Fortschritt als Ideologie – Die Illusion der effizienten Lebensführung

Mit der Digitalisierung erleben wir eine Industrialisierung des Alltags, die mit zunehmenden Machteinflüssen in den Bereich des Privaten eingreift. Technische Neuerungen, wie etwa Smart Media, Smart Watches und Smart Cities, gestalten unseren Alltag mehr und mehr zu einem effizienten Fabrikprozess. Doch wer hat ein Interesse daran, dass alles immer effizienter wird?

Fortschritt am Scheideweg

Heutzutage befindet sich das Fortschrittsdenken in einem schweren Konflikt. Zum einen ist es nicht mehr klar, ob man angesichts der mit Nachdruck drohenden Gefahren der Umweltzerstörung, der angespannten politischen Verhältnisse und der durch Profitmaximierung der Wirtschaft verursachten Schäden noch darauf hoffen will, dass wir auf einen positiven Kurs des Fortschritts vertrauen können.

Gesetzt der Fall, dass wir es dennoch tun, stellt sich die Frage, ob dieser überhaupt in nachhaltiger Weise konstruktiv sein kann. Zum anderen locken und verführen technische Fortschritte in Bereichen der KI-Forschung, der Gentechnik und digitaler Automatisierung in den Glauben, dass der Fortschritt doch ein Lichtblick am Horizont gegen all unsere Probleme sein kann.

Auch in politischen Landschaften spiegelt sich dieser Konflikt wider. Technischer Fortschritt wird entweder als Zaubermittel oder als ein selektives Unheil verstanden. In jedem Fall ist es aber ein Ausdruck der Machtausübung – ausdrücklich durch Kriegsgerät, Innovationsdruck und Abhängigkeit von Ressourcen oder heimlich durch Informationstechnologie, die unseren Alltag in Daten umwandelt.

Die Idee des Fortschritts menschlicher Kultur kann als Prozess definiert werden, der das Ideal des allgemeingültigen Wohlstands und Glücks für alle anstrebt. Genauer gesagt, besteht das Ideal der Fortschritts- und Effizienzkultur in jenem gerichteten Prozess, die wissenschaftliche Erkenntnis und die damit zusammenhängende technologische Entwicklung im Alltag des gewöhnlichen Menschen sowie in der Ressourcengewinnung, Zeiteinsparung, Mobilität und aller anderer Freiheitsgrade zugunsten des Wohlstands und der gesellschaftlichen Freiheit größtmöglich zu expandieren. [1]

Das moderne Fortschrittsdenken setzt sich maßgeblich aus zwei Einzelteilen des Fortschrittsoptimismus und -pessimismus zusammen, die miteinander in Konflikt geraten. Der Beitrag des Fortschrittsoptimismus besteht in der Tatsache, dass die Produktion auf der Basis einer kapitalistischen Wirtschaftsideologie bis heute das Rückgrat unserer Vorstellung von Wohlstand bildet.

Der Beitrag des Fortschrittspessimismus besteht darin, dieses Rückgrat der Wirtschaft als einen blinden Prozess anzuklagen, der nicht danach fragt, ob die Ziele, die damit verfolgt werden an und für sich überhaupt noch vernünftig oder in irgendeiner Weise sinnvoll sind. Einen hierauf zutreffenden Kommentar verfasste bereits John Stuart Mill im Jahr 1848 in seiner Schrift zur politischen Ökonomie:

„Zweifellos gibt es auf der Erde, ja sogar in allen Ländern noch Platz für einen erheblichen Bevölkerungszuwachs … Ich muß jedoch gestehen, daß ich keinen Grund sehe, dies zu wünschen, selbst wenn es unschädlich wäre. […] Wenn die Erde den großen Teil ihrer Anmut verlieren muß, den sie solchen Dingen verdankt, die bei unbegrenztem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum von ihr verschwinden würden, und dies nur zu dem Zwecke, eine größere, aber nicht auch eine bessere und glücklichere Bevölkerung auf ihr zu erhalten, dann kann ich nur um der Nachwelt willen hoffen, daß sie mit einem stationären Zustand zufrieden sein wird, ehe er ihr von den Notwendigkeiten aufgezwungen wird.“ [2]

Das Instrument des technischen Fortschritts ist die instrumentelle Vernunft und die Konsequenz seiner Anwendung hingegen die fortschreitende und bis ins letzte verfolgte Herrschaft des Menschen über die Natur [3].

Die daraus gewonnenen Produkte beheizen den Kreislauf, dass die Wirtschaft und die mit ihr zusammenhängenden Faktoren sich verselbstständigen, aber keiner Zielsetzung folgen, die gesellschaftlich ausgehandelt wurde. Stattdessen wird die Zielsetzung zu einem erheblichen Anteil von den utopischen Visionen und Vorlieben einzelner Investoren, Unternehmer und Berater bestimmt oder als notwendiger Prozess verstanden.

Fortschritt als blinder Prozess?

Ein Fortschrittsdenken, das nicht an eine gesellschaftliche Deliberation gebunden ist, richtet sich im Kapitalismus auf das blinde Ziel der Profitmaximierung um ihrer selbst willen. Dies hat zur Folge, dass das zentrale Motiv des Wirtschaftens jenes sein muss, in allen erdenklichen Lebensbereichen künstliche Bedürfnisse und Abhängigkeiten zu erzeugen.

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Art zu Wirtschaften davon lebt, alle Menschen, die nicht den 0,1% der Vermögendsten angehören, in einer balancierten Mitte zwischen Unglück und Glück verweilen zu lassen.

Dies ist jedoch nur deshalb möglich, weil die verbreitete Norm vorherrschend ist, wonach eine stetige Akkumulation von Gütern Glück herbeiführen könne. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine Umfrage zum Kleidungsbestand in deutschen Haushalten aus dem Jahr 2019 ergab, dass 75% der Befragten zwischen 100 und 300 Kleidungsstücke besitzen und im Schnitt 40% davon nie oder höchstens einmal alle drei Monate tragen [4].

Das Verhältnis von Wohlstand, sowohl im relativen als auch im absoluten Vergleich, kann kaum absurder sein. Die Verteilung von Wohlstand innerhalb einzelner Gesellschaften ist an Ungleichheit kaum zu überbieten. Dies gilt jedoch auch für den Vergleich gesellschaftlicher Querschnitte, etwa zwischen dem globalen Norden und Süden.

Während in weiten Teilen der Welt noch die Frage vorherrscht wie sauberes Trinkwasser und Strom für alle bereitgestellt werden können, fragen sich andere mit nahezu gleichen Ernstes, ob sie zwei oder drei Mal jährlich in den Urlaub fliegen oder sich einen Zweitwagen zulegen sollen.

Konsum, Produktion und Instrumentalisierung

Abgesehen vom Aspekt der Ungleichheit, zeigt sich hier ein einheitliches Muster. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten beschrieben wie der einzelne Mensch sich angesichts der ökonomischen Macht und Technik auflöst, dieser Verlust jedoch durch einen Zugewinn an Wohlstand kompensiert wird: „Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt.“ [5]

Die technische Produktion bedarf den Eingriff Menschen nicht mehr im klassischen Sinne. Nun ist sie es, die Forderungen des Konsums stellt. Während der Mensch zu einer Marionette der Technik wird, scheint sich sein Leben in vielerlei Hinsicht qualitativ verbessert zu haben.

Als Marionette existiert der technisierte Mensch zum einen als Konsument*in, der sich der Technik für alle möglichen Zwecke bedient, und zum zweiten auch als Produzent*in, der von der Technik für sein Tun abhängig ist- Zuletzt und an dritter Stelle existiert der Mensch auch als Instrument, indem der gezielter Einsatz von Technik durch Wenige den Menschen in Summe zum eigenen Versuchsobjekt macht.

Die eben erwähnten zwei Verhältnisse von Mensch und Technik formen das Leben des Menschen in verschiedene Beziehungen der Abhängigkeit. Als Konsument*in wird der Einzelne durch Design, Werbung und andere Formen der Manipulation dazu angestiftet, dem Trend zu folgen, der Zeit zu entsprechen oder den eigenen Status zu erkaufen.

Als Produzent*in trägt der einzelne Mensch zur Aufrechterhaltung regelmäßig erneuerter Systeme, Geräte und Anforderungen bei, die wiederum den Zwang erzeugen, ständig zu konsumieren.

Zuletzt sind sowohl die Kriegsführung wie auch der Datenhandel zwei tragische Beispiele, die verdeutlichen, wie der Mensch als ein Instrument durch Technik aneignet wird, um in neuen, dem gesellschaftlichen Zusammenleben eigentlich schädlichen Dimensionen, Anwendung und Profiterzeugung zu bewerkstelligen. Der Profit, der dadurch entsteht, kommt durch eine Rückkopplung zustande, die sich vor allem für die Wenigen auf Kosten der Vielen lohnt.

Indem durch eine solche Instrumentalisierung des Menschen durch Technik Profit in Staaten und Konzerne zurückfließt, und zwar unter der Voraussetzung, dass nur selektive Gruppen direkt betroffen und bewusstem Schaden ausgesetzt werden, wird Wohlstand in einem allgemeinen Sinne scheinbar erhöht.

In anderen Worten: Auch Rüstungsunternehmen und Big-Tech-Firmen schaffen Arbeitsplätze, Aktienkurse und Umsatz, obwohl sie aktiv und passiv erheblichen Schaden anrichten.

In einer anderen Hinsicht, die eng mit der Erschaffung künstlicher Bedürfnisse einhergeht, stellt sich die Abhängigkeit als Sucht heraus. Diese Sucht offenbart sich darin, das eigene Glück in externen Faktoren, d.h. in der Akkumulation von Besitz zu suchen. In dieser hedonistischen Tretmühle gefangen zeigt sich, dass durch die Akkumulation von Gütern lediglich „die Glücksgüter selbst zu Elementen des Unglücks“ [5, S. 5] werden.

Bei der Antwort auf die Frage, wer ein Interesse daran hat, dass alles effizienter wird, könnte man angesichts solcher Umstände nun durchaus antworten, dass jeder und jede Einzelne Interesse daran hat, sofern die Illusion aufrechterhalten wird, das eigene Glück – das wie oben herausgestellt, das eigentliche Ziel allen Fortschritts sein sollte – darin begründet liegen könne, schlichtweg immer mehr zu konsumieren.

Eine effizientere Gesellschaft erlaube dann einen effizienteren Konsum und demnach scheinbar eine größere Chance auf das Erleben des eigenen Glücks. Dieser Kreislauf ist ausweglos und destruktiv. Es darf nicht vergessen werden, dass Fortschrittsdenken an eine politische Realität gebunden ist, die darauf Einfluss nehmen kann, was wir als erfolgreiches Wirtschaften und sinnvolle Innovation verstehen.


Quellen und Verweise

Titelbild: Guiliano da Sangallo: The Ideal City, 1480-1484, Walters Art Museum, CCO, Ausschnitt.

[1] Vgl.: Bellitto, M.; Coccia, M.: Critical analysis of human progress: Its negative and positive sides in the late-capitalism, in: CocciaLAB at CNR – National Research Council of Italy, Working Paper, No. 30, 2018, S. 13f.

[2] Mill, 1848 zitiert nach: Renn, Ortwin: Die alternative Bewegung: Eine historisch-soziologische Analyse des Protestes gegen die Industriegesellschaft, in: Zeitschrift für Politik, Vol. 32, Nr. 2, 1985, S. 155.

[3] Vgl.: Mäder, Denis: Wider die Fortschrittskritik. Mit einem Appendix zum Fortschritt als Human Enhancement, in: Zeitschrift für Sozialen Fortschritt, Vol. 3, No. 4, 2014, S. 197.

[4] Greenpeace: Wegwerfware Kleidung. Repräsentative Greenpeace-Umfrage zu Kaufverhalten, Tragedauer und der Entsorgung von Mode. Abgerufen am 20.05.2019 unter: Link.

[5] Adorno, T. W.; Horkheimer, M.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.: Fischer, 2006, S. 4.

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