In der Nikomachischen Ethik geht Aristoteles innerhalb von zehn sogenannten Büchern der Untersuchung nach, wie man ein guter Mensch wird und sowohl ein glückliches als auch erfülltes Leben führen kann. Im Kern seiner Argumentation steht die Aussage, dass man nur ein glückliches Leben führen kann, wenn man tugendhaft ist. Genau das werden wir hier untersuchen.

INHALT LEITFRAGEN
  1. Das Verhältnis zu Platons Politeia
  2. Das aristotelische Naturverständnis
  3. Entelechie, Ergon und Tugend
  1. Wie grenzt sich Aristoteles von Platon ab?
  2. Auf welche Weise begreift Aristoteles die Natur?
  3. Was sind die wichtigsten aristotelischen Grundbegriffe?

Das Verhältnis zu Platons Politeia

Aristoteles ist neben Platon der bedeutendste unter den antiken griechischen Philosophen. Mit Siebzehn ging er im Jahre 367 v.u.Z. nach Athen, um dort an der von Platon gegründeten Schule, der berühmten Akademie, Philosophie zu studieren [1].

Dieser Artikel korrespondiert mit einigen Teilen der dritten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels.

Wir betrachten im Folgenden vor allem die ersten zwei Bücher der Nikomachischen Ethik und untersuchen dabei das gute Leben nach Aristoteles. [2]. In diesem Artikel leisten wir die begriffliche Vorarbeit, im zweiten Teil geht es um das Argument.

Zu Beginn ist es interessant nachzuvollziehen, wie sich Aristoteles von seinem Lehrer Platon abgrenzt. Denn grundsätzlich verfolgt er in der Nikomachischen Ethik ein ziemlich ähnliches Projekt wie Platon in der Politeia. Es könnte also, wenn wir uns im Folgenden die Argumente ansehen, auf den ersten Blick so wirken, dass sie eigentlich dasselbe sagen. Damit täuscht man sich aber.

Zunächst vertreten Platon und Aristoteles jeweils eine für die Antike prominente ethische Theorie, nämlich eine, die auf dem Begriff der Tugend und der eudaimonia, also der Glückseligkeit, basiert.

Für beide spielt außerdem die Tugend der Gerechtigkeit eine zentrale Rolle, wobei diese auch verstanden wird als eine bestimmte hierarchische Anordnung von Elementen in der eigenen Seele.

Anders formuliert und wie in der letzten Episode bereist ausführlich erwähnt, besteht Gerechtigkeit auf dieser Ebene darin, ein harmonisches Ideal der Seelenteile zu erreichen, was sich in einer bestimmten Beziehung zwischen Vernunft und den weniger rationalen Elementen der Seele äußert.

Dies gilt zum Teil auch für Aristoteles, der – wie wir noch sehen werden – eine bestimmte Hierarchie von essentiellen Tugenden anerkennt und die Vernunft als oberstes Prinzip der geordneten Seele erklärt [3].

Was Aristoteles jedoch vehement ablehnt, ist Platons Dualismus zwischen Sinnesobjekten und Ideen. Für Platon sind Ideen gewissermaßen Urbilder, die allem sinnlich Realen, also jedem einzelnen der Sinnesobjekte, ihr Sein und Wesen verleiht.

Eine besondere Rolle spielt hierbei die Idee des Guten, die allen anderen Ideen übergeordnet ist. Diese ist die Ursache allen Seins und verleiht den anderen Ideen erst ihren Wert.

Auch die Sinnesobjekte können nur durch ihre Teilhabe an der Idee des Guten selbst gut werden, wobei Platon das Gute als ein einzelnes Ding begreift [4]. Aristoteles ist nun weder von Platons Ideenwelt noch von seinem Verständnis des Guten als Einzelding überzeugt [siehe peripatetische Kritik und NE 1096 a 23-29].

Ebenso lehnt er Platons doppeltes Verständnis der Gerechtigkeit ab, denn Gerechtigkeit, so Platon, gehört „zu dem Schönsten, nämlich zu dem, was sowohl um seiner selbst willen wie wegen der daraus entspringenden Folgen von jedem geliebt werden muss, der glücklich werden will“ [Politeia 357 d – 358 a.].

Wie wir in der kommenden Argumentation noch im Detail sehen werden, lehnt Aristoteles diese Kombination von Wert in sich selbst und Wert durch das, was etwas bewirkt, für das höchste Gut im Leben ab [vgl. NE 1094 a 14-16].

Stattdessen muss laut Aristoteles das höchste Gut im Leben etwas sein, das wir nur um seiner selbst willen anstreben. Ein solches höchstes Gut zu finden, führt unweigerlich zur Aufgabe, die menschliche Ziel- und Handlungsstruktur sowie all jene Dinge zu untersuchen, die wir für gut befinden.

Aus diesem Grund beschäftigt sich Aristoteles in der Nikomachischen Ethik nicht nur mit der Beschaffenheit von Tugenden und der Ordnung menschlicher Seele, sondern auch mit Themen wie Freundschaft, Wohlstand, Ehre, Verteilung von Ressourcen und dergleichen.

Das aristotelische Naturverständnis

Im Zentrum der aristotelischen Philosophie steht der Begriff der Teleologie. Mit ›Zwecklehre‹ übersetzt, kann man die Teleologie als das Verständnis beschreiben, dass Handlungen und Entwicklungen im Allgemeinen auf ein Ziel hin streben, das bei der Erfüllung dieses Ziels eine Verwirklichung der Handlung bzw. der Entwicklung bedeutet.

