Feuerbachs Religionskritik – Gott als menschliche Projektion

Ludwig Feuerbach ist heutzutage für seine Religionskritik bekannt. Seine Analyse des Christentums schien einen Nerv seiner Zeit zu treffen, sodass man im Anschluss davon sprach, es gäbe nichts mehr zur Kritik an der Religion hinzuzufügen. Das Besondere an Feuerbachs Vorgehensweise besteht darin, dass er nicht versucht die Religion polemisch als Unvernunft zu demaskieren, sondern ihr Wesen zu verstehen – hier liegt seine zentrale Leistung.

Alt-neuer Weg der Religionskritik

Ludwig Feuerbach (1804-1872) war ein Philosoph und Anthropologe, der in seiner Blütezeit in kommender Ahnung einer Epoche des Umbruchs stand. Seine Hauptwerke, darunter Das Wesen der Religion, wurden nur einige Jahre vor der Märzrevolution 1848/49 veröffentlicht, die er mit seinen Ideen mitbestimmt hat. Besonderen Einfluss hatte er unter anderem auf Karl Marx und den frühen Friedrich Nietzsche.

Feuerbach wird zu den sogenannten Linkshegelianern gezählt, also zu den Denkern, die man als Schüler einer bestimmtes Orientierung des Philosophen G. W. F. Hegel bezeichnet, wobei dies durchaus im kritischen Sinne zu deuten ist. Sie werteten seine Ideen nämlich radikal zu Gesellschafts- und Religionskritik sowie später in Formen des Atheismus um.

Der bereits erwähnte Marx hatte für Feuerbachs Werk das Wesen des Christentums, das wir nachfolgend genauer behandeln, zunächst lobende Worte übrig: „Man muss die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer“ [1]. Die Zusammenfassend lässt sich die Wirkung Feuerbachs wie folgt beschreiben:

Wenn Karl Marx 1844 schreibt: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt“, dann sagt er dies vor allem mit dem Blick auf Ludwig Feuerbach, obwohl dessen epochemachendes Werk über »Das Wesen des Christentums« erst drei Jahre zuvor erschienen war. Nach dem Selbstverständnis der späteren Religionskritik hat Feuerbach den für sie entscheidenden Grund gelegt. [2, S. 78]

Denken wir an moderne Religionskritik müssen wir einsehen, dass Feuerbachs intellektuelle Leistung sich deutlich von dieser abhebt. Im heutigen Sinne der großen öffentlichkeitswirksamen Debatten über Gott haben wir es vor allem mit antireligiösen und oft polemischen Sticheleien bis Angriffen zu tun − man denke an Sam Harris, Christopher Hitchens, Richard Dawkins und weitere.

Religionskritik wird allzu oft auf eine Widerlegung religiöser Gottesvorstellungen reduziert. Sie wird wiederum von einer Ablehnung dogmatischer Rechtfertigungsversuche der Religionen getragen, die zu einer Verunglimpfung der Kategorien ›Gott‹, ›Religion‹ und ›Glaube‹ anführt.

Feuerbach können wir diesem Schema nicht zuordnen. Das Ziel seiner Religionskritik, d.h. genauer gesagt der Kritik am jüdisch-christlichen Glauben, war es nicht diese als Märchen zu entlarven, nur weil der Glaube für ihn selbst im persönlichen Sinne unmöglich war.

Die Ansätze Feuerbachs sind differenzierter. Er versteht Religionskritik vor allem als die Aufdeckung der natürlichen Grundlage von Religion. Für ihn ist sie nicht einfach Aberglaube, sondern hat einen Stellenwert, den es zu verstehen gilt, weil der Mensch durch die ihm innewohnenden Kräfte – d.h. Eigenschaften und Antriebe, die ihm wesentlich sind – zur Religion gekommen ist. Es gilt nach Feuerbach, dass „die Religion identisch mit dem Bewusstsein des Menschen von seinem Wesen ist.“ [3]

Feuerbach setzt sich einen Grundsatz seines Vorhabens einer Kritik an der Religion, den er wie folgt prägnant auf den Punkt bringt: „Ich aber lasse die Religion sich selbst aussprechen; ich mache nur ihren Zuhörer und Dolmetscher, nicht ihren Souffleur. Nicht zu erfinden – zu entdecken, Dasein zu enthüllen war mein einziger Zweck“ [3, S. 16f.].

Überraschend mag insbesondere die Position sein, dass für Feuerbach „Vernunft und religiöser Glaube nicht notwendigerweise und nicht immer im radikalen Gegensatz zueinander stehen“ [2, S. 79f.]. Feuerbach wird nicht primär davon geleitet einen Atheismus zu begründen, sondern den Menschen als religiös geprägtes Wesen zu untersuchen und damit zu zeigen wie dieser zur Religion gekommen ist.

Die vier Thesen Feuerbachs

Die Religionskritik Feuerbachs unterteilt sich in eine soziologische und eine psychoanalytische Form. Wir werden die zweite Variante behandeln, die man auch anthropologische Religionskritik nennen kann, weil sie das Wesen Gottes als das Wesen des Menschen aufdeckt. Gott ist nichts weiter als eine Projektion des Menschen.

Psychoanalytisch ist die Kritik insofern, als dass Sigmund Freund ihr einige Jahrzehnte später mit seiner Ideologie der Psychoanalyse eine psychologische Interpretation im Rahmen der Entstehung von Komplexen gibt. Religion sei nichts weiter als eine kollektive Neurose. Letztlich sei Gottesglauben in einem Vaterkomplex zu verorten, der uns dazu antreibt Trost und Schutz im Empfinden einer Figur des erhöhten Vaters zu suchen.

Freud, der sich mit Feuerbachs Werk intensiv auseinandersetzte, führt hiermit eine Reduktion des Glaubens vor, die bei Feuerbach selbst noch nicht dieselbe ausgeprägte Form hat − obwohl es der Kernthese folgend zunächst sehr ähnlich klingen mag:

Die Welt Gottes ist eine fantastische Fiktion, die wir aber mit dem Erfahrungsmaterial unserer eigenen Welt aufbauen [2, S. 83]. Der gläubige Mensch ist gebunden sowie entzückt an bzw. von einer Traumwelt. Er hält für wahr, was allein dem „Traum des menschlichen Geistes“ [4, S. 26] entsprungen und betet jene Vorstellung an, was nur ein „Gespenst der Fantasie ist“ [4, S. 83].

Diese Projektion geschieht nicht einfach grundlos, sondern baut auf mehreren Ursachen auf, die Feuerbach als Thesen festhält. Er unterscheidet in Summe vier Ursachen, die alle miteinander zusammenhängen und die menschliche Fantasie – den Ursprung der Religion – in Gang setzen.

Die erste Ursache verortet Feuerbach in eine Angst vor der eigenen Macht. Der Mensch sei erstaunt von seinen eigenen Kräften. Dazu zählen wir vor allem die seelischen und geistigen Kräfte, von denen wir getragen werden, die uns beflügeln und unser Leben bestimmen. Diese Macht scheint uns so unermesslich, dass wir sie nicht in uns, sondern außer uns vermuten. Letztlich steckt hier die alte cartesische Frage nach dem Ursprung des cogito: Wie kommt es, dass ich denke, und was ist dieses ›ich denke‹?

So kommt es zur Äußerung Feuerbachs, „es ist in dir über dir“ [4, S. 50], weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass diese enormen Kräfte unsere eigenen Kräfte sind. Der Mensch erschreckt sich davor sein eigenes Wesen, also sich selbst in diesen Kräften zu sehen, und auf diese Weise kommt es zur Spaltung in der Vorstellung geistiger und materieller Ebenen.

Auf diese Weise wird die eigentliche Einheit mit sich selbst zerstört und die eigenen Kräfte werden nach außen entäußert, und zwar auf etwas anderes, das der eigenen Vorstellung entspringt. Die Religion ist demnach ein Ergebnis mangelnder seelischer Integrationskraft [vgl. 2, S. 84].

Die zweite Ursache liege im Streben nach Absolutheit und Freiheit. Der Mensch erfährt sich selbst als ein abhängiges und begrenztes Wesen, das gleichzeitig doch nach Absolutheit strebt. Dieser Konflikt führt uns auf die Suche nach einem Trost, besser gesagt einer Macht, die uns aus diesem Dilemma heraushelfen kann.

Dies nennen wir Gott. Gott ist als eine solche Macht der Welt natürlich überlegen, denn schließlich gilt: „Das Bewusstsein der Welt ist das Bewusstsein meiner Beschränktheit.“ [4, S. 145]

Dieses Hinausdenken auf etwas, das uns retten soll, uns somit unsere Beschränktheit aufheben soll, ist im Kern die Erfahrung und Hoffnung der (jüdisch-christlichen) Religion. Wir verfallen in den Glauben, dass es einen Gott gibt, der unsere menschliche Beschränktheit überwindet: Entweder indem wir im Glauben an ein solches unbeschränktes Wesen selbst irgendwie daran Anteil nehmen oder tatsächlich mit einem ewigen Leben belohnt werden. Somit ist die Vorstellung der Existenz Gottes nichts weiter als die Existenz des Wunsches nach Absolutheit.

Im Unvermögen unsere geistige Beschränktheit zu akzeptieren, identifiziert Feuerbach die dritte Ursache. Die Beschränktheit des Menschen reicht auch in seinen Geist. Wir können viele Fragen nicht vernünftig erklären, wie zum Beispiel den Ursprung allen Lebens. Anstatt uns folglich einzugestehen, dass wir gewisse Dinge niemals wissen werden, erfinden wir eine willkürliche Rechtfertigung, eben Gott. So schreibt Feuerbach:

„Aber statt so ehrlich und bescheiden zu sein, schlechtweg zu sagen: Ich weiß keinen Grund, ich kann es nicht erklären, mit fehlen die data, die Materialien, verwandelst du diese Mängel, diese Negationen, diese Leerheiten, diese Poren deines Kopfes vermittelst der Phantasie in positive Wesen, in Wesen, die immaterielle, d.h. keine materiellen, keine natürlichen Wesen sind, weil du keine materielle, keine natürlichen Ursachen weißt.“ [4, S. 102]

Zuletzt sieht Feuerbach die Religion als Phase menschlicher Kultur, die eine vierte Ursache darstellt. Feuerbach verdeutlicht, dass die Entwicklung einer Religion in der Geschichte der Menschheit unvermeidlich war, heute aber wieder ins Rechte zurechtgewiesen werden müsse. Dem einzelnen Menschen mangelt es an der nötigen Hinwendung zu seiner eigenen Gattung. Ihm fehlt es ebenso an Vertrauen zu sich selbst, zu den Menschen.

Aber wo dem Menschen nicht die Gattung als Gattung Gegenstand ist, da wird ihm dann die Gattung als Gott Gegenstand. [4, S. 247]

In der Entwicklung der Religion offenbart sich das kindliche Wesen des Menschen: Der Mensch verlegt sein Wesen zuerst außer sich, ehe er es in sich findet [vgl. 4, S. 53]. Wichtig ist aber auch, dass der Mensch diese Projektion wieder zurücknimmt, also auf sich selbst bezieht und somit sein wahres Wesen erkennt – dies ist der Idealfall:

„Dass der Mensch auf sich selbst schaut, wenn er von Gott spricht, liegt für Feuerbach beispielsweise im Glauben an die Allmacht Gottes oft zutage. In ihm wird nämlich nicht angenommen, dass Gott schlechthin alles tun könne, sondern allein das, was auch uns vernünftig erscheint. Andernfalls würden wir den Absurditäten Tür und Tor öffnen.“ [2, S. 86]

Gott als eine Projektion des Menschen aufzufassen, erzeugt automatisch den Modus einer Rivalität zwischen Gott und Mensch. Der Vergleich oder die Entgegensetzung Gottes zum Menschen bringt eine Reihe radikaler Kontraste. Ohne im Detail darauf einzugehen, muss es offensichtlich werden, dass Gott laut Feuerbach die unendliche Potenzierung menschlicher Attribute ist. Sie beide sind demnach zwei Extreme, zwei gegensätzliche Pole: „Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist.“ [4, S. 80]

Der Glaube an eine Offenbarung zeigt an dieser Stelle besonders deutlich wie sehr der religiöse Mensch sich selbst negiert, indem er daran festhält, dass er niemals aus eigener Kraft zum Heil gelangen könne, sondern die helfende Hand Gottes benötige. Nietzsche greift einige Jahrzehnte später diesen Aspekt der Ohnmacht des Menschen explizit auf.

Ausblick der Kritik Feuerbachs

Feuerbach wandelt die Religion mit ihrer Ausarbeitung in der Theologie und praktischen Anwendung im Gottesglauben in ein Verhältnis des Einzelnen zu seiner Gattung und damit als ein Produkt des Menschen um. Die Umkehrung der Schöpfungsreihenfolge aus Genesis 1, 26 erhält hier ihren Sinn: Aus ›Gott schuf den Menschen‹ wird ›der Mensch schuf Gott‹.

Feuerbach bestimmt die christliche Religion allgemein als „Verhalten des Menschen zu sich selbst oder richtiger: zu seinem (und zwar subjektiven) Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einen andern Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, gereinigt, befreit von den Schranken des individuellen Menschen, verobjektiviert, d.h. angeschaut und verehrt, als ein andres, von ihm unterschiedenes eigenes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum menschliche Bestimmungen“. [4, S. 48f.]

Das Instrument mit dem der Mensch dies bewerkstelligt, jenes „ausgezeichnete Organ, mit dem die religiösen Empfindungen zu anschaulichen Bildern und Symbolen schematisiert werden“, offenbart sich für Feuerbach als die Fantasie [5, S. 67]. Das heißt jedoch nicht, dass Religion völlig sinnlos wäre, sondern nur etwas, das man schlicht in seiner tatsächlichen Bedeutung sehen muss.

Feuerbachs Versuch lautet dem Glauben „seine Besonderheit, seine Parteilichkeit, seine Autoritäts-Gebundenheit, seine Jenseits-Orientierung, seinen Heils-Individualismus zu nehmen und ihn als allgemein mitteilbare, plausible und schließlich die Menschen über alle Gruppierungen hinweg verbindende Erkenntnis dazulegen.“ [2, S. 90]

Schlussendlich kann man Feuerbachs Vorhaben in Summe also als ein Projekt beschreiben, das die Religion zuletzt in eine Anthropologie, eine Hinwendung zum Menschen verwandelt. Aus einem Glauben an einen übernatürlichen, übermenschlichen Gott soll sich die zukünftige Gesellschaft auf das Wesen des Menschen rückbesinnen.

Die Kräfte, die in den Prozess der Projektion fließen, sollen in eine „Depotenzierung der Religion in Liebe (oder respektive Moral)“ fließen [5, S. 74]. Die Philosophin Christine Weckwerth beschreibt es wie folgt:

„Die Auflösung der Theologie in Anthropologie ist für ihn der Schlüssel, den kulturellen Prozess allgemein auf dem menschlichen Gattungswesen zu begründen. An die Stelle Gottes – des Geistes – tritt bei ihm der konkrete, wirkliche Mensch, der, in einen Wesensbezug sowohl zur gegenständlichen Welt als auch zur Welt seines Mitmenschen gefasst, den Status einer neuen einheitsstiftenden Mitte erhält.“ [5, S. 8]

Feuerbach schrieb seine Theorie bezogen auf die Gesellschaft der Zukunft. Wir haben das schon an der Stelle gesehen, wo er die Entwicklung der Religion als einen notwendigen Punkt der Menschheitsgeschichte erklärte. Diese Zeit sei jedoch vorbei.

Es soll eine neue Ära anbrechen, in welcher der Mensch sich auf sich selbst besinnt. Die Frage bleibt bis heute bestehen, wie die Depotenzierung der Religion in gesellschaftliche Verhältnisse gelingen kann.


Quellen und Verweise

Titelbild: William Blake, Spectre over Los in Plate 6 of Jerusalem: The Emanation of the Giant Albion Copy E, zwischen 1804 und 1820, CCO, Ausschnitt.

[1] Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke. Band 21, Berlin: 1981, S. 272.

[2] Zirker, Hans: Religionskritik. Düsseldorf: Patmos Verlag, 1982.

[3] Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke. Schuffenhauer, Werner (Hrsg.). Berlin: Akademie Verlag, Band 5, S. 29.

[4] Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentum, in: Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke. Schuffenhauer, Werner (Hrsg.). Berlin, 1967ff.

[5] Weckwerth, Christine: Ludwig Feuerbach zur Einführung. Hamburg: Junius, 2002.

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