Zen-Buddhismus - Koan

Das Koan ist eine spezielle Form der Anekdote des Zen-Buddhismus, die allesamt sinnlos und paradox wirkt. Sie werden Zen-Schülern aufgetragen, die oft jahrelang an einer Lösung ›arbeiten‹, obwohl jeder weiß, dass es keine Lösung im herkömmlichen Sinne gibt. Was genau steckt hinter dieser uns seltsam anmutenden Praktik?

INHALTÜBERBLICK
  1. Kurze Einführung in Zen
  2. Vom Buddhismus zu Zen
  3. Der Weg zum wahren Selbst
  4. Das Koan als Maßstab
  1. Bodhidharmas Anekdote
  2. Das absolute Nichts und das wahre Selbst
  3. Was ist Satori bzw. Erleuchtung?
  4. Warum ist das Koan eine relevante Praktik?

Kurze Einführung in Zen

Anmerkung: Dieser Artikel ist Teil einer Reihe von Artikeln, die einige Grundlagen zum Thema Zen-Buddhismus darstellen.

Koans (eigentlich Kōans) sind in westlichen Worten ausgedrückt so etwas wie Fangfragen, Rätsel, Paradoxien et cetera. Als ein sonderbar erscheinendes spirituelles Kulturgut des japanischen Zen, wurde es in der westlichen Philosophie nie ernst genommen, weil es die Mittel jeder Logik sprengt. Beispiele von Koans sind geläufig:

  1. Was war dein ursprüngliches Gesicht, ehe dein Vater und deine Mutter dich in diese Welt setzten?
  2. Vor langer Zeit hielt ein Mann eine Gans in einer Flasche. Sie wuchs und wuchs, und zuletzt kam sie aus der Flasche nicht mehr heraus. Der Mann wollte weder die Flasche zertrümmern noch die Gans verletzen. Wie kann er die Gans herauskriegen?
  3. Ein Mann ist auf einen Baum geklettert, hält sich bloß mit den Zähnen an einem Zweig fest, während sein Körper frei in der Luft baumelt. Ein anderer, der unten steht, fragt ihn: „Was ist Zen?“. Gibt er eine Antwort, so kann er den Fragenden befriedigen. Spricht er aber nur ein einziges Wort, so muss in den Tod fallen lassen. Was würdest du ihm antworten?

Auch wir werden deshalb ganz natürlich Probleme haben, zu verstehen, was ein Koan ist und wozu es existiert, wenn es überhaupt einen Zweck besitzt. Es ist deshalb ratsam, zunächst in Kürze mit den Hintergründen des Zen zu beginnen, um so überhaupt erst ein Gefühl für diese Domäne zu erlangen. An dieser Stelle habe ich bereits eine Einführung in Zen verfasst, die du ergänzend zu diesem Artikel lesen kannst.

Üblich ist es, die Geschichte des Zen mit Bodhidharma, dem ersten Patriarchen des Zen zu beginnen, der den Charakter und die Geisteshaltung des Zen-Buddhismus „in China […] im Jahre 527 eingeführt“ [1] hat.

Der zu dieser Zeit amtierende Kaiser Chinas, Wu von Liang, war bekannt als ehrwürdiger Verfechter des Buddhismus und lud den Mönch zu sich an den Hof. Der folgende legendäre Dialog zwischen Kaiser Wu und Bodhidharma verdeutlicht an seiner Oberfläche zunächst die Spaltung des Zen vom Buddhismus durch die strikte Ablehnung der Karma-Lehre.

In seinem tieferen Sinn offenbart er zugleich die Verkörperung der Essenz des Zen. Kaiser Wu wollte wissen, was er von seiner Frömmigkeit zu erwarten habe:

„Deswegen fragte er Bodhidharma: ››Wir haben Tempel erbaut, heilige Schriften vervielfäl­tigt, die Bekehrung von Mönchen und Nonnen befohlen. Kommt unserem Verhalten, ehr­würdiger Meister, etwelches Verdienst zu?‹‹

Bodhidharma: ››Keinerlei Verdienst.‹‹

Der Kaiser, etwas verblüfft, dachte, daß solch eine Antwort die gesamte Lehre umstürze, und fragte wieder: ››Welches ist denn die heilige Wahrheit, das oberste Prinzip?‹‹

Bodhidharma: ››Jenes Prinzip steckt in allem; es gibt nichts Heiliges.‹‹

Kaiser: ››Wer denn seid ihr, der ihr vor mir steht?‹‹

Bodhidharma: ››Ich weiß es nicht, eure Majestät.‹‹“ (ebd.)

