Nikomachische Ethik – Aristoteles über Tugend und Glück

Man kann lediglich dann ein glückliches Leben führen, wenn man tugendhaft lebt. Diese These bildet die Grundlage der antiken Ethik, doch was bedeutet sie eigentlich? Was kann man unter dem vagen Begriff ›Tugend‹ oder unter dem noch viel vageren Begriff eines glücklichen und gelungenen Lebens verstehen?

Die Kernthese der Tugendethik

Aristoteles (384-322 v.u.Z.) liefert in seinem Werk mit dem Titel Nikomachische Ethik in einer originellen und verständlichen Fassung klare und zeitlose Antworten, die uns auch heutzutage bei der Bestimmung von Leitprinzipien einer gelungenen Lebensführung durchaus unterstützen können.

Tief im Zentrum der aristotelischen Antworten steht neben der Einbindung des Menschen in den sinnvollen Gesamtzusammenhang des natürlichen sowie politischen Lebens die Untersuchung der individuellen Ziele innerhalb des menschlichen Lebens. Die Natur des Menschen, die Organisation des Menschen in Form des Politischen und zuletzt die Handlungen im Leben des Individuums besitzen – so die Argumentation von Aristoteles – dasselbe gemeinsames Ziel, nämlich die Glückseligkeit.

Die antike Ethik ist in jeder Hinsicht geprägt vom Begriff der Tugend. Man nennt insbesondere die aristotelische Ethik deshalb auch eine Tugend-Ethik. Dabei ist es zunächst eine Herausforderung zu verstehen, was unter ›Tugend‹ genau zu verstehen ist. Der erste Schritt liegt darin, jene Umrisse nachzuzeichnen, die vom Projekt der antiken Ethik im Allgemeinen verfolgt wird.

Die antike Ethik, und damit natürlich auch die Grundlage vieler ethischer Überlegungen bis zum heutigen Tag, umfasst den Versuch einer Versöhnung zwischen der subjektiven Position des Eigennutzens – d. h. wie handle ich, dass ich den größten Nutzen habe? – und der objektiven Position des gesellschaftlichen Zusammenlebens – d.h. wie wird eine gute und effektive politische Ordnung zur Maximierung des Wohls aller Menschen umgesetzt?

Diese beiden Aspekte stehen scheinbar in einem Konflikt zueinander, denn die Verfolgung des größten subjektiven Nutzens schließt das Handeln zum Wohl der Gesellschaft an vielen Stellen möglicherweise aus.

Für das umfassende Wohl einer sozialen Gemeinschaft zu handeln, ist häufig gleichzusetzen mit einem Verzicht auf ganz bestimmte subjektive Vorzüge. Wir befolgen sozial-geteilte Gesetze und Normen, teilen private und öffentliche Ressourcen und gehen im Beruf und sozialen Interaktionen häufig Tätigkeiten nach, die über unsere eigenen Bedürfnisse hinausgehen.

Doch warum sollten wir Gesetze und Normen auch dann befolgen, Ressourcen auch dann teilen und unsere Tätigkeiten für ein gesellschaftliches Zusammenleben auch dann aufrechterhalten, wenn sie unserem Eigennutzen widersprechen?

Dieses Problem stellt die Ausgangsfrage so gut wie aller ethischer Theorien der Antike dar. Man kann es treffend anhand von zwei übergeordneten Fragen verdeutlichen, die uns alle im Leben früher oder später erreichen: Warum soll ich gerecht sein? Warum soll ich gut handeln?

Die antike Ethik antwortet auf diese beiden Fragen im Spannungsfeld eigennützigen und moralischen Handelns bzw. Verhaltens. So gut wie alle namhaften Philosophen der Antike versuchen in ihren Standpunkten zur Ethik zu zeigen, dass moralisches Verhalten und eigennütziges Verhalten tatsächlich zusammenfallen. Ihre These ist demnach, dass man nur dann ein glückliches Leben führen könne, wenn man tugendhaft lebt, was unter anderem das moralische Leben einschließt.

