Platon lebte zwischen dem fünften und vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Als antiker griechischer Philosoph zählt er neben seinem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Aristoteles zu den einflussreichsten Denkern der abendländischen Geschichte.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Das Ziel des Artikels
  2. Aufbau und Leitfragen der Politeia
  3. Einige Anmerkungen zu Begrifflichkeiten
  4. Wieso man nur gut lebt, wenn man gerecht ist
  1. Wofür argumentiert Platon in der Politeia?
  2. Was sind die Leitfragen der Politeia?
  3. Wie definiert Platon Tugend und Gerechtigkeit?
  4. Wie lautet Platons Grundargument?

Das Ziel des Artikels

Platon verfasste 24 Dialoge, die man aus heutiger Sicht sicher auf ihn zurückführen kann, und lieferte mit diesen grundlegende Beiträge zu beinahe jedem Thema, das man sich denken mag. Bis ins 13. Jahrhundert stellte Platon mit seinem Ideenreichtum ein Monopol dar, prägte die christliche Theologie und Philosophie in dieser Zeit wie kein anderer und gehört schlicht gesagt zum Rückgrat unserer Kultur [1].

Dieser Artikel korrespondiert mit der zweiten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels. Wir betrachten im Folgenden eine originelle Argumentation Platons, die man in seinem vielleicht bekanntesten Werk wiederfindet, nämlich der Politeia, zu Deutsch: der Staat [2].

Bevor wir uns dem Inhalt der Politeia widmen, sollten wir zu Beginn den Aufbau und das Ziel des Werks genauer betrachten sowie einige Begriffe klären.

Aufbau und Leitfragen der Politeia

Platon vertritt wie die meisten antiken Philosophen eine tugendbasierte eudaimonistische Ethik. Dieser Auffassung zufolge besteht Glück, oder besser gesagt das gute Leben, darin, unsere menschliche Natur vollkommen zu verwirklichen, was zugleich der Verwirklichung ethischer Tugenden entspricht.

Dabei versteht man unter Tugenden im weiteren Sinne schlicht die Vortrefflichkeit oder Gutheit eines Dings, im engeren Sinne als erstrebenswert zu betrachtende Eigenschaften des Charakters einer Person, die gutes Handeln befähigen.

Bei Platon steht dagegen wie wir noch sehen werden die Idee der Verwirklichung von ethischen Tugenden gar nicht so sehr im Zentrum seiner Antwort auf die Frage nach dem guten Leben – stattdessen handelt es sich dabei nur um ein Bruchstück einer größeren Idee, nämlich der vom Ideal einer Harmonie zwischen Staat, Mensch und Seele.

Wir können den Begriff der Seele im Folgenden ohne eine transzendente Komponente verstehen, nämlich einfach als Summe des menschlichen Denkens, Fühlens und Wahrnehmens. Viel wichtiger für die spätere Rekonstruktion der Argumente ist es, zu verstehen was Platon als die spezifische Tätigkeit der Seele identifiziert. Laut Platon habe auch die Seele eine Tugend und ihre Funktion ist es, zu leben [vgl. Politeia, 353 a – 354 b].

In der Politeia, die insgesamt in zehn sogenannte Bücher gegliedert ist, beschäftigt sich Platon nun gerade damit, wie dieses Ideal der Harmonie konkret aussehen muss, indem er sich zwei Leitfragen stellt. Erstens: was ist der ideale Staat? Und zweitens: was ist Gerechtigkeit?

Auch wenn beide Fragen eng zusammenhängen, da Platon eine Analogie zwischen dem Aufbau des idealen Staates und der Funktionsweise der idealen Seele aufstellt, werden wir uns so gut es geht auf die zweite Frage konzentrieren, denn hier offenbart sich der eigentliche Kern in Platons Argumentation.

Anstatt der Frage, was Gerechtigkeit ist, tritt sehr schnell die Frage in den Vordergrund, warum wir überhaupt gerecht handeln sollten. Platons Antwort mag verblüffend wirken: er argumentiert dafür, dass gerecht zu sein an sich gut ist und zudem notwendig, um ein maximal gutes Leben führen zu können.