Vom Buddhismus zu Zen

Bodhidharmas Antworten prägten den Zen-Spruch „Offene Weite, nichts Heiliges“ [2], der den ersten Schritt markierte, mit der metaphysischen Spekulation des Buddhismus aufzuräumen.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant anzumerken, wie sich an erster Stelle der Buddhismus von den diversen Hindutraditionen, die man als Hinduismus zusammenfasst, durch den weitgehenden Verzicht auf metaphysische Spekulationen ablöste [3] und dann einige Jahrhunderte später dasselbe dem Buddhismus durch die Abspaltung des Zen geschah.

Aus welchen Gründen dies geschah, kann ich hier nicht darstellen, jedoch soll darauf hingewiesen werden, dass Zen eine eigenständige Lebensform darstellt und die Bezeichnung Zen-Buddhismus nur darauf hinweist, dass es sich beim Zen um eine Strömung handelt, die aus der buddhistischen Tradition hervorging.

In der Form des Hauptstroms, nämlich des japanischen Zen, kann man diesen kaum noch mit dem klassischen Buddhismus vergleichen. Die von Bodhidharma abgeleitete Sentenz mag zunächst nihilistisch erscheinen, doch dies ist schlicht eine gängige Fehlinterpretation.

Bei präziser Betrachtung wird deutlich, dass alles, was der Zen-Buddhismus umsetzt, sich darin zeigt, dass er „die buddhistische Religion auf die radikalste Weise in die Immanenz“ [4] hinwendet.

Es gibt keine Transzendenz und deshalb keine Weltflucht – allein dies bildet auch das Wesen der Zen-Meditation (jap. Zazen), nämlich die Hin­wendung zum Augenblick, in die unendliche Immanenz im Hier und Jetzt.

Die Welt und das Selbst sind demnach „jedes theologisch-teleologischen ›Sinns‹ entleert“ (ebd.) und sind ebenfalls „weder vom theos noch vom anthropos besetzt“ (ebd.). Weder die Idee eines Gottes noch die Idee des Menschlichen stehen ihnen im Vordergrund.

Hiermit gelangen wir zum Kernbegriff des Zen, nämlich der Leerheit, dem absoluten Nichts bzw. Śūnyatā, welches mit der Welt und dem Selbst in folgendem Zusammenhang steht:

„Die Begriffe der Welt und des Selbst durchdringen sich im Zen-Buddhismus, wobei diese gegenseitige Durchdringung ihrerseits von dem absoluten Nichts [sansk. Śūnyatā, jap. Mu] durch­drungen wird. Im Bild des leeren Kreises [jap. Ensō] […] kommt dies gut zum Ausdruck. […] Das Selbst befindet sich also in einem Raum, der seinerseits letztlich von der unendlichen Offenheit umfasst wird. Dieser gesamte Strukturkomplex gehört zum Selbst als solchem.“ [5]

Der Weg zum wahren Selbst

Die Leerheit ist der Gegenbegriff zur Substanz, jedoch nicht zu verstehen als bloße Abwesenheit der Substanz. Letztere ist gleichsam voll und auf Geschlossenheit hin angelegt [6]. Ganz im Gegensatz dazu ist Śūnyatā „eine Bewegung der Ent-Eignung“ (ebd.), welche das Seiende entleert.

In diesem Sinne existiert keine wahre Trennung der Dinge, da man alles auf die Leerheit zurückführen kann, was keinesfalls so verstanden werden darf, dass Śūnyatā ein Entstehungsprinzip sei, aus dem alles Seiende entstünde (vgl. ebd.).

Indem es als eine Bewegung das Seiende entleert, das an seiner Substanz festhält und damit in sich verharrt, versenkt die Leerheit „es in eine Offenheit, in eine offene Weite“ (ebd.). Damit wäre Bodhidharmas oben erwähnte Sentenz vollendet.

In der Zen-Praxis dreht sich alles darum, dies zu verwirklichen. Dabei stehen radikale Subjektivität und Nicht-Verstand (jap. Mushin) im Mittelpunkt der Umsetzung, da die Ausrichtung auf etwas außerhalb des eigenen Selbst, sowie das Festhalten an Logik und Begrifflichem nur von der Immanenz, also dem Hier und Jetzt, ablenken. Wird einem diese Verwirklichung zuteil, erlangt man Erleuchtung (jap. Satori), d.h. man gewinnt sein wahres Selbst [7]:

„Satori ist, was die Art seines Eintretens und seine Wirkung auf den Charakter anlangt, ein bestimmtes Erlebnis. Im übrigen bleibt es unbestimmbar, unaussagbar; denn es ist die plötzliche Verwirklichung der Wahrheit des Zen. Seinem Wesen nach ist Satori ein unerwartetes Erlebnis.“ [8]

Das Koan als ein Maßstab

Die Koan-Praxis des Zen zu beschreiben, stellt ein schweres bis hin zu unmögliches Unternehmen dar. Versucht man, es ihn Sprache zu formen, mag es zwar simpel klingen, doch in der Erfahrung der Realität ist es alles andere als das.

