In der Nikomachischen Ethik geht Aristoteles innerhalb von zehn sogenannten Büchern der Untersuchung nach, wie man ein guter Mensch wird und sowohl ein glückliches als auch erfülltes Leben führen kann. Im Kern seiner Argumentation steht die Aussage, dass man nur ein glückliches Leben führen kann, wenn man tugendhaft ist. Genau das werden wir hier untersuchen.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Formale Bestimmung der Glückseligkeit
  2. Inhaltliche Bestimmung der Glückseligkeit
  3. Das Ergon-Argument
  1. Welche Kriterien muss Glückseligkeit erfüllen?
  2. Woraus besteht das glückselige Leben?
  3. Wie funktioniert das Argument von Aristoteles?

Formale Bestimmung der Glückseligkeit

Im ersten Teil haben wir einige grundlegende Begriffe der Nikomachischen Ethik und die Differenz zwischen Platon und Aristoteles herausgearbeitet. Im Folgenden untersuchen wir, wie Aristoteles für das gute Leben argumentiert.

Aristoteles beginnt seine Untersuchung des guten Lebens damit, indem er die Zweckmäßigkeit aller Handlungen und menschlicher Ziele betrachtet. Offensichtlich scheint es zu sein, dass wir mit allem, was wir tun, immer etwas anstreben, das wir durch unser Tun erreichen wollen:

Jedes Herstellungswissen und jedes wissenschaftliche Vorgehen, ebenso jedes Handeln und Vorhaben strebt, so die verbreitete Meinung, nach einem Gut. Deshalb hat man ›Gut‹ zu Recht erklärt als ›das, wonach alles strebt‹ [1, NE 1094 a].

Nun sind aber unsere Tätigkeiten nicht alle gleich. Mithilfe alltäglicher Betrachtungen können wir bereits feststellen, dass es bspw. Tätigkeiten gibt, die nicht um ihrer selbst willen getan werden, sondern die darauf aus sind, etwas hervorzubringen bzw. einen Endzustand herbeizuführen, nämlich das, worauf die Tätigkeit abzielt.

Solche Tätigkeiten können zum Beispiel das Lernen auf eine Prüfung sein, oder das Putzen. Am Lernen oder Putzen selbst liegt einem nichts, aber am Resultat schon.

An zweiter Stelle gibt Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen getan werden, deren Ausübung also selbst schon das Ziel ist, worauf sie aus sind. Solcherart Tätigkeiten haben ihren Sinn (also den Grund ihrer Verrichtung) niemals in einem Resultat, sondern im Tätigsein selbst.

Der Weg ist hier also das Ziel. Für gewöhnlich verstehen wir unter diesen Tätigkeiten solche, die uns einfach Spaß machen, z.B. Spielen, Tanzen, Gärtnern und dergleichen.

Ohne Zweifel gibt es aber auch Tätigkeiten, die eine Kombination der eben genannten darstellen. Solche Tätigkeiten übt man um ihrer selbst willen aus, was aber nicht ausschließt, dass man zugleich bestimmte Ziele damit erfüllt.

In jedem Fall ist durch diese Unterscheidung von Tätigkeiten klar, dass es so etwas wie eine hierarchische Struktur von Tätigkeiten und Zielen gibt. Die Idee ist folgende: auf der untersten Ebene unserer Tätigkeiten und Ziele befinden sich solche, die wir nur deshalb ausführen, um eine andere Tätigkeit oder ein anderes Ziel zu erreichen.

Wären aber nun alle Tätigkeiten und Ziele menschlichen Lebens so beschaffen, dass sie stets auf die Erfüllung einer anderen Tätigkeit oder Ziels ausgerichtet sind, wäre das Leben gewissermaßen sinnlos [vgl. NE 1094 a 15ff.]. Wir würden uns fortwährend im Kreis drehen und keine unserer Tätigkeiten und Ziele wäre eine Erfüllung menschlichen Lebens in sich selbst.

Aber es gibt natürlich solche Tätigkeiten und Ziele, die an sich erstrebenswert sind, wie wir eben gesehen haben. Doch übliche Tätigkeiten, die unter diese Beschreibung fallen, wie etwa Spielen, Tanzen, Gärtnern und dergleichen, scheinen nicht allgemein genug als höchstes Endziel menschlichen Lebens gelten zu können.

Was wir brauchen, ist ein oberstes, allgemeinstes Ziel menschlichen Strebens, das nur um seiner selbst willen gewollt wird. Aristoteles formuliert diesen Gedanken wie folgt:

Wenn es nun für das, was wir tun, ein Ziel gibt, das wir um seiner selbst willen wünschen, während wir die übrigen Dinge um seinetwillen wünschen, und wenn wir nicht alles um eines weitergehenden Ziels willen wählen – denn auf diese Weise ginge der Prozess ins Unendliche, sodass das Streben leer und vergeblich würde –, dann wird offensichtlich dieses Ziel das Gut, und zwar das beste Gut sein. [NE 1094 a 15ff.]

Wie muss also das höchste Gut des menschlichen Lebens, auf das alle anderen Ziele hindeuten, formal bestimmt werden? Aristoteles fasst hierfür aus dem bereits Gesagten drei Kriterien zusammen.

Erstens besitzt das höchste Gut eine Selbstzweckmäßigkeit, zweitens ein unübertreffliches Maß der Güte und drittens eine autarkische Art. In anderen Worten wird dieses oberste Ziel bzw. höchste Gut erstens nicht zum Zwecke irgendeines anderen Ziels verfolgt, ist zweitens erstrebenswerter als alle anderen Ziele und hat drittens selbst völlig isoliert von allen anderen Gütern den größten Wert [vgl. NE 1097 a/b].

