Der Konfuzianismus prägt die Kultur Chinas in jedem Bereich bis heute. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen aus anderen, in unserem Falle nicht vom Hellenismus und Christentum geprägten Kulturräumen, findet aus verschiedenen Gründen selten statt. Diese aus vier Teilen bestehende Einführung in den Konfuzianismus setzt sich dem entgegen.

INHALT LEITFRAGEN
  1. Zur Interpretation der chinesischen Philosophie
  2. Eine kurze Geschichte des Konfuzianismus
  3. Kontakt zwischen Osten und Westen
  1. Auf welche Schwierigkeiten trifft man bei einer Interpretation der chinesischen Philosophie?
  2. Wie hat sich der Konfuzianismus entwickelt?
  3. Wann kam es zu einem ersten Austausch östlicher und westlicher Ideen?

Zur Interpretation der chinesischen Philosophie

Konfuzius war ein chinesischer Philosoph bzw. Gelehrter und lebte von 551 bis 479 v.u.Z. in der damaligen Zhou-Dynastie. Die wichtigste Quelle der konfuzianischen Tradition sind die sogenannten Gespräche des Konfuzius (Lunyu), die dessen Austausch mit seinen Schülern abbilden. In der Regel wird er als Gründer des Konfuzianismus betrachtet, genauso wie Epikur Gründer des Epikureismus ist. Diese Vorstellung ist jedoch ein Irrtum, wie wir in Kürze sehen werden.

Zunächst noch eine Anmerkung zu den chinesischen Originalbegriffen: An entsprechenden Stellen stehen diese kursiv oder geklammert in Pinyin. Pinyin ist die offizielle Umschrift der chinesischen Laute in das lateinische Alphabet.

Dieser Artikel korrespondiert mit dem ersten Teil der sechsten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels. Im Folgenden räumen wir einige Missverständnisse dem Konfuzianismus gegenüber aus dem Weg und betrachten dessen Geschichte und im zweiten Teil erste philosophische Grundlagen.

Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturräumen stellt uns vor eine grundsätzliche Herausforderung, die man wie folgt beschreiben kann: Genau auf die Weise, wie der Satz ›A = B‹ sinnvoll ist und wir seinen Inhalt verstehen, beziehen wir uns in der Regel auf philosophische Diskurse zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Man versucht ein Äquivalent für die östliche Idee B innerhalb der westlichen Idee A zu finden, weil man schließlich keinen direkten Zugang zu B hat. Auf diese Weise bleiben wir aber stets nur bei den Gedanken stehen, die wir bereits kennen und übertragen diese auf etwas, was wir verstehen wollen [1].

Diesen Fehler muss man den meisten frühen Annäherungsversuchen westlicher Gelehrter und Missionare an Gedankengut aus anderen Kulturen zuschreiben. Mittlerweile hat sich der Zustand der Forschung und Übersetzung glücklicherweise deutlich verbessert. Was natürlich bestehen bleibt, ist die Sprachbarriere, die maßgeblich daran beteiligt ist, uns das Verständnis chinesischer Philosophie zu erschweren. Darüber hinaus muss man sagen, dass sich die meisten Begriffe mit oder ohne Sprachbarriere nicht nahtlos übersetzen lassen.

Es tun sich aber noch weitere Probleme in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturräumen auf. Bis heute stellt sich die grundsätzliche Frage, wie wir mit einem westlichen Blick den Konfuzianismus verstehen sollen. Ist es eine Religion? Ist es eine Philosophie, oder eine Art Brauchtum? Für klassische Philosophen aus dem Westen war das, was sie vom Konfuzianismus zu lesen bekamen, jedenfalls alles andere als Philosophie. Kant und Hegel etwa empfanden die konfuzianischen Texte als Schund [2].

Diese arrogante Einstellung hat sich mittlerweile natürlich zurückgezogen, doch bleibt das Problem der richtigen Einordnung des Konfuzianismus bestehen. Auch von zeitgenössischen asiatischen Philosophen kommt immer wieder die Anmerkung, ob wir das, was wir unter Philosophie verstehen, nur auf etwas beziehen können, was sich innerhalb Europas ausgeformt hat.

Für ähnliche Phänomene aus anderen Kulturräumen bräuchte man eigentlich einen anderen Begriff, um diese nicht nach westlichen Maßstäben zu degradieren. Der Philosoph Min OuYang schlägt bspw. den Begriff Sinosophie vor [3].

