Der Konfuzianismus prägt die Kultur Chinas in jedem Bereich bis heute. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen aus anderen, in unserem Falle nicht vom Hellenismus und Christentum geprägten Kulturräumen, findet aus verschiedenen Gründen selten statt. Diese aus vier Teilen bestehende Einführung in den Konfuzianismus setzt sich dem entgegen.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Konfuzianismus als säkulare Sozialethik
  2. Die meritokratische Gesellschaft
  3. Selbstkultivierung zur Menschlichkeit
  1. Welches ethische Ideal vertritt der Konfuzianismus?
  2. Welche Stellung hat der einzelne Mensch in der konfuzianischen Gesellschaft?
  3. Was bedeuten Menschlichkeit und Selbstkultivierung?

Konfuzianismus als säkulare Sozialethik

Im ersten Teil der sechsten Episode haben wir etwas zur Geschichte und den Grundlagen des Konfuzianismus sowie über die prinzipiellen Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturräumen kennengelernt.

Dieser Artikel korrespondiert mit dem zweiten Teil der sechsten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels. Im Folgenden betrachten wir die konfuzianische Ethik und die damit zusammenhängende Tugendlehre und liefern eine Antwort auf die Frage, was das menschliche Leben laut der konfuzianischen Tradition sinnvoll macht.

Vorab anzumerken ist noch, dass die folgenden Ausführungen zum Konfuzianismus bewusst auf einer Lesart desselben basieren, die wiederum auf neuere und in manchen Teilen auch progressivere Forschungsansätze über die konfuzianische Philosophie zurückzuführen sind. Außerdem ist anzumerken, dass an entsprechenden Stellen die chinesischen Originalbegriffe kursiv oder geklammert in Pinyin stehen. Pinyin ist die offizielle Umschrift der chinesischen Laute in das lateinische Alphabet.

Um zu verstehen, wie die drei Konzepte ren für Menschlichkeit, li für rituelle Sitte und xiu shen für Selbstkultivierung im Konfuzianismus wirken und zusammenhängen, müssen wir den Begriff der Transzendenz betrachten. Zunächst ist festzuhalten, dass es in der konfuzianischen Tradition im Vergleich zu anderen zeitgenössischen religiösen und philosophischen Strömungen keine radikale Transzendenz gibt. Der Konfuzianismus hat keine ausgeprägte Vorstellung von Gott oder Göttern, keinen Bezug zu einer Allnatur oder eine wesentliche Angewiesenheit, die Einheit des Seins zu ergründen.

Stattdessen besitzt die konfuzianische Tradition eine ausgesprochen starke Fokussierung auf eine subtilere Art der Transzendenz, nämlich jene, die sich auf die Überschreitung der Grenzen des einzelnen Menschen bezieht. Was im Konfuzianismus eine zentrale Rolle einnimmt, ist das Soziale – die menschliche Gemeinschaft und ihr Zusammenwirken und dies auf zweierlei Weisen.

Zum einen ganz offensichtlich darin, wie ich mich innerhalb der sozialen Gemeinschaft zu meinem Gegenüber verhalte. Auf diese Weise überschreite ich mich selbst als Person, weil ich mich auf einen anderen beziehe. Zum zweiten gilt dies für die soziale Gemeinschaft auch in Bezug auf die Innerlichkeit eines einzelnen Menschen, denn dieser muss zunächst sozialisiert werden, um in der Gemeinschaft wirksam sein zu können.

Das Aufwachsen des Menschen zu einem Menschen innerhalb eines sozialen Raums ist seine Kultivierung. In dieser Kultivierung überwindet der Mensch sich selbst, er bildet sich, baut seine Tugenden aus, nimmt Verantwortung innerhalb der Gesellschaft ein und so weiter.

Diese zwei Arten der subtilen Transzendenz sind im Konfuzianismus von zentraler Bedeutung. Mit der Kultivierung der Person geht ein erster Kernbegriff einher, nämlich xiu shen, zu Deutsch meist übersetzt als Selbstkultivierung.

Die meritokratische Gesellschaft

Diese Vorstellung der Transzendenz hängt eng mit der konfuzianischen Gesellschaftsform zusammen. Diese ist ihrem Ideal nach meritokratisch. Der Meritokratie zufolge entscheide sich der Status eines Menschen innerhalb einer Gesellschaft nicht an seiner Herkunft, seinem Geschlecht, Alter oder etwas Ähnlichem, sondern an einer bestimmten Art der Leistung, die stets unter gegenwärtigen Bedingungen beurteilt werden muss.