Für ein solches Ziel halten wir nun gerade die Glückseligkeit, auch eudaimonia genannt, die mehr bedeutet als der Begriff ›Glück‹ in unserem heutigen Sprachgebrauch. Glückseligkeit wird von Aristoteles vorläufig bestimmt als ein gutes Leben samt gutem Handeln [vgl. NE 1095 a 15ff.]. Was man sich inhaltlich darunter vorstellen kann, betrachten wir im Folgenden.

Inhaltliche Bestimmung der Glückseligkeit

Zur inhaltlichen Bestimmung der Glückseligkeit setzt Aristoteles aufgrund seines teleologischen Naturverständnisses und der damit zusammenhängenden Vorstellung einer Selbstverwirklichung in Gestalt der Entelechie bei der spezifischen und wesenhaften Art menschlichen Daseinsvollzugs an [vgl. NE 1097 b 24f.].

In anderen Worten setzt Aristoteles bei der Klärung der Frage, wie Glückseligkeit inhaltlich beschaffen ist, dort an, zu fragen, was die spezifische Tätigkeit des Menschen ist.

Um dies beantworten zu können, führt Aristoteles ein bekanntes Argument ein, das schlicht als Ergon-Argument bezeichnet wird. Ziel des Arguments ist es, auf das Ergon des Menschen zu stoßen, denn wenn man nämlich weiß, was die spezifische Tätigkeit des Menschen ist, so folgt daraus laut Aristoteles auch ein Verständnis davon, was man als Mensch tun muss, um das bestmögliche menschliche Leben erreichen zu können.

Das Ergon-Argument

Das Ergon-Argument kann man wie folgt rekonstruieren: Wir nennen einen beliebigen Gegenstand, bspw. einen Helm, gut genau dann, wenn er seine Funktion gut erfüllt – im Falle des Helms also den Kopf des Trägers gut schützt.

Dies lässt sich nur verallgemeinern: Jedes Ding einer bestimmten Art besitzt eine für diese Art spezifische Tätigkeit, ein Ergon. Um von einem guten Ding dieser Art sprechen zu können, muss es die für diese Art spezifische Tätigkeit gut erfüllen [vgl. NE 1097 b 23ff.].

Mit diesem ersten Schritt soll klar werden, wie die Gutheit im Allgemeinen und die Tätigkeit, welche es auch immer sei, zusammenhängen. Der zweite Schritt des Arguments besteht nun darin, das Ergon des Menschen genau zu bestimmen.

Hierfür liefert Aristoteles mithilfe eines bestimmten Seelenmodells eine Antwort, das in der Nikomachischen Ethik nur angerissen wird. Vollständig dargestellt findet man dieses in seinem Werk mit dem Titel De anima, zu Deutsch: von der Seele.

Grob skizziert unterteilt Aristoteles die Seele in einen vernunftlosen und einen vernunftbegabten Teil. Der vernunftlose Teil umfasst das vegetative und affektbedingte Streben, während hingegen der vernunftbegabte Teil das vernunftgeleitete Streben samt der reinen und der praktischen Vernunft umfasst [vgl.: 2, De anima, II, 2, 413 a 12ff.].

Da Pflanzen jedoch auch einen vegetativen Seelenteil haben und Tiere den vegetativen und den affektbedingten, sind dem Menschen diese Tätigkeiten nicht eigen. Spezifisch für den Menschen sind lediglich der vernunftbegabte Seelenteil [vgl. NE 1098 a 1ff.].

Darunter fallen Tätigkeiten wie das Anstellen von Überlegungen und Aufwiegen von Gründen, um Entscheidungen zu treffen, und das Abstrahieren, um etwa Mathematik zu betreiben.

Aristoteles fasst den ersten und zweiten Schritt nun wie folgt zusammen, um zu bestimmen, was das Gut des Menschen, also sein Ergon ist:

[W]enn wir aber als die Funktion des Menschen eine bestimmte Lebensweise annehmen, und zwar eine Tätigkeit der Seele oder der Vernunft entsprechende Handlungen, als die Funktion des guten Menschen aber, diese Handlungen aber auf gute und angemessene Weise zu tun, und wenn jede Handlung gut verrichtet ist, wenn sie im Sinn der eigentümlichen Tugend verrichtet ist – wenn es sich so verhält: dann erweist sich das Gut für den Menschen als Tätigkeit der Seele im Sinn der Gutheit [NE 1098 a 10-20].

Anders gesagt ist das Gut des Menschen eine Tätigkeit gemäß der Vernunft. Dies ist eine erste inhaltliche Bestimmung der Glückseligkeit.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Das Verhältnis zu Platons Politeia
  3. Das aristotelische Naturverständnis
  4. Formale Bestimmung der Glückseligkeit
  5. Inhaltliche Bestimmung der Glückseligkeit
  6. Bedingungen für ein glückseliges Leben
  1. 00:00 – 01:35
  2. 01:36 – 05:03
  3. 05:04 – 08:16
  4. 08:17 – 12:13
  5. 12:14 – 16:41
  6. 16:42 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Wolf, U. (Üb. und Hrsg.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006.

[2] Vgl.: Aristoteles: De anima. Corcilius, K. (Üb. und Hrsg.). Hamburg: Meiner, 2017, 412 a 20-25.