Wohlstand wird im den meisten Regionen der Welt auf eine ganz bestimmte Weise verstanden. Bis heute wird Wohlstand beinahe ausschließlich anhand des Bruttoinlandsprodukts quantifiziert, was natürlich eine Schande ist. Diese Konzeptualisierung wird sich in naher Zukunft ändern müssen – die Frage bleibt, wie wir damit umgehen.

INHALTÜBERBLICK
  1. Wohlstand als Wachstum?
  2. Wachstum ist nicht die Lösung
  3. Entkopplung von Ökonomie und Ökologie
  4. Die Illusion des Unwesentlichen
  1. Wie wird Wohlstand gemessen?
  2. Worum geht es in diesem Artikel?
  3. Was ist falsch an unserem Konsum?
  4. Wie schaden wir uns selbst durch Konsum?

Wohlstand als Wachstum?

Wohlstand wird überwiegend mit Geld assoziiert, was aufgrund verschiedener genereller Gründe bereits eine furchtbare Idee ist. So etwa, dass Geld nie das Ziel, sondern stets nur das Mittel auf dem Weg zu einem Ziel sein kann – denn es ist niemals Geld an sich, was wir genießen können, sondern das, was wir damit machen. Zu diesem Punkt später mehr.

Hinzu kommen nun aber auch von vielen Menschen als Einschränkungen empfundene Gründe, die vor allem dem Versagen des zügellosen Kapitalismus und den ökologischen Problemen der Klimakatastrophe zugerechnet werden müssen. Die Formel, Wohlstand mit unbeschränktem Wachstum gleichzusetzen und anhand von Geld zu quantifizieren, wird sich auflösen müssen, weil sie das gesunde Leben auf der Erde zerstört.

Historisch betrachtet hat Wohlstand in der Form eines wachsenden volkswirtschaftlichen Einkommens klarerweise dazu geführt, dass wir eine gewisse kulturelle Prosperität etablieren konnten, die sich in vielen verschiedenen Formen zeigt – etwa Technologie, medizinischer Fortschritt und dergleichen.

Doch wir sind seit einiger Zeit (und wohl lange unbemerkt oder zumindest willentlich blind) an einem Punkt angelangt, wo Wachstum nicht mehr die erste Anlaufstelle für die Lösung unserer Probleme sein kann, wenngleich es immer noch in manchen Gruppen Konsens ist, dass wir unsere Probleme mit technischen Innovationen und genügend Aufschwung schon irgendwie lösen werden …

Wachstum ist nicht die Lösung

Die Idee eines grenzenlosen Wachstums hat unsere Wirtschaft pervertiert. Es werden nunmehr massenhaft Dinge produziert, die weder nützlich noch vernünftigerweiser wünschenswert sind, die sich stattdessen aber aus absurden Gründen trotzdem gut verkaufen lassen. Aus echtem Wachstum ist scheinbarer, künstlich induzierter Wachstum geworden.

Dass wir längst in einer einzigen Geldspirale stecken, bei der es nicht darum geht, Waren zu produzieren, die zu einem guten Leben für möglichst alle einen Beitrag leisten, sondern im Wesentlichen Profit abwerfen sollen, zeigt die Tatsache, dass wir mittlerweile unbedingt überproduzieren müssen, um Letzteres bewerkstelligen zu können. Es geht uns nicht um die Ware und ihre Funktion, sondern um das Geld, das wir aus dieser beziehen.

Nun, all dies klingt wie eine Binsenweisheit – im Grunde weiß jeder über diese Umstände Bescheid. Warum dann noch darüber reden? Ganz einfach: Weil wir uns auf die Umstände eines veränderten Verständnisses von Wohlstand einstellen sollten.

Ich möchte im Folgenden nicht darüber reden, wie unsere Wirtschaft global umstrukturiert werden muss, damit wir auch in Zukunft gut und vor allem gerecht leben können. Stattdessen möchte ich dazu anregen, das, was wir bislang als Wohlstand klassifizieren, umzudenken und darauf hindeuten, dass wir im eigenen Leben ansetzen lernen, so zu ›wirtschaften‹, wie wir es global wahrscheinlich tun müssten.

Entkopplung von Ökonomie und Ökologie

Das prekäre Verhältnis zwischen unserer derzeitigen Art und Weise Wirtschaft zu betreiben und den festen ökologischen Parametern, denen wir uns gegenübersehen, lässt sich in einer einfachen Formel beschreiben: Wirtschaft haben wir bislang unter dem Paradigma des exponentiellen Wachstums verstanden, während kein einziges ökologisches System, das wir kennen, exponentielles Wachstum zulässt.

Was heißt das? Ganz einfach: Jedes ökologische System, das sich im Prozess des Wachstums befindet, erreicht irgendwann einen sogenannten ökologischen Umschlagspunkt [1], der den Höhepunkt des Wachstums markiert.

Ab diesem Punkt ist das System nicht mehr in der Lage, auf natürliche Weise, d.h. ohne gezielte Eingriffe, zu wachsen. Es kommt in der Konsequenz zu einem natürlichen Wachstumsabbau, bis das ökologische System wieder regeneriert ist und der gesamte Zyklus erneut beginnt.