Auf die obigen Fragen ›Warum soll ich gerecht sein?‹ und ›Warum soll ich gut handeln?‹ antworten antike Konzeptionen der Ethik in der Regel auf folgende anspruchsvolle Weise: Du sollst gerecht und gut sein, weil du nur so glücklich sein kannst!

Anspruchsvoll ist diese Antwort, weil sie einer weit verbreiteten Intuition widerspricht, nämlich jener, dass das Erreichen von Glück die Maximierung des Eigennutzens einschließen müsse. Hier setzt die Tugend innerhalb der Tugend-Ethik an:

Die Versöhnung zwischen den Ansprüchen auf einen maximalen Eigennutzen und den Ansprüchen eines moralischen Handelns im Kontext der Gesellschaft finde durch die Ausbildung erstrebenswerter Charakterzüge, Gewohnheiten und Verhaltensweisen statt, die im Individuum anzusiedeln sind.

Es ist deren Ausbildung – Aristoteles zählt zu den Tugenden unter anderem Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit und Freundlichkeit -, die den Menschen zur richtigen Einstellung zwischen Eigennutzen und moralischem Verhalten führt. Im Folgenden betrachten wir wie Aristoteles diese Antwort begründet.

Die Hierarchie aller Handlungen

Die Nikomachische Ethik beginnt mit einer Untersuchung der Struktur von Handlungen. Dem zugrundeliegend steht die Frage im Zentrum, wie und wofür wir Menschen im Allgemeinen Tätigkeiten ausführen. Der erste Ansatz einer Antwort bildet folgende Feststellung:

Jedes Herstellungswissen und jedes wissenschaftliche Vorgehen, ebenso jedes Handeln und Vorhaben strebt, so die verbreitete Meinung, nach einem Gut. Deshalb hat man «Gut» zu Recht erklärt als «das, wonach alles strebt.» [1, 1094a].

Nicht alle Tätigkeiten sind jedoch von derselben Absicht begleitet. Aristoteles unterscheidet diesbezüglich drei Arten von Tätigkeiten. An erster Stelle gibt es Tätigkeiten, die gar nicht um ihrer selbst willen getan werden, sondern die darauf aus sind, einen bestimmten Endzustand herbeizuführen. Das, worauf die Tätigkeit abzielt, ist nicht sie selbst, sondern etwas anderes – z.B. das Bestehen einer Prüfung oder der Bau eines Hauses.

An zweiter Stelle gibt es Tätigkeiten, die gerade um ihrer selbst willen getan werden, weil deren Ausübung selbst schon das ist, worauf sie abzielen. Solche Tätigkeiten haben ihren Sinn der Verrichtung niemals in einem Resultat, sondern im Tätigsein. Hier ist demnach der Weg das Ziel: Die Tätigkeit selbst verschafft Befriedigung und Erfüllung – z.B. das Tanzen.

An dritter Stelle ist eine Kombination aus der ersten und zweiten Art von Tätigkeit denkbar. Das würde bedeuten, dass es sich um eine Tätigkeit handelt, die um ihrer selbst willen und zugleich auch um ihres Resultats willen getan wird.

Wozu trifft Aristoteles diese Unterscheidung? Zunächst hilft sie uns, eine Abstufung der Wertigkeit zwischen unseren Handlungen aufzustellen. Schließlich haben wir angenommen, dass alle Tätigkeiten, Ziele und Handlungen ein Gut anstreben und können nun sagen, dass Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen getan werden, diese Funktion besser oder zumindest direkter erfüllen als andere Formen der Tätigkeiten, da ihr Gut in ihnen selbst liegt.

„Wenn es nun für das, was wir tun, ein Ziel gibt, das wir um seiner selbst willen wünschen, während wir die übrigen Dinge um seinetwillen wünschen, und wenn wir nicht alles um eines weitergehenden Ziels willen wählen – denn auf diese Weise ginge der Prozess ins Unendliche, sodass das Streben leer und vergeblich würde -, dann wird offensichtlich dieses das Gut, und zwar das beste Gut sein.“ [1, 1094a]

Darüber hinaus hilft uns die Unterscheidung verschiedener Arten von Tätigkeiten zu verstehen, wie die Summe aller Handlungen in einem Leben strukturiert sind und wo inmitten dieser Handlungsstruktur das Ziel der Glückseligkeit angesiedelt sein muss.