So kann man sagen, dass die Handlung, ein Haus zu bauen, das Ziel anstrebt, ein fertiges Haus zu haben oder die Entwicklung einer Pflanze das Ziel hat, Früchte zu tragen oder ein Baum zu werden, womit diese beendet wäre.

An dieser Stelle zeigt sich nun mit aller Deutlichkeit zumindest ein wichtiger Grund, warum Aristoteles Platons Ideenwelt ablehnt. Wenn alles auf ein Ziel hin strebt, dann muss es auch eine Ursache dieses Strebens geben, eine sogenannte Zweckursache als Teil der Zwecklehre.

Bei Platon liegt die Zweckursache außerhalb der sinnlichen Welt in den Ideen. Aufgrund seiner Kritik an der Ideenwelt Platons, die wir hier nicht weiter ausführen, lehnt Aristoteles diese Vorstellung ab.

Im direkten Kontrast argumentiert er dafür, dass die Zweckursache in den Dingen selbst liegen muss. Demzufolge hat jedes Lebewesen sein spezifisches Ziel und seinen spezifischen Zweck bereits in sich selbst und verwirklicht diese durch ein eigenes inneres Streben.

Entelechie, Ergon und Tugend

Auf diese Weise kommen wir zu einem weiteren Kernbegriff, nämlich dem der Entelechie [5, 6]. Dieser beschreibt nun gerade jenen Zustand, welchen jedes einzelne Ding erreicht, wenn dessen Entwicklung bei seinem Endpunkt angekommen ist.

Diesen Endpunkt der Entwicklung, den jedes Ding aus sich selbst heraus natürlicherweise anstrebt, bezeichnet Aristoteles als die Natur dieses Dings.

Ebendiese Natur eines jeden Dings stellt, sofern sie erfüllt wird, außerdem die beste Form dieses Dings dar, nämlich so wie dieses Ding naturgemäß aufgrund seiner natürlichen Anlagen uns seines natürlichen Strebens sein soll [vgl. 7, Politik 1252 b 30].

Zuletzt noch ein Begriffspaar, das wir bereits bei Platon kennengelernt haben. Es handelt sich um das Ergon und die Tugend. Das Ergon bezeichnet die spezifische Tätigkeit oder Funktion eines Dings.

So ist etwa das Ergon eines Helms, den Kopf des Trägers zu schützen und das Ergon eines Messers zu schneiden. Die Erfüllung des Ergons ist jedoch in verschiedenen Abstufungen möglich. Es gibt gute und schlechte Helme, gute und schlechte Messer. Mehr dazu, wenn wir uns das sogenannte Ergon-Argument anschauen.

Tugend oder einfach Gutheit ist der formalen Bestimmung nach eine Disposition und bezieht sich stets auf das Ergon [vgl. NE 1106 a 10ff.]. Tugenden auszubilden und zu verwirklichen, bezeichnet im Grunde nichts anderes als der Entelechie nachzukommen, indem man nämlich seine spezifische Tätigkeit, also sein Ergon, auf gute Weise erfüllt.

Abschließend möchte ich den Zusammenhang der erwähnten Begriffe betonen. Die Verknüpfung von Teleologie, Entelechie und Ergon ist zentral für das aristotelische Naturverständnis. Damit wird die Vorstellung beschrieben, dass jedes Wesen eine innere Bestimmung und Streben zur Verwirklichung seiner natürlichen Anlagen besitzt, die im Falle ihrer Erfüllung den besten Daseinsvollzug dieses Wesens darstellen.

Ebendieser Daseinsvollzug ist als das Spezifische an einem Ding zu verstehen, also als sein Ergon. Die Entelechie die also Aktualisierung der Anlagen in Tätigkeiten und damit das Streben zu der je naturgemäßen und damit besten Form eines Dings.

Vorerst haben wir damit aber die wichtigsten Begriffe geklärt und sind nun startbereit für das erste Buch der Nikomachischen Ethik. Auf das Hauptargument gehen wir im zweiten Teil ein.

INHALT ZEIT
  1. Einleitung
  2. Das Verhältnis zu Platons Politeia
  3. Das aristotelische Naturverständnis
  4. Formale Bestimmung der Glückseligkeit
  5. Inhaltliche Bestimmung der Glückseligkeit
  6. Bedingungen für ein glückseliges Leben
  1. 00:00 – 01:53
  2. 01:54 – 06:02
  3. 06:03 – 09:58
  4. 09:59 – 14:40
  5. 14:40 – 19:58
  6. 19:59 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Düring, I.: Aristoteles. Darstellung und Interpretation seines Denkens. Heidelberg: Winter Verlag, 1966, S.9.

[2] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Wolf, U. (Üb. und Hrsg.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006.

[3] Vgl.: Kraut, R.: Aristotle’s Ethics, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2018, Edward N. Zalta (Hrsg.), hier abrufbar (Stand 10.05.2020).

[4] Vgl.: Szlezák, T.: Die Idee des Guten in Platons Politeia: Beobachtungen zu den mittleren Büchern: Lecturae Platonis. Sankt Augustin: Academia, 2003, S.111ff.

[5] Vgl.: Aristoteles: Metaphysik. Seidl, H. (Hrsg.), Bonitz, H. (Üb.). Hamburg: Meiner, 1984, IX, 8, 1050 a 20ff.

[6] Vgl.: Aristoteles: De anima. Corcilius, K. (Üb. und Hrsg.). Hamburg: Meiner, 2017, 412 a 20-25.

[7] Aristoteles: Politk. Eugen Rolfes (Üb.). Hamburg: Felix Meiner, 1981.