Der Konfuzianismus prägt die Kultur Chinas in jedem Bereich bis heute. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen aus anderen, in unserem Falle nicht vom Hellenismus und Christentum geprägten Kulturräumen, findet aus verschiedenen Gründen selten statt. Diese aus vier Teilen bestehende Einführung in den Konfuzianismus setzt sich dem entgegen.

INHALT LEITFRAGEN
  1. Tugend der Menschlichkeit und rituellen Sitte
  2. Kultur und Sinnhaftigkeit
  3. Die Rolle der Familie
  1. Was bedeutet Menschlichkeit und rituelle Sitte?
  2. Wie verhält sich der Mensch zu seiner Kultur?
  3. Warum ist die Familie im Konfuzianismus so wichtig?

Die Tugend der Menschlichkeit und rituellen Sitte

Im ersten Teil zur konfuzianischen Tugendlehre sind wir bereits auf einige wichtige Tugenden eingegangen. Dies wird im Folgenden unter Berücksichtigung der sinnstiftenden Elemente im Konfuzianismus erweitert.

Es ist wichtig immer wieder zu betonen, dass die genaue Charakterisierung vieler Begriffe des Konfuzianismus bereits durch ihre Unübersetzbarkeit erschwert ist. Hinzu kommt, dass sie von einer grundsätzlichen Vagheit umgeben sind.

Einige Merkmale lassen sich dennoch mit Bestimmtheit angeben, so etwa, dass die Tugend der Menschlichkeit eng mit Altruismus verbunden ist [vgl. 1, 6.30]. Des Weiteren, dass es die wichtigste Tugend im Konfuzianismus ist, weil sie sich durch alle anderen Tugenden hindurchzieht. Außerdem taugt auch der edle bzw. tugendhafte Mensch als Ideal des Konfuzianismus ohne Menschlichkeit gar nichts – sein gesamtes Wesen würde verzerrt werden [vgl. 1, 3.3 & 4.5].

Zu diesen anderen Tugenden zählen mindestens drei weitere, nämlich li für rituelle Sitte, yi für Gerechtigkeit und xiao für kindliche Pietät. Während die Rolle der Gerechtigkeit für uns nicht schwer zu verstehen sein sollte, ist dies bei den anderen drei Tugenden nicht unbedingt der Fall. Deshalb fokussiere ich mich im Folgenden zunächst auf die Menschlichkeit und rituelle Sitte und komme gegen Ende kurz auf die kindliche Pietät zu sprechen.

Versteht man die Tugend der Menschlichkeit und rituellen Sitte nicht, dann kann man den Konfuzianismus nicht verstehen. Zusammen mit der Selbstkultivierung bilden sie ein abgestimmtes Grundgerüst, das Konfuzius in einem Satz explizit erwähnt:

Sich selbst erobern und zur rituellen Sitte zurückkehren: das ist Menschlichkeit. [1, 12.1]

Die Selbstkultivierung als Weg zur Menschlichkeit, die in jedem Menschen durch den Himmel angelegt ist, muss in Hinblick auf ihre Wirksamkeit für die soziale Gemeinschaft in der Form von ritueller Sitte manifestiert werden.

Rituelle Sitte kann demnach als die Manifestation von Menschlichkeit im sozialen Raum beschrieben werden. Sie leitet das richtige Verhalten zwischen den Menschen und wird im Gegensatz zur Menschlichkeit erlernt. Anders gesagt: Menschlichkeit verhält sich wie die Gutheit im Menschen, während rituelle Sitte die Gutheit im Handeln der Menschen innerhalb einer Struktur von Gesellschaft abbildet.