Die unmissverständliche Erfahrung von Satori gilt nun als Maßstab für Zen. Weiterhin gilt das Koan als Maßstab für das Satori (vgl. ebd.). Das Koan „ist so etwas wie ein Problem, das der Zen-Meister seinen Schülern zur Lösung vorlegt“ [9], zugleich aber ist es etwas, das „sich in uns [befindet], und alles, was der Zen-Meister tut, ist, es uns zu zeigen, so daß wir es deutlicher sehen können, als zuvor.“ (ebd.).

Dieses Etwas in uns ist das Paradox des Lebens, die dualistische Betrachtung des Verstandes und die der conditio humana innewohnende Verzweiflung mit der Welt. Jedes Koan stellt den Zen-Schüler vor diesen Fakt und schürt in ihm den Großen Zweifel bis zur Resignation [10].

Ein beliebtes Koan lautet: Ein Schall entsteht beim Zusammenschlagen zweier Hände, welcher Schall entsteht beim Zusammenschlagen einer Hand? In jedem Koan zeigt sich, dass es „gewöhnlich die Wahl zwischen einem Entweder und einem Oder [gibt], wovon aber das eine so unmöglich ist wie das andere.“ [11]

Die Wahl besteht darin, an der Welt festzuhalten, wodurch keine Erlösung von dem Konflikt mit dieser erlangt wird (Zusammenschlagen beider Hände) oder durch das Paradox der Welt (Zusammenschlagen einer Hand) von dieser zerrieben zu werden. Man muss an Ja und Nein vorbei einen Durchweg finden. Das Koan soll lehren, wie das möglich sein kann, indem es eine gewisse, in Worten nicht beschreibbare Geisteshaltung im Schüler herauskitzelt. Dafür braucht es viel Geduld.

Darum spiegelt jedes Koan das ungeheure Koan des Lebens wider; denn für Zen liegt das Problem des Lebens darin, über das Entweder-Oder, über den Gegensatz von Ja und Nein, welche beide die Wahrheit verdunkeln, hinauszukommen. (ebd.)

Im Augenblick, wo der Schüler die Verzweiflung überwindet, kommt der „Satori-Blitz“ (ebd.), also jenes Erlebnis, welches das ewige Dilemma zwischen Ja und Nein, zwischen These und Antithese, kurz gesagt zwischen jeder dualistischen Haltung auflöst.

In diesem Moment zerbricht die conditio humana: Der Mensch des Satori, der Erleuchtete, ist eins mit der Welt, ja er versteht, dass man niemals wirklich von der Welt getrennt sein kann und welches wertvolle Spiel das Leben in Gänze eigentlich ist.

Das Koan ist demnach eine von vielen Brücken, die über den Fluss der Verblendung zu einem neuen Ufer der Einsicht führen kann.


Quellen und Verweise

[1] Watts, Alan: Vom Geist des Zen. Basel: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1986, S.24.

[2] Der Ochs und sein Hirte. Eine altchinesische Zen-Geschichte, erl. von Daizohkutsu R. Ohtsu, übers. von Koichi Tsushimara und Hartmut Buchner, Pfullingen, 1958, S.114.

[3] Vgl.: Becke, Andreas: Hinduismus zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 1996, S.58.

[4] Han, Byung-Chul: Philosophie des Zen-Buddhismus. Stuttgart: Reclam Verlag, 2002, S.18f.

[5] Ueda, Shizuteru: Wer und was bin ich?: Zur Phänomenologie des Selbst im Zen-Buddhismus. Freiburg im Breisgau: Verlag Karl Alber, 2016, S.72.

[6] Vgl.: Han, 2002, S.44.

[7] Vgl.: Fuchs, 2009, S.14.

[8] Watts, 1986, S.57.

[9] Fromm, Erich; Suzuki, Daisetz; Martino, Richard de: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2013, 25. Auflage, S.61.

[10] Vgl.: Daizohkutsu R. Ohtsu, 1958, S. 67.

[11] Watts, 1986, S.60.