Gezielte Eingriffe wie wir sie beispielsweise aus der Landwirtschaft kennen, führen zwar dazu, dass der Umschlagspunkt verschoben wird, umgehen kann man ihn in letzter Instanz aber nicht. Ignoriert man diesen ökologischen Fakt, führt dies letzten Endes zu einer Zerstörung natürlichen Grundlagen, die dann nicht mehr nutzbar sind.

Was ist mit unserem Konsum?

Dieser Akt, gezielt mit allen Mitteln den möglichst maximalen Profit einsacken zu können, ja das ist eine gute Beschreibung für unser modernes Wirtschaften. Gleichzeitig ist es auch eine passende Beschreibung moderner Lebensweise, die sich in unserem Alltag vielerorts niederschlägt. Man kann es auch wie folgt sagen:

Während die Makrowirtschaft sich von den ökonomischen Verhältnissen entkoppelt, entkoppeln wir uns im Einzelnen häufig von den Möglichkeiten und Wegen persönlichen Wohlbefindens und Glücks, indem wir diese selbst abhängig machen von jener bereits beschriebenen Wachstumslogik. Das heißt:

Wir konsumieren, um glücklich zu sein. Wir streben materiellen Luxus an, da dieser uns die Illusion vermittelt, Wohlbefinden erkaufen zu können.

Dabei wissen wir ganz genau, dass das aus materiellen Gütern bezogene Glück drastisch mit der Fülle an bereits vorhandenem Besitz abnimmt [2]. Trotzdem kaufen wir mehr – man muss exemplarisch doch nur beobachten wie sich Adventskalender, Geschenke zu Festivitäten und dergleichen in den letzten 20 Jahren entwickelt haben und man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wovon ich hier spreche.

Jährlich entstehen Ausgaben in der Höhe von 4 Milliarden $ durch impulsives Kaufverhalten [3]. Zudem sind rund 62% der Marktumsätze aus Supermärkten und rund 80% der Umsätze mit Luxusgütern auf impulsives Kaufverhalten zurückzuführen [4].

In Deutschland sind die Konsumausgaben privater Haushalte bspw. im Zeitraum 2012-2017 um 8% gestiegen, hauptsächlich durch höhere Ausgaben für Lebensmittel und Wohnkosten [5].

Die Illusion des Unwesentlichen

Jenes Verhalten, das ich bestimmt mit Unrecht so einfach generalisiere, aber wahrscheinlich mit Recht derart polemisch beschreibe, passt genau unter den Begriff der materialistischen Lebensweise. Materialisten sind gerade Menschen, die konsumieren, um glücklich zu sein und Besitz als Maß für Erfolg und Wohlstand werten.

Doch auch hier sind wir längt schlauer, denn es zeigt sich, dass gerade Materialisten im Schnitt unglücklicher sind als Nicht-Materialisten. Zudem sind sie weniger bereit, Kompromisse in ihrem Konsum einzugehen und anfälliger für impulsives Kaufverhalten [6].

Ebenso zeigt sich im weltweiten Vergleich, dass Nationen, die gerade als materialistisch gelten, im Schnitt häufiger interpersonelle Probleme aufweisen – im Schnitt gibt es mehr Scheidungen, kürzere Freundschaften, häufiger Depressionen et cetera.

Materialisten sind, wie die meisten Untersuchungen immer wieder bestätigen, weniger glücklich als Nicht-Materialisten. [7]

Wenn du nun glaubst, du seist kein Materialist, gebe ich dir folgenden Rat: Denke nochmal gut darüber nach, ob das wirklich so stimmt. Es ist leicht sich zu sagen, man konsumiere nur das, was nötig ist und kaufe nicht für den Reiz des Konsums. Die Zahlen zeigen uns aber ein anderes Bild.

Lebt man in einer sogenannten Industrienation, sind die Chancen sehr hoch, dass man zu viel konsumiert, zu viel verschwendet, zu viel Müll produziert und bei all dem noch weniger glücklich ist, als man es mit wenigen Handgriffen sein könnte.

Was also muss neuer Wohlstand heißen? Auf keinen Fall nur Wachstum, auf keinen Fall nur materieller Besitz, sondern vielmehr eine Sammlung einfacher Dinge, die unser Leben sinnerfüllt und  glücklich machen – es klingt so banal, dass es schon lächerlich wirkt. Doch offensichtlich bereitet es den meisten Menschen immer noch große Schwierigkeiten, Wohlstand in dieser Form anzunehmen.


Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Jackson, T.: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Bonn: 2013, 8.

[2] Vgl.: Deaton, A.: Income, health, and well-being around the world: Evidence from the Gallup World Poll, in: Journal of Economic Perspectives, 22, 2008, 53-72.

[3] Siehe: Liao, J., Wang, L.: Face as a mediator of the relationship between material value and brand consciousness, in: Psychology & Marketing, 26, 11, 2009, 987-1001.

[4] Vgl.: Ruvio, A., Belk, R.: The Routledge companion to identity and consumption. Routledge, 2013.

[5] Siehe: Statistisches Bundesamt: Konsumausgaben privater Haushalte in Deutschland, Stand 2018.

[6] Vgl.: Garðarsdóttir, R., Dittmar, H.: The relationship of materialism to debt and financial well-being: the case of Iceland’s perceived prosperity, in: Journal Of Economic Psychology, 33, 3, 2012, 471-481.

[7] Czapinski, J.: The economics of happiness and psychology of wealth, in: Nauka, 2012, 1, 12.