Eine kurze Geschichte des Konfuzianismus

Die Geschichte des Konfuzianismus beginnt für uns mit dem Namen jener philosophischen Strömung Chinas, die wir eben als ›Konfuzianismus‹ zu bezeichnen gelernt haben. Das Wort ›Konfuzianismus‹ ist eine westliche Kreation und kann ins Chinesische nicht zurückübersetzt werden. Das chinesische Wort für das, was wir Konfuzianismus nennen, lautet rujia und bedeutet so viel wie ›Schule der Gelehrten‹.

Diejenigen, die wir als Persönlichkeiten des Konfuzianismus betrachten, haben sich aus ihrer Perspektive wohl kaum der Identität einer vereinigten philosophischen Strömung zugeschrieben. Oft ist es sogar klar, dass chinesische Gelehrte, die wir als Konfuzianer wahrnehmen, zu ihrer eigenen Lebenszeit untereinander konfliktreiche Positionen vertraten und sich nicht einer zusammenhängenden Denkrichtung zugeschrieben hätten [2]. Auch deshalb müssen wir den folgenden Aspekt im Kopf behalten:

Anders als die Bezeichnung ›Konfuzianismus‹ suggeriert, handelt es sich dabei nicht um die Lehre des chinesischen Philosophen Konfuzius, sondern um eine Tradition von Gelehrten, die jedoch nicht Gelehrte im westlichen Sinne sind. Einer der wichtigsten Unterschiede besteht darin, dass die konfuzianische Philosophie anders als die hellenistische nicht auf die Generierung absoluter Wahrheiten durch eine bestimmte Methode ausgerichtet ist.

Anders als Sokrates, Platon, Aristoteles und weitere, die sich stets darum drehten, wie wir wissen können, was Gerechtigkeit, Wissen, das gute Leben, Tugend und so weiter sind, hat die konfuzianische Tradition hierfür einen Bezugspunkt, nämlich die chinesische Antike, die einige Jahrhunderte vor Konfuzius datiert wird.

Es ist von zentraler Bedeutung nachvollziehen zu können, warum Konfuzius die alten Weisenkönige als Maß nimmt und den Herzog von Zhou bewundert. Die Antwort ist einfach: In ihnen sieht er edle Menschen – sogenannte junzi –, und damit ideale Herrscher, die einen Staat führten, genau wie er sein soll.

Die Geschichte des Konfuzianismus baut deshalb auf diesem legendären Zeitalter auf, in dem die Weisenkönige regierten und das mindestens zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung anzusiedeln ist; aber auch auf der Zhou-Dynastie, die circa von 1100 bis 250 v.u.Z. datiert ist [vgl.: 4, xiv].

In diese ausgedehnte Zeitspanne erstreckt sich die Lebenszeit des Konfuzius, die Entstehung wichtiger konfuzianischer Texte und das Wirken weiterer wichtiger Konfuzianer, darunter Mengzi und Xunzi. Letztere spielen eine wichtige Rolle bei der Interpretation zentraler konfuzianischer Begriffe.

Zu dieser Zeit in der chinesischen Geschichte gibt es noch kein vereintes Kaiserreich. Dieses entsteht erst im Jahr 221 v.u.Z mit der Qin-Dynastie. Die Qin-Dynastie bildet die erste allumfassende Dynastie des chinesischen Kaiserreiches, da unter ihr die zahlreichen seit Jahrhunderten verfeindeten einzelnen Reiche vereint wurden.

Demnach gab es zum ersten Mal einen Kaiser, der über das gesamte von chinesischen Bürgern besiedelte Gebiet herrschte. In der Qin-Dynastie wurde – anders als man vermuten könnte – nicht der Konfuzianismus, sondern die philosophische Strömung des Legalismus umgesetzt, die in vielen Aspekten einen Gegensatz zum Konfuzianismus darstellt.

Der Legalismus geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus böse ist und selbst Erziehung hieran nicht viel ändern kann. Deshalb müsse man einen Staat aufbauen, der durch Belohnung und Bestrafung funktioniert und alles durch strenge Gesetze regelt. Den Legalisten zufolge sind Intellektuelle für eine Gesellschaft nutzlos, weil sie weder Arbeiter sind, die Waren produzieren, noch dem Militär angehören, das Krieg führen kann.