Klar ist, dass das höchste Ziel menschlicher Handlungen ein Zustand, eine Tätigkeit oder etwas Ähnliches sein muss, die ihren Sinn der Verrichtung in ihr selbst trägt, denn nur so kann ein Endzustand überhaupt erreicht werden.

Das höchste Ziel

Ausgehend von der Feststellung, dass es Tätigkeiten geben muss, die um ihrer selbst willen getan werden, weil sonst unser gesamtes Tun sinnlos wäre, wendet sich Aristoteles der Bestimmung der Frage zu, wie das höchste Ziel des menschlichen Lebens beschaffen sein muss: Wenn das gesamte Handeln ein höchstes bzw. oberstes Ziel hat, welche Eigenschaften muss dieses dann erfüllen?

Wie bereits erwähnt, muss das höchste Ziel etwas sein, das um seiner selbst willen verfolgt wird. Ist es das nicht, so ist es per Definition nicht das höchste Ziel, sondern nur ein Mittel zum Zweck eines anderen Ziels.

An zweiter Stelle muss das höchste Ziel allen Handelns verstanden als ein Endpunkt unserer zahlreichen Tätigkeiten auch ein Konvergenzpunkt allen Handelns sein, d.h. alle Tätigkeiten streben über kurz oder lang auf dieses höchste Ziel zu. Dieser Aspekt folgt aus der Tatsache, dass wir begonnen haben Tätigkeiten und Ziele anhand einer Struktur mit verschiedenen Intentionen zu verstehen.

Solche Tätigkeiten, die gar nicht um ihrer selbst willen getan werden, können niemals einen Endpunkt darstellen, doch auch bei Tätigkeiten, die gerade um ihrer selbst willen getan werden, finden sich übergeordnete Kategorien, die sie zusammenfassen, so z.B. das Empfinden von Freude.

Hierdurch bilden alle Tätigkeiten zusammen betrachtet eine Art Netzwerk, dessen zentralster Punkt jenes Ziel ist, das wir das höchste Ziel menschlicher Tätigkeiten nennen können. Was dieses oberste Ziel allen Handelns ist, das zum einen autarkisch ist und worauf zum anderen jederlei Handeln abzielt, wissen wir bereits, ja die meisten würden es wie folgt benennen:

„Als derartiges Ziel gilt aber insbesondere das Glück; dieses nämlich wählen wir immer um seiner selbst willen und niemals um anderer Dinge willen, während wie Ehre, Lust, Vernunft und jede Tugend zwar um ihrer selbst willen wählen […] aber auch dem Glück zuliebe, weil wir annehmen, dass wir durch sie glücklich sein werden. Das Glück dagegen wählt niemand diesen anderen Zielen zuliebe oder überhaupt um anderer Dinge willen.“ [1, 1097b]

Tatsächlich ist es so, dass wir das Glück oder besser gesagt die Glückseligkeit (εὐδαιμονία – eudaimonía) immer um seiner selbst willen und niemals um anderer Dinge willen wählen. Auch wenn wir in unserem Leben sehr viel Wert auf Liebe, Familie und Ähnliches legen, tun wir dies bloß deshalb, weil wir glauben, dass wir dadurch glücklich werden!

Die Inhalte des Glücks

Einen zentralen Aspekt, den wir sofort aus den bereits getroffenen Aussagen über das oberste Ziel ableiten können, besteht in der Feststellung, dass die Glückseligkeit – gerade da sie autarkisch sein muss – niemals von willkürlichen, wandelbaren Zuständen abhängen kann.

Das eigene Glück kann nicht davon abhängig sein, was wir gemeinhin Äußerlichkeiten nennen. In diesem Sinne spricht man von einer adaptiven Konzeption des Glücks, wonach die zahlreichen und deutlich verschiedenen situativen Umstände, in denen Menschen sich wiederfinden, zwar nicht ignoriert werden dürfen, aber die Ausbildung des Charakters zur tugendhaften Persönlichkeit eine insgesamt deutlich wichtigere Rolle spielt.