Ein wichtiger Bestandteil der Politeia ist es, Einwände, die von Dialogpartnern hervorgebracht werden, zu widerlegen und sie davon zu überzeugen, dass Gerechtigkeit an sich gut, erstrebenswert und zugleich notwendig für ein gutes Leben ist.

Diese Aufgabe beinhaltet unter anderem, zu zeigen, dass ein gutes Leben nicht daraus bestehen kann, alles zu bekommen, was man möchte, wann immer man es möchte. Anders gesagt: Platon muss unter anderem zeigen, dass ein gutes Leben nicht aus Spaß, Lust, Bequemlichkeit und Genuss bestehen kann, sondern dass diese Aspekte nur eine untergeordnete Rolle spielen [3].

Einige Anmerkungen zu Begrifflichkeiten

Ein fundamentaler Begriff nicht nur für Platon, sondern für die gesamte antike Tugendethik, ist der des Ergon. Das Ergon ist die Tätigkeit oder Funktion eines Dings (besser gesagt einer Entität), die „es entweder allein oder besser als alle andern verrichtet.“ [Politeia, 353 a – 354 b]

So ist beispielsweise das Ergon eines Messers zu schneiden und obwohl man mit allen erdenklichen Dingen vielleicht auch schneiden könnte – etwa einem scharfen Stein – macht es das Messer doch am besten – so die Idee.

Dem Begriff des Ergon liegen, wie man es aus diesem einfachen Beispiel bereits ablesen kann, zwei wichtige Annahmen zugrunde. Erstens ein Essentialismus und zweitens ein Perfektionismus. Der Essentialismus besagt, dass jede Entität notwendige Eigenschaften besitzt, die sie von anderen Entitäten abgrenzbar macht.

Der Perfektionismus besagt, dass es graduelle Abstufungen der Güte bezüglich der Erfüllung des Ergon gibt. Anders formuliert: Damit irgendein Ding X genau dieses Ding X ist, muss es die Merkmale erfüllen, die es zu X machen und je besser es diese Merkmale erfüllt, desto besser erfüllt es das Ergon von X.

Tugenden im weiteren Sinne bezeichnen die Vortrefflichkeit oder Gutheit eines Dings und stehen damit eng mit der Annahme des Perfektionismus in Kontakt. Denn je besser ein Ding X sein Ergon, also seine spezifische Tätigkeit, erfüllt, desto besser prägt es seine spezifische Tugend aus.

In Bezug auf den Menschen bezeichnen wir mit Tugenden erstrebenswerte Eigenschaften des Charakters einer Person, die letztlich gutes Handeln befähigen und eine maximal gute Lebensführung ermöglichen.

Ein weiterer zentraler Begriff, ist natürlich jener der Gerechtigkeit. Platon versteht Gerechtigkeit als einen Zustand, wonach „jeder das Seinige tut und hat“ [Politeia, 433 d/e]. Dabei ist Gerechtigkeit nicht nur etwas, das wir im politischen und sozialen Rahmen begreifen können.

Denn gerade dadurch, dass Gerechtigkeit darin besteht, das Seinige zu tun, entsteht eine enge Verbindung zum Ergon als eine spezifische Tätigkeit. Von jemandem oder etwas zu verlangen, eine Tätigkeit auszuführen, die nicht seinem Ergon entspricht, wäre demzufolge eine Ungerechtigkeit.

Zugleich muss man beim platonischen Gerechtigkeitsbegriff verstehen, dass dieser Rechte und Pflichten miteinander verbindet. Gerechtigkeit heißt also einerseits, einfordern zu können, was einem zusteht, andererseits aber auch leisten zu müssen, was einem zusteht.

Wieso man nur gut lebt, wenn man gerecht ist

In der Politeia finden sich zwei an verschiedenen Stellen auftauchende Argumente, die zur Konklusion anleiten, ein gutes Leben sei nur möglich, wenn man gerecht ist. Tatsächlich handelt es sich aber um ein und dasselbe Argument, das in unterschiedlicher Ausführlichkeit präsentiert wird.

