohnehin keine Rolle, ob er auf andere gerecht wirkt, da er Gerechtigkeit als ein eigenständiges Gut verfolgt. Zweitens muss man nach Glaukon aber sicherstellen, dass der Schein der Gerechtigkeit, der mit Ehre und Wohlwollen verbunden ist, nicht der eigentliche Grund für den maximal gerechten Menschen ist, gerecht zu sein.

Was würde mit ihm nun passieren, wenn er den Schein maximaler Ungerechtigkeit erfährt, obwohl er doch in seinem Handeln vollkommen gerecht ist? Würde er aufgrund der Verleumdung, die er erfährt, aufhören, gerecht sein zu wollen?

Für Glaukon spielt dies keine Rolle. Ihn interessiert nur, wer in Summe ein glücklicheres Leben führen würde: der maximal gerechte Mensch, den jeder jedoch nur als ungerecht wahrnimmt, oder der maximal ungerechte Mensch, der jeden täuscht, dass er vollkommen gerecht ist und deshalb alles haben kann, ohne irgendwelche Folgen fürchten zu müssen [vgl. Politeia, 357 a – 362 b].

Glaukons Antwort ist klar. Natürlich leitet er zur Intuition an, der maximal ungerechte Mensch sei weitaus glücklicher als der maximal gerechte. Wie antwortet Platon auf diese beiden Einwände?

Platons Verbesserung seines Arguments

Kommen wir nun zur ausgearbeiteten Formulierung des Arguments, warum ein gutes Leben nur ein gerechtes Leben sein kann. Dieses unterscheidet sich von der ersten Fassung aus dem ersten Teil im Wesentlichen dadurch, dass Platon eine deutlich stärkere Begründung dafür liefert, warum Gerechtigkeit die Tugend der Seele ist und allein hierdurch eine plausiblere Verbindung zwischen Glückseligkeit und Gerechtigkeit herstellen kann.

Es ist sinnvoll zunächst Platons Stärkung der Prämisse, dass Gerechtigkeit die Tugend der Seele, separat zu betrachten, und erst danach den Bezug zum ersten Argument herzustellen. Warum also ist Gerechtigkeit die Tugend der Seele?

Dies liegt Platon zufolge in der Tatsache begründet, dass die Seele aus Teilen besteht, die am besten ihre jeweilige Funktion erfüllen, wenn jeder Teil das Seinige tut. Wir bemerken, dass die Definition der Gerechtigkeit als Zustand, in dem jeder das Seinige tut und hat, hier bereits eingebaut ist und das scheint auch plausibel.

Denn wenn wir uns irgendein beliebiges System vorstellen, das aus verschiedenen Teilen besteht, so scheint es für die Funktionsweise dieses Systems immer am besten zu sein, wenn jeder Teil nur die Aufgabe ausführt, die ihm auch zugedacht ist. Demzufolge kann die Seele ihre Funktion nur dann gut ausführen, wenn jeder ihrer Teile das Seinige tut, das heißt wenn sie gerecht ist.

Doch warum muss die Seele überhaupt aus Teilen bestehen? Platon argumentiert hierfür in einem eigenständigen und komplizierten Argument, das in etwa wie folgt lautet: Es ist recht unkontrovers zu sagen, dass Leben aus teils widersprüchlichen Tätigkeiten besteht, so etwa aus der Tätigkeit zu essen und seinem Gegenteil, also mit dem Essen aufzuhören.

Nun verhält es sich so, dass ein und dasselbe Ding zur selben Zeit nicht eine Tätigkeit und ihr Gegenteil ausführen kann. Wenn man beispielsweise durstig ist, sich aber davon abhält zu trinken, so kann das anhand dieser Überlegung nur dafür sprechen, dass die Seele mindestens zwei Teile hat.

Der eine hat mit Begehren zu tun, der andere mit Kontrolle, denn nur so kann die Seele sich in einem Zustand befinden, in dem man durstig ist und sich gleichzeitig davon abhält zu trinken.

Auf den dritten Teil der Seele kommt Platon mit derselben Argumentation: Es gibt den widersprüchlichen Zustand der Seele, der beispielsweise dann entsteht, wenn man zu Unrecht eine Strafe erdulden muss. Man weiß, dass man die Strafe nicht erdulden sollte, erfährt den Schmerz der Strafe aber dennoch. Die natürliche Reaktion ist Zorn, der in uns anwächst, aber nicht entstehen würde, wenn wir wissen, dass die Strafe gerecht ist.

Dies leitet Platon dazu an, vom dritten Seelenteil als den muthaften zu sprechen. In Summe kommen wir so zu den folgenden drei Seelenteilen: erstens der begehrende, zweitens der muthafte und drittens der vernünftige, die jeweils ihre eigenen Funktionen besitzen.

Platons finales Argument

Nun haben wir alles beisammen, um das erste Argument in seiner Endfassung präsentieren zu können. Es lautet wie folgt:

Die Seele besteht aus Teilen. Alles, was aus Teilen besteht, übt seine Funktion genau dann gut aus, wenn jeder Teil nur das Seinige tut. Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder das Seinige tut und hat. Die Seele übt ihre Funktion folglich genau dann gut aus, wenn sie gerecht ist.

Über den Begriff des Ergon kommen wir zu folgender Prämisse: Jedes Ding übt seine Funktion nur dann gut aus, wenn es über seine eigentümliche Tugend verfügt. Da die Funktion der Seele darin besteht, zu leben, kann man also nur gut leben, wenn sie gerecht ist. Klarerweise verhält es sich so, dass derjenige, der gut lebt, auch glücklich ist.

Auf diese Weise kommt man letztlich zur Konklusion, dass derjenige, der gerecht lebt, glücklich ist [2]. Platon meint, sein Argument würde Glaukon zwingen den Standpunkt einzunehmen, dass nur ein gerechtes Leben ein glückliches Leben ist.

INHALT ZEIT
  1. Einleitung
  2. Aufbau und Leitfragen der Politeia
  3. Einige Anmerkungen zu Begrifflichkeiten
  4. Wieso man nur gut lebt, wenn man gerecht ist
  5. Zwei Einwände gegen Platons Argument
  6. Verbesserung des Arguments
  7. Fazit
  1. 00:00 – 01:19
  2. 01:20 – 05:21
  3. 05:13 – 11:20
  4. 11:21 – 13:47
  5. 13:48 – 19:31
  6. 19:32 – 23:22
  7. 23:23 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Platon: Der Staat [Politeia]. Schleiermacher, F.D.E. (Üb.). Berlin: Akademie Verlag, 1987.

[2] Vgl.: Weinstein, J.: lm platonischen Staat führt ein gerechtes Leben zur Glückseligkeit, in: Bruce, M.; Barbone, S. (Hrsg.): Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Conrad, M. (Üb.). Darmstadt: WGB, 2012, S.206-209.

Empfehlungen

Oberndörfer, D.; Rosenzweig, B.: Klassische Staatsphilosophie – Platon bis Rousseau. Texte und Einführungen. München: Beck’sche Reihe, 2. unveränderte Auflage, 2010.