Der Mensch wird wahrlich menschlich, wenn seine rohen Impulse durch rituelle Sitte geformt werden. Und rituelle Sitte ist die Erfüllung menschlicher Impulse, der zivilisierte Ausdruck davon – keine formalistische Entmenschlichung. Rituelle Sitte ist die spezifisch humanisierende Form des dynamischen Verhältnisses von Mensch zu Mensch. [2]

Unter ritueller Sitte fallen jedoch nicht nur Rituale wie man sie im strengen Sinne verstehen könnte, z.B. eine Weihung, eine Hochzeitszeremonie und dergleichen. Vielmehr gehören neben den stark formalisierten Ritualen auch banal erscheinende alltägliche Umgangsformen zur rituellen Sitte, so z.B. das Händeschütteln.

Umgangsformen, Rituale und so weiter funktionieren nur, wenn sie mit einer gewissen Spontanität und Selbstverständlichkeit durchgeführt werden – nur dann gelingen sie und drohen nicht bloß mechanische Nachahmungen zu werden. Das gilt für das Händeschütteln genau wie für das Zusammenleben einer Dorfgemeinschaft oder die Organisation eines Staates – so die konfuzianische Vorstellung.

Kultur und Sinnhaftigkeit

Doch welche Rolle spielt die Tugend der rituellen Sitte für die Sinnhaftigkeit im menschlichen Leben? Die Verbindung von ritueller Sitte und Sinnhaftigkeit kommt über den Begriff der Kultur zustande. Eine kulturelle Form entsteht nun gerade durch die Ausgestaltung von Konventionen und Bräuchen innerhalb einer Gesellschaft, die über Zeit hinweg fortgeführt werden.

Da rituelle Sitte einen umfassenden Verhaltenskodex darstellt, der nicht nur konventionelle Umgangsformen regelt, sondern die gesamte soziale Praxis der Gemeinschaft umfasst, ist sie am besten als eine vererbte Tradition formalisierter sozialer Verhaltensformen beschreibbar. Zur ihr gehören Regeln, wie man sich benimmt, wie und was man isst, wie und welche Musik man macht, wie man das Zusammenleben organisiert und so weiter.

Diese kulturell vererbten Verhaltensweisen stellen den Menschen in einen sinnhaften Kontext, weil dieser sein eigenes in der Gesellschaft gefordertes Verhalten durch historische Vorläufer herabgereicht wahrnimmt [3]. Es ist also das Gefühl der Geschichtlichkeit und damit auch die Forderung, die eigene kulturelle Praxis zu bewahren, was im Konfuzianismus zum sinnstiftenden Element wird.

Wirklich plausibel wird dieser Aspekt von Sinnhaftigkeit im Konfuzianismus deshalb, weil das Handeln für die soziale Gemeinschaft und insgesamt die Einbettung des Menschen in der Gesellschaft ohnehin besonders betont werden. Dies geht Hand in Hand mit der rituellen Sitte verstanden als eine Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen durch den Erhalt von Kultur. Etwas Ähnliches erfüllt die Familie.

Die Rolle der Familie

Die Familie ist die kleinste soziale Einheit im Konfuzianismus. Der isolierte Mensch ist ein Unfall, er kann gar nicht existieren. Wie wichtig nun diese kleinste soziale Einheit ist, zeigt sich an der Tugend der kindlichen Pietät.

Es gilt als selbstverständlich sich um die Kinder in der Familie zu kümmern, sie zu behüten und zu ihrer Sozialisation beizutragen. Im Konfuzianismus gibt es eine solche Verpflichtung nicht nur in Bezug auf die jüngeren, sondern auch in Bezug auf die älteren Menschen.

Diese doppelseitige Hinwendung hat eine wichtige Funktion. Sie ist der Ansatzpunkt zur Ausbildung von Menschlichkeit und ritueller Sitte. Kindliche Pietät – so sagt man auch – ist die Wurzel der Menschlichkeit, weil sie eine primäre affektive Bindung zur Familie ausdrückt. Auch die rituelle Sitte beginnt in der Familie, besonders durch unseren Bezug zu den Älteren. Von ihnen lernen wir den Weg in der Gesellschaft zu gehen, wir lernen unsere Geschichte und einen Zugang zur Kultur kennen.