Die aristotelische Tugend-Ethik ist klar davon geprägt, dass sie die zuhauf überbetonte Rolle äußerer Umstände im Kontext der Bemühung um ein glückseliges und gelungenes Leben neu bewertet. Aristoteles zeigt dies unter anderem mit einer Analyse und Kritik verbreiteter Lebensausrichtungen und ihrer vermeintlichen Beiträge für die Erlangung von Glückseligkeit [vgl. 1, 1095a].

So finden wir zum Beispiel immer wieder die Betonung einer Lebensausrichtung nach Lust vor, die besagt, dass Glückseligkeit allein durch das Streben nach und Erreichen von positiven Empfindungen und materiellem Wohl erlangt werden könne.

Warum das Glück nicht in der Lust liegen kann, verdeutlicht Aristoteles mit einem simplen Vergleich. Man stelle sich zwei Personen vor: Beide leben in Luxus, und beiden wird der Luxus entzogen. Person 1 ist erschüttert, Person 2 nicht. Wen würden wir glücklicher nennen? Natürlich Person 2! Deshalb kann das Glück schlicht gesagt nicht in der Lust und mit ihr verbundenen Besitztümern liegen, denn es muss autarkisch sein.

Eine zweite Lebensausrichtungen findet sich in dem, was Aristoteles das politische Leben nennt. Es handelt sich hierbei um eine Lebensform, in der Ehre, Anerkennung, Lob und dergleichen im Mittelpunkt stehen – doch auch hier kann Glückseligkeit nicht anzusiedeln sein:

Eine Person, die nach Anerkennung und Lob strebt, ist genau wie der Mensch des Genusslebens an die Ungewissheit äußerer Faktoren gebunden – in diesem Fall nämlich an die Anerkennung ausgehend von anderen Personen in einem sozialen Kontext. Die Qualität des nach Ehre strebenden Lebens ist also stark von der Einschätzung durch andere abhängig.

Darüber hinaus ist die Feststellung deutlich wichtiger, dass es ja in Wahrheit niemals die Ehre selbst ist, die im politischen Leben einen Wert erzeugt, sondern viel eher die eigene Tüchtigkeit. Man will gelobt werden, weil man tatsächlich gut ist oder etwas lobenswertes getan hat und nicht ohne Grund, denn ein grundloses Lob hat keinen Wert.

Also geht es bei der Ehre eigentlich gar nicht um die Ehre selbst, sondern vielmehr um unsere Tüchtigkeit oder eben unsere Tugend, die sich als ehrenwert auszeichnet. Damit erweist sich die Tüchtigkeit oder Tugend – unser Gut-Sein in Charakter und Verhalten – als das eigentlich erstrebte Gute und nicht die Ehre selbst!

Zum Schluss erwähnt Aristoteles noch die kaufmännische Lebensform. Diese kann aus einem einfachen Grund nicht das gesuchte gute Leben sein kann, da sie bekanntlich etwas Gewaltsames oder gar Gezwungenes an sich hat: was eigentlich naturgemäß lediglich ein Mittel ist, nämlich Reichtum, fälscht die kaufmännische Lebensform – seine natürliche Beschaffenheit gewaltsam verdrehend – zum Zweck.

Das Ergon-Argument

Nachdem Aristoteles drei der geläufigsten Vorstellungen über den Inhalt des glückseligen Lebens als fehlerhaft entpuppt, ist die Frage berechtigt, was uns für den Inhalt der Glückseligkeit noch übrigbleibt. Aristoteles konstruiert hierfür ein bekanntes Argument, auch Ergon-Argument genannt.

Der Ursprung dieses Arguments ist die Annahme, dass jedes Wesen und Ding eine spezifische Weise des Daseinsvollzugs, will heißen eine spezifische Tätigkeit oder Wirksamkeit, besitzt. Worauf diese spezifische Tätigkeit oder Wirksamkeit abzielt, ist das sogenannte ἔϱγον (ergon, zu Deutsch ›Werk‹).

Jedes Wesen strebt und drängt danach, dasjenige, was seiner spezifischen Beschaffenheit entspricht (also sein Ergon), zu verrichten. Und nur dann, wenn es dies verwirklicht, ist das Wesen erfüllt bzw. glücklich.