Dies hat in der Qin-Dynastie dazu geführt, dass Bücher verbrannt und konfuzianische Gelehrte ermordet wurden. Die Dynastie hielt jedoch nicht lange zusammen und wurde im Zuge eines Bürgerkriegs im Jahre 206 v.u.Z. von der Han-Dynastie ersetzt. In der Han-Dynastie wurde der Konfuzianismus zur Basis des Staates erklärt und wenige Jahre nach der Jahrtausendwende in Vietnam, Korea und Japan bekannt [vgl. 4, xv].

Gleichzeitig kam der Buddhismus aus Indien in China an, was zur Folge hatte, dass zwischen den verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen ein großer Austausch und heftige Diskussion entstand. Der Konfuzianismus konnte auf chinesischem Gebiet aber stets die wichtigste dieser Strömungen bleiben.

Kontakt zwischen Osten und Westen

Springen wir einige Jahrhunderte vorwärts in die Ming-Dynastie, wo der erste nachhaltige Kontakt auf intellektueller Ebene zusammen mit wechselseitigen Übersetzungen zwischen Westen und Osten stattfand. Dies geschah durch den Jesuiten Matteo Ricci gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts. Ricci fertigte im Jahr 1594 die erste Übersetzung der konfuzianischen Texte ins Lateinische sowie die erste Übersetzung der euklidischen Schriften ins Chinesische an [5].

Ins Englische wurden die konfuzianischen Klassiker am Ende des 19. Jahrhunderts vom schottischen Sinologen James Legge übersetzt, ins Deutsche unter anderem von Richard Wilhelm kurze Zeit später.

Der Kontrast zwischen klassischer chinesischer und hellenistischer Philosophie wird auch am Aspekt der Geschichte deutlich: Der Konfuzianismus versteht sich bis heute angesichts seiner weit in die mystischen Zeitalter reichenden Geschichte als Bewahrer einer altehrwürdigen chinesischen Tradition. Des Weiteren kann man sagen, dass die chinesische Philosophie, vor allem in der konfuzianischen Tradition, im Kern eine Philosophie der sozialen und politischen Praxis ist.

Der Konfuzianismus wird deshalb gemeinhin auch als säkulare Sozialethik oder säkularer Humanismus bezeichnet [vgl.: 4, S.153]. Diese Deutung untergräbt zwar den religiösen Aspekt der konfuzianischen Tradition, ist aber für eine Einführung ziemlich akkurat. Den Konfuzianern geht es nicht um absolute Wahrheiten, sondern um die Herstellung eines harmonischen Staates – auf andere Unterschiede stoßen wir noch in den folgenden Artikeln.

Hiermit haben wir einen groben Einblick in die Geschichte des Konfuzianismus aufgebaut. Im zweiten Teil dieses Artikels gehen wir auf die ersten philosophischen Grundlagen ein, die für die Behandlung der Tugendlehre im dritten und vierten Teil wichtig sind.

INHALT ZEIT
  1. Einleitung
  2. Eine kurze Geschichte des Konfuzianismus
  3. Transzendenz und Herrschaft
  4. Abschließende Bemerkungen
  1. 00:00 – 04:57
  2. 04:58 – 11:30
  3. 11:31 – 20:34
  4. 20:35 – Ende
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Quellen und Verweise

Englischsprachige Quellen wurden in direkten Zitaten vom Autor ins Deutsche übersetzt.

[1] Vgl.: Xize, Deng: On the Problem of the Meaning of Life in „Chinese Philosophy“, in: Front. Philos. China, 6, 4, 2011, S.618.

[2] Vgl.: Zotz, Volker: Der Konfuzianismus. Wiesbaden: marixverlag, 2015, Eine Philosophie?

[3] Vgl.: OuYang, Min: There is No Need for Zhongguo Zhexue to be Philosophy, in: Asian Philosophy, Vol. 22, 3, 2012, S.199-223.

[4] Yao, Xinzhong: An introduction to Confucianism. Cambridge: Cambridge University Press, 2000.

[5] Vgl.: Fontana, Michela: Matteo Ricci: A Jesuit in the Ming Court. Plymouth: Rowman & Littlefield, 2011, S.81; 104.