Die kindliche Pietät ist also der Beginn unserer durch Selbstkultivierung vorangetriebenen Festigung von Menschlichkeit und ritueller Sitte, was jedoch nicht bedeutet, dass Menschlichkeit und rituelle Sitte nur innerhalb der Familie stattfinden [vgl. 1, 1.2]. Dort finden sie ihren Anfang.

In der sozialen Einheit der Familie laufen nun die Forderung der Selbstkultivierung und die Forderung nach Geschichtlichkeit durch den Erhalt von Kultur zusammen. Die Idee in Bezug auf die Selbstkultivierung lautet wie folgt: Je mehr wir uns selbst kultivieren, was in der Familie seinen Anfang nimmt, desto mehr wächst die Verpflichtung einer zunehmenden Einsatzbereitschaft für die Gesellschaft, weil unsere sozialen Relationen und damit auch unsere Verantwortung zunimmt.

Auf der anderen Seite bietet die Familie einen wichtigen ersten Bezug zur Geschichte der Kultur. Sowohl die Selbstkultivierung als auch die Verbindung mit der eigenen Vergangenheit sind im Konfuzianismus sinnstiftende Elemente.

Die Familie bietet dem Einzelnen nicht nur die Quelle des Lebens, durch die er mit der Vergangenheit verbunden ist, sondern auch ein Gefühl der Kontinuität, durch das er in die Zukunft ausgedehnt wird. Daraus können wir ersehen, dass sich das konfuzianische Verständnis von Kontinuität und Ewigkeit von anderen religiösen Traditionen unterscheidet. [4, S.203]

Wie sich das konfuzianische Verständnis von Kontinuität und Ewigkeit von anderen philosophischen und religiösen Traditionen unterscheidet verdeutlicht der chinesische Philosoph Tu Weiming an einem einfachen Beispiel: „Im Buddhismus löst sich das Ego im Kosmos auf, im Konfuzianismus löst es sich in der Familie auf.“ [5]

Die Verbindung von Selbstkultivierung und Familie sowie deren Zusammenwirken spielt folglich eine zentrale Rolle für Sinnhaftigkeit im Konfuzianismus. Ein sinnvolles Leben und die Verbesserung der Welt liegt dem Konfuzianismus zufolge nicht in den Händen des Zufalls oder der Götter, sondern in den Händen des Menschen.

Für einen Konfuzianer kann der Sinn des Lebens nur durch Lernen und Üben durch Selbstkultivierung und Selbsttransformation verwirklicht werden, indem er sich für das Wohl der Familie, der Gemeinschaft und der Gesellschaft einsetzt und einen dauerhaften Einfluss auf die Welt durch die eigenen Errungenschaften in moralischen und kulturellen Bereichen ausübt. [2, S.285]

INHALT ZEIT
  1. Einleitung
  2. Konfuzianismus als säkulare Sozialethik
  3. Selbstkultivierung zur Menschlichkeit
  4. Die Tugend der Menschlichkeit und rituellen Sitte
  5. Die Rolle der Familie
  6. Fazit
  1. 00:00 – 01:24
  2. 01:25 – 07:30
  3. 07:31 – 12:42
  4. 12:43 – 17:58
  5. 17:59 – 22:12
  6. 22:13 – Ende
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Quellen und Verweise

Englischsprachige Quellen wurden in direkten Zitaten vom Autor ins Deutsche übersetzt.

[1] Konfuzius: Gespräche. Eno, R. (Üb.), 2015.

[2] Fingarette, Herbert: Confucius. The Secular as Sacred. Illinois: Waveland Press, 1972, S.7.

[3] Vgl.: Hall, David; Ames, Roger: Thinking Through Confucius. Albany: State University of New York Press, 1987, S.88.

[4] Yao, Xinzhong: An introduction to Confucianism. Cambridge: Cambridge University Press, 2000.

[5] Weiming, Tu et al.: The Confucian World Observed: A Contemporary Discussion of Confucian Humanism in East Asia. Honolulu: Institute of Culture and Communication, The East– West Centre, 1992, zitiert aus [4, S.203].