So ist zum Beispiel ein Hammer genau dann auf die beste Weise ein Hammer, wenn man ihn seiner Funktion entsprechend einsetzt. Natürlich könnte man einen Hammer auch als Türstopper verwenden, aber hierfür wurde dieser nicht hergestellt, d.h. es entspricht nicht seiner Funktion.

Die zugrundeliegende Idee ist, dass alle Wesen und Dinge jeweils Eigenschaften und Funktionen besitzen, die sie erstens von anderen Wesen und Dingen unterscheidbar machen und zweitens mit einem Wert ausstatten, der nur von ihnen selbst am besten verrichtet werden kann. Anders gesagt: Nichts schlägt besser Nägel in eine Wand als ein Hammer und genau dafür sollte man diesen auch verwendet – das ist der Sinn dieses Dings.

Führt man diesen Gedanken fort, kann uns laut Aristoteles die Bestimmung der Glückseligkeit nur unter der Bedingung gelingen, wenn wir die spezifisch menschliche Eigenschaft erkennen, also das, was den Menschen vollkommen auszeichnet und als Gattung besonders macht. So formuliert Aristoteles für das genauere Einkreisen des Inhalts der Glückseligkeit, dass dies wohl dann geschehen kann …

… „wenn man die Funktion des Menschen erfasst. Wie man nämlich annimmt, dass für den Flötenspieler, den Bildhauer und jeden Fachmann in einem Herstellungswissen, allgemein für jeden, der eine bestimmte Funktion und Tätigkeit hat, «gut» und «auf gute Weise» in der Funktion liegt, so sollte man annehmen, dass das wohl auch für den Menschen zutrifft, wenn er wirklich eine bestimmte Funktion hat.“ [1, 1097b]

Und wie lautet nun das spezifisch menschliche Merkmal? Der Zustand ›Leben‹ oder ›Gedeihen‹ kann es wohl nicht sein, denn auch Pflanzen haben einen Stoffwechsel, leben und gedeihen. Auch die Wahrnehmung und Interaktion mit der Umwelt kann es nicht sein, denn auch Tiere können wahrnehmen, empfinden und dergleichen.

Was den Menschen von anderen Lebewesen auf spezifische Weise laut Aristoteles abgrenzt, ist die Vernunft und damit die Fähigkeit, das eigene Handeln nach vernünftigen Überlegungen auszurichten und die Vernunft einzusetzen, um Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen [vgl. 1, 1098a]. Genau dies scheint das spezifisches Merkmal, also das Ergon des Menschen zu sein:

„[W]enn […] wir als die eigentümliche Verrichtung des Menschen ein gewisses Leben ansehen, nämlich mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele und entsprechendes Handeln, als die Verrichtung des guten Menschen aber eben dieses nur mit dem Zusatz: gut und recht – wenn endlich als gut gilt, was der eigentümlichen Tugend oder Tüchtigkeit des Tätigen gemäß ausgeführt wird, so bekommen wir nach alledem das Ergebnis: das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und vollkommensten Tugend gemäße Tätigkeit.“ [2, 1098a]

Das glückselige Leben und damit das höchste Ziel menschlichen Handelns bestehe folglich in der Ausbildung von Verhaltensweisen, Charakterzügen und Einstellungen sowie der Verwendung von Fähigkeiten, die dem Menschen eigentümlich sind, also dem vernunftgeleiteten Handeln und Leben.

Im Verlauf der Nikomachischen Ethik ergänzt Aristoteles diese zentrale Feststellung durch weiterführende Aspekte, so etwa durch die Rolle der Freundschaft, Gerechtigkeit und den Aufbau einer staatlichen Ordnung, die dem Streben nach Glückseligkeit am dienlichsten ist. Doch selbst ohne diese Ergänzungen bildet die aristotelische Argumentation ein umfassendes Bild dessen, was das glückselige Leben ausmacht.


Quellen und Verweise

[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Wolf, Ursula (Üb. und Hrsg.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006.

[2] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Rolfes, Eugen (Üb. und Hrsg.). Köln: Anaconda, 2009.

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