Gleich am Ende des ersten Buchs findet man – sagen wir mal – eine Rohform des Arguments vor, die wie folgt aufgebaut ist:

Die erste Prämisse lautet: Jedes Ding übt seine Funktion (also sein Ergon) nur dann gut aus, wenn es über seine eigentümliche Tugend verfügt. Die zweite Prämisse lautet: Die Tätigkeit der Seele ist es zu leben. Die dritte Prämisse lautet: Gerechtigkeit ist die Tugend der Seele.

Aus der ersten und zweiten Prämisse entsteht die erste Konklusion, nämlich: Die Seele übt ihre Funktion (nämlich zu leben) nur dann gut aus, wenn sie über ihre eigentümliche Tugend verfügt. Anschließend folgt die die zweite Konklusion aus der ersten Konklusion und der dritten Prämisse: Man lebt nur gut, wenn man gerecht ist [vgl. Politeia, 353 b – 354 a und [5]].

Dieses Argument ist formal zwar korrekt aber noch zu grob, um überzeugend zu sein. Es stellt sich auf den ersten Blick etwa die Frage, wie die erste Konklusion und die dritte Prämisse in Bezug auf den Begriff des Guten zusammenhängen. Und tatsächlich verhält es sich hier so, dass Platon eine implizite Prämisse benötigt, um klarzustellen, dass das gerechte Leben als Erfüllung des Ergon der Seele zugleich auch das glückselige Leben ist.

Diese implizite Prämisse muss dann lauten, dass Gerechtigkeit (bzw. gerecht sein) mit der Glückseligkeit (bzw. dem guten Leben) identisch ist. [vgl. 4, Abschnitt 3.2]

Doch dies schwächt das Argument natürlich enorm, denn nun wird jeder, der ansatzweise bezweifelt, dass man immer gerecht sein sollte, von diesem Argument nicht überzeugt sein.

Genau dies ist auch der Fall im zweiten Buch der Politeia, als der Dialogpartner namens Glaukon ins Geschehen tritt. Er will gerade wissen, warum Gerechtigkeit besser sei als Ungerechtigkeit, da er bislang immer nur Gründe dafür gehört hat, warum es schlecht sei, ungerecht zu sein, aber niemals Gründe dafür, warum es gut sei, gerecht zu sein [vgl. Politeia, 357-362].

Mit diesem Motiv fordert er Platon nun heraus. Glaukons Einwände und Platons Antwort auf diese betrachten wir im zweiten Teil dieses Artikels.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Aufbau und Leitfragen der Politeia
  3. Einige Anmerkungen zu Begrifflichkeiten
  4. Wieso man nur gut lebt, wenn man gerecht ist
  5. Zwei Einwände gegen Platons Argument
  6. Verbesserung des Arguments
  1. 00:00 – 01:07
  2. 01:08 – 04:30
  3. 04:31 – 09:29
  4. 09:30 – 11:29
  5. 11:30 – 15:47
  6. 15:48 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Russell, B.: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Fischer-Wernicke, E. und Gillischewski, R. (Üb.). Wien/München: Europaverlag, 9. Auflage, 2000, S.126.

[2] Platon: Der Staat [Politeia]. Schleiermacher, F.D.E. (Üb.). Berlin: Akademie Verlag, 1987.

[3] Vgl.: Guignon, C. (Hrsg.): The Good Life. Indianapolis/Cambridge: Hackett, 1999, S.12f.

[4] Brown, E.: Plato’s Ethics and Politics in The Republic, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2017, Edward N. Zalta (Hrsg.), hier abrufbar (Stand 02.05.2020).

[5] Weinstein, J.: lm platonischen Staat führt ein gerechtes Leben zur Glückseligkeit, in: Bruce, M.; Barbone, S. (Hrsg.): Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Conrad, M. (Üb.). Darmstadt: WGB, 2012, S.206-209.

Empfehlungen

Oberndörfer, D.; Rosenzweig, B.: Klassische Staatsphilosophie – Platon bis Rousseau. Texte und Einführungen. München: Beck’sche Reihe, 2. unveränderte Auflage, 2010.