Das konfuzianische Gesellschaftsmodell ist in genau diesem Sinne meritokratisch [vgl.: 1, 15.39]. Unter Leistung wird dabei die Tugendhaftigkeit einer Person verstanden, die von ihr selbst kultiviert wurde. Anders als andere philosophische Strömungen dieser Zeit ist der Konfuzianismus darüber hinaus optimistisch, und zwar optimistisch darin, dass die Erziehung ein großes Potential besitzt, um die Natur des Menschen zu formen.

Die Tugendhaftigkeit wird über die Selbstkultivierung festgehalten, nämlich als moralisches Wachstum der eigenen Person. Sie beschreibt eine moralische Entwicklung, die darauf gründet, sich selbst als Person und sein jetziges moralisches Wirken zu überschreiten, d.h. zu transzendieren.

Im Gegensatz zu anderen religiösen und philosophischen Strömungen zur Zeit des Konfuzianismus geht es diesem in der Praxis des menschlichen Lebens aber um die konkreten Tatsachen des sozialen Lebens, um die konkreten Tatsachen der gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen.

Besonders deutlich wird dies, wenn die Daoisten, die vereinfacht gesagt ein ›Zurück zur Natur‹ wollen, Konfuzius damit konfrontieren, seine vermeintlich aussichtslosen politischen Bemühungen aufzugeben. Seine Antwort deutet auf das zentrale Anliegen der konfuzianischen Ethik wie folgt hin: „Ich kann mich nicht mit den Vögeln und Tieren versammeln!“ [1, 18.6]

In dieser Aussage ist der gesamte Kern der konfuzianischen Sozialpraxis als eine immanente moralische Praxis zusammengefasst. Als Mensch kann man sich nicht dem menschlichen Leben entziehen. Damit man als Mensch überhaupt Mensch sein kann, ist man ohne Frage an die soziale Praxis mit Menschen für das Wohl der Menschen gebunden. Auch das betont Konfuzius explizit, indem er das menschliche Tätigsein auf das Diesseits richtet:

Während du noch nicht in der Lage bist, den Menschen zu dienen, wie könntest du dann den Geistern dienen? [1, 11.12].

Selbstkultivierung zur Menschlichkeit

Das konfuzianische Bild vom Menschen, der immer in einen sozialen Kontext eingebunden ist und nur in diesem sozialen Kontext überhaupt wirklich Mensch werden kann, hat tiefe kulturelle Implikationen und kulminiert in der wichtigsten konfuzianischen Tugend namens ren – zu Deutsch Menschlichkeit.

An dieser Stelle sind zwei Aspekte zu erwähnen. Zum einen, dass sich die Einbettung des Menschen im sozialen Gefüge etymologisch im Logogramm für ren abbildet: Es setzt sich zusammen aus dem Zahlenwort ›Zwei‹ und dem Begriff ›Person‹ [vgl. 2, S.213]. So etwas wie Menschlichkeit im einzelnen isolierten Menschen ist in der konfuzianischen Tradition gar nicht denkbar, ebenso wie eine vom sozialen System der Gemeinschaft isolierte Person.

Zum zweiten ist zu erwähnen, dass sich grundsätzliche Unterschiede darin etabliert haben, wie wir uns selbst als Menschen wahrnehmen, was in der Spaltung von individualistischen und kollektivistischen Kulturen abgebildet ist. Im Westen der Welt häufen sich individualistische Kulturen, die der Rationalität und Freiheit des einzelnen Menschen eine größere Wichtigkeit beimessen. Im Osten dagegen kollektivistische Kulturen, welche die Ordnung des sozialen Systems und die damit verbundene Verantwortung mehr betonen [3].

In jedem Fall bedeutet Menschlichkeit nicht einfach Reziprozität, also Gegenseitigkeit, denn das wird in einem anderen Begriff, nämlich shu, festgehalten. Dasselbe gilt für den Begriff der Loyalität. Auch mit diesem ist Menschlichkeit bei Weitem nicht adäquat erfasst [vgl. 2, S.213f.].

Die Menschlichkeit als Tugend ist eine moralische Verpflichtung des einzelnen Menschen gegenüber der sozialen Gemeinschaft. Sie ist über tian, also dem Himmel als Quelle der Moral im Menschen angelegt und bildet somit das moralische Gesetz in uns.

Über den Prozess der Selbstkultivierung folgt der Mensch dem normativen Gebot, seine Menschlichkeit zu entfalten und dieser in seinem Handeln nachzukommen [vgl. 1, 7.23]. Diese Konstellation zwischen Menschlichkeit, Selbstkultivierung und Himmel muss in Bezug auf die Transzendenz betont werden:

Die Konfuzianer, besonders in der neokonfuzianischen Tradition, weigern sich die Relevanz eines persönlichen Gottes in einem transzendenten Sinn zu akzeptieren, fügen aber eine transzendente und religiöse Dimension zur Subjektivität von Menschlichkeit hinzu, die zugleich funktional und wesentlich im Selbstentscheidungsprozess ist. [4]

Dass die Transzendenz des Konfuzianismus, die hier in der Menschlichkeit beschrieben wird, auf keinen Fall eine radikale Transzendenz sein kann, macht auch Menzius klar. Dieser setzt die Verwirklichung der menschlichen Natur durch Selbstkultivierung mit der Realisation des Himmels, also der moralischen Gesetze im Menschen gleich [vgl. 5].

Im Hintergrund der Vorstellung einer Selbstkultivierung steht die Tatsache, dass der Mensch gewisse Hindernisse überwinden muss, die eine Ausbildung von Tugendhaftigkeit behindern können. Zu diesen gehören unsere ursprünglichen Abweichung vom Ideal der Tugend durch Begierden und falsches Denken [vgl. 6].

Das Ziel der Selbstkultivierung könnte man demnach zusammenfassen als die Ideale der Tugend auszubilden, die einem durch den Himmel als die Quelle der Moral gegeben sind. Auf diese Weise wird die Selbstkultivierung einer der wichtigsten Aspekte des menschlichen Lebens.

Das besondere Merkmal an der Selbstkultivierung ist, dass diese nicht irgendeine abgehobene Praxis darstellt, die von der konkreten Gesellschaft samt ihrer Probleme absieht. Sie ist vielmehr eine Praxis, die durch ein grundlegendes Verständnis des eigenen Selbst durch die soziale Gemeinschaft gelenkt wird.

Der einzelne Mensch versteht sich selbst nur durch den Bezug zur Gemeinschaft, in die er stets eingebunden ist. Auch sein Handeln gewinnt nur einen Sinn, wenn es in der Gemeinschaft aufgeht [7]. Die Entwicklung der eigenen Person spielt hierbei eine zentrale Rolle. Sie ist eine der Komponenten durch die Sinnhaftigkeit im Konfuzianismus beschrieben wird, ist aber nicht motiviert durch das Ziel, zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.

Sich selbst zu kultivieren, d.h. in erster Linie die Tugend der Menschlichkeit auszubauen, ist ein eigenständiges Gut – seine Wirkung entfaltet sich in der sozialen Gemeinschaft, man kultiviert sich selbst aber nicht für die anderen.

Hiermit haben wir den ersten Teil zur Tugendlehre des Konfuzianismus behandelt. Auf weitere Aspekte gehen wir im zweiten Teil ein.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Konfuzianismus als säkulare Sozialethik
  3. Selbstkultivierung zur Menschlichkeit
  4. Die Tugend der Menschlichkeit und rituellen Sitte
  5. Die Rolle der Familie
  6. Fazit
  1. 00:00 – 01:24
  2. 01:25 – 07:30
  3. 07:31 – 12:42
  4. 12:43 – 17:58
  5. 17:59 – 22:12
  6. 22:13 – Ende
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Quellen und Verweise

Englischsprachige Quellen wurden in direkten Zitaten vom Autor ins Deutsche übersetzt.

[1] Konfuzius: Gespräche. Eno, R. (Üb.), 2015.

[2] Yao, Xinzhong: An introduction to Confucianism. Cambridge: Cambridge University Press, 2000.

[3] Siehe: Markus, Hazel R.; Kitayama, Shinobu: Culture and the self: Implications for cognition, emotion, and motivation, in: Psychological Review, Vol. 98, No. 2, 1991, S.224-253.

[4] Weiming, Tu: Humanity and Self-cultivation: Essays in Confucian Thought. Boston: Cheng & Tsui, 1998, S.9.

[5] Menzius: Mencius. Lau, D.C. (Üb.). London: Penguin, 1970, 7A.1.

[6] Konfuzius: The Confucian Analects, the Great Learning & the Doctrine of the Mean. Legge, J. (Üb.). New York: Cosimo, 2009, S.356f.

[7] Vgl.: Roetz, Heiner: Confucian Ethics of the Axial Age – A Reconstruction under the Aspect of the Breakthrough Toward Postconventional Thinking. Albany: State University of New York Press, 1993, S.101f.