Der Epikureismus ist eine philosophische Strömung, die oft zu wenig Beachtung erhält oder zu oberflächlich behandelt wird. In diesem Artikel behandeln wir deshalb die Grundlagen der epikureischen Philosophie, vor allem der Physik und Ethik, und räumen einige Missverständnisse aus, wenn es um die Frage nach dem guten Leben gemäß Epikur geht.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Die Ethik des Epikureismus
  2. Das Prinzip des Hedonismus
  3. Epikur zur Tugendhaftigkeit
  4. Warum der Tod keine Bedeutung für uns hat
  1. Welche Prinzipien hat Epikurs Ethik?
  2. Was versteht Epikur unter Lust?
  3. Was sagt Epikur zur Tugendhaftigkeit?
  4. Wie argumentiert Lukrez für die Irrelevanz des Tods?

Die Ethik des Epikureismus

Im ersten Teil haben wir einige grundlegende Bemerkungen zum Weltbild des Epikureismus behandelt. Im Folgenden gehen wir genauer auf die Ethik des Epikureismus ein, die auf diesem Weltbild basiert.

Der Epikureismus begreift Philosophie primär als einen Weg, der auf das Bestimmen und Erlangen der richtigen Lebensführung abzielt. Da jeder nun eine richtige Lebensführung anstrebt, ist Philosophie im Grunde nichts anderes als eine Lehre, wie man den besten Lebensweg beschreitet.

Wie bereits gezeigt, gehört zur sekundären Aufgabe der Philosophie, all jenes zu beseitigen, was uns daran hindert, die richtige Lebensführung zu bestimmen und umzusetzen. Insofern hat Epