Kapitalismus - Gier - Konsum

Heute ist der Earth Overshoot Day – zu Deutsch Erdüberlastungstag genannt. Es handelt sich dabei um einen Aktionstag der Organisation Global Footprint Network, die den globalen ökologischen Fußabdruck ins jährliche Verhältnis zur globalen Biokapazität setzt, um zu verdeutlichen wie viele Erden wir mit unserem Konsum verbrauchen. Ab heute leben wir auf Pump.

INHALTÜBERBLICK
  1. Konsum – Eine historische Wende
  2. Gewohnheit ist unser Problem
  3. Uns fehlt die Empörung!
  4. Es ist ein Bildungsproblem?
  1. Was passierte am 21.12.1971?
  2. Warum müssen wir über Gewohnheit reden?
  3. Was gefährdet z.B. Fridays for Future?
  4. Warum wir Bildung brauchen!

Konsum – Eine historische Wende

Der 21.12.1971 markierte eine historische Wende. An diesem Tag wurden die jährlichen Biokapazitäten erstmals überschritten. Das heißt anders gesagt, dass die restlichen 10 Tage bis zum Jahresende bereits mehr Ressourcen in Anspruch genommen haben, als es natürlicherweise nachhaltig möglich wäre [1].

Die folgenden Messungen offenbaren ein nur immer schlimmer werdendes Bild: Die Zeitpunkte, ab denen wir die natürlichen jährlichen Ressourcen des Planeten bereits aufgebraucht haben, rücken immer näher. Im Jahr 2000 ab dem 1. November. Im Jahr 2010 schon ab dem 21. August. Heute haben wir den Juli erreicht.

Man kann den Erdüberlastungstag auch anders darstellen: Wie viele Erden beanspruchen wir durch unseren Konsum? Zum heutigen Stand sind es global gesehen 1,75! [1] Die restlichen 156 Tage dieses Jahres verbrauchen wir also 75% mehr Ressourcen als es das Biosystem in diesem Jahr produziert hat bzw. noch produzieren wird.

Tatsächlich kommt dieser Wert von 1,75 Erden hauptsächlich durch zwei handvoll Nationen zustande. Darunter die USA an erster Stelle mit 5 Erden, gefolgt von Australien mit 4,1 und an dritter Stelle Russland mit 3,2 Erden. Danach kommen Deutschland mit 3,0 auf dem vierten Platz und die Schweiz mit 2,8 auf dem fünften. Die ersten dreizehn Plätze kommen auf einen Schnitt von 2,9! [2]

Leider wird der 29.07.2019 an den meisten Menschen einfach wie ein gewöhnlicher Tag vorübergehen. Die kolossale Tragweite der Botschaft, dass wir über fünf Monate vor Jahresende bereits sämtliche natürlichen Jahresressourcen verbraucht haben und nun den Rest des Jahres praktisch von Ausbeutung leben, wird sich nicht vollends entfalten. Warum?

Gewohnheit ist unser Problem

Wir haben hierbei mit mehreren Problemen zu kämpfen, die als Antwort auf diese Frage gelten können. Eines, vielleicht das wichtigste, möchte ich hier herausgreifen, nämlich das Problem der Gewohnheit. Es ist eine simple psychologische Tatsache, dass Gewohnheiten das wichtigste Instrument zugunsten von Kontinuität sind.

Kontinuität funktioniert nur auf Kosten von Flexibilität, die wir heutzutage eigentlich dringend brauchen.

In Zeiten, die große strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft einfordern, eben weil wir im Angesicht moderner Probleme wie der Klimakrise vor existentiellen Herausforderungen stehen, agieren Gewohnheiten als schwerfällige Blockaden. Seit Jahrzehnten haben wir uns auf einen Lebensstil eingestellt, der sich in seinen Grundzügen nicht verändert hat:

Wachstum ist unser gesellschaftliches Motto. Schließlich gibt Wachstum Anlass zur Ausbeutung, einen Grund zur Erschaffung künstlicher Bedürfnisse und bildet damit zugleich die Stütze für einen schlichtweg ungezügelten Kapitalismus. Der Lebensstandard nimmt in vielen messbaren Bereichen im Schnitt zwar immer mehr zu, doch die soziale Ungleichheit steigt ebenso [3].

Dieses Problem, das für viele Jahre immer nur als ein soziales gesehen wurde, entpuppt sich nun endlich auch in der breiten Masse als ein grundsätzlich ökonomisches und letztlich auch moralisches. Welche Folgen hat Ausbeutung für Mensch, Natur und zukünftige Generationen? Was soll man sagen, wenn der Kapitän eines Schiffes gierig seine Goldmünzen zählt, während das gesamte Schiff brennt?

Aber zurück zum Problem: Der Aufschrei des Earth Overshoot Day wird an vielen Ohren einfach abprallen oder wirkungslos bleiben, denn die Gewohnheit, sich seines Lebensstils in Berufung auf das Recht einer wackligen Freiheit sicher sein zu dürfen, siegt leider in den meisten Fällen, wenn auch unverdient.

Uns fehlt die Empörung!

Die Gewohnheit macht uns in unserem Alltag schlapp und schlimmer noch: sie mündet – nicht zuletzt durch die Reaktionen vieler trantütiger Politiker bedingt – in die Gefahr, dass die anfängliche Empörung um das Thema ›Klima‹ langsam versiegt. Fridays for Future und andere Aktionen machen einen hervorragenden Job, beständig den Finger auf dieses Thema zu halten.

Doch das reicht nicht. Es braucht noch mehr Einsatz, bei Weitem mehr Bereitschaft, etwas in seinem eigenen Leben zu verändern, belebten Diskurs zu führen, authentischerweise empört zu sein! Ganz wichtig ist aber, dass all dies auf die richtige Weise vollzogen wird.

Von vielen Seiten hören wir das Schlagwort der ›Öko-Diktatur‹, das denen entgegenhalten wird, die sogenannte Freiheiten zugunsten des Klimaschutzes einschränken wollen. Ob und wie das sinnvoll sein kann – überhaupt die Frage, was eine solche ›Öko-Diktatur‹ sinnvollerweise meinen kann – möchte ich an dieser Stelle nicht erörtern.

Es reicht mir, darauf hinzuweisen, dass es sicherlich nicht die Lösung unserer gesellschaftlichen Krise sein kann, äußere Zwänge zu verbreiten – zumindest kann es nicht der einzige Bestandteil einer Lösung sein. An dieser Stelle, so darf man mir es gerne vorhalten, bin ich Idealist: Wir werden sämtlichen Herausforderungen unserer Zeit nicht angemessen begegnen können, wenn wir es nicht schaffen, im Einzelnen die vernünftige Einsicht und den Willen zur Lösung des jeweiligen Problems zu generieren.

Es ist ein Bildungsproblem?

Ein Beispiel: Wenn jemand nicht einsehen will oder kann, dass eine Kohlenstoffdioxid-Steuer oder ein SUV-Verbot für ihn selbst und natürlich für andere Lebewesen sinnvoll ist, und diese stattdessen für einen Eingriff in die eigene Freiheit empfindet, dann haben wir hier in erster Linie ein Bildungsproblem.

Dasselbe gilt nicht nur für den Bereich, wo vernünftiges Denken aufhört, sondern auch für den Bereich der Herzensbildung: Wenn jemand nicht einsehen will oder kann, dass es Menschen in Not gibt, die ihre Heimat verlassen, weil sie fürchten müssen, dort zu sterben, und stattdessen darauf pocht, dass diese Menschen zurück in ihr Land geschickt werden, dann haben wir auch hier in erster Linie ein Bildungsproblem.

Aber dieses Problem reicht noch viel weiter: Wenn wir bittererweise einsehen müssen, dass wir zum Großteil Menschen in führenden Positionen haben, die sowohl auf Seiten der Vernunft als auch auf Seiten der Empathie erheblichen Nachholbedarf vorweisen, dann müssen wir zugleich feststellen, dass wir auch in diesem Bereich ein Bildungsproblem vorliegen haben.

Wir können noch so viele Gesetze und Zwänge einführen, die uneinsichtige Menschen zu lenken beginnen, aber dem grundlegenden Problem entkommen wir dadurch nicht. Eine Krise wird nur vorzeitig behoben, wenn ihre Quelle nicht beseitigt wird – irgendwann sorgt diese an einer anderen Stelle für eine andere Krise.

Ja, die Antwort auf die brennenden Fragen unserer Zeit misst sich letztlich anhand der Bildung. Leider lassen sich die Versäumnisse in diesem Bereich für die Gegenwart nicht mehr gutmachen, doch für die Zukunft bleibt Hoffnung.


Quellen und Verweise

[1] Global Footprint Network – Past Earth Overshoot Days, 2019.

[2] Global Footprint Network National Footprint Accounts, 2019.

[3] Vgl.: OECD: How’s Life? 2017: Measuring Well-being, OECD Publishing, Paris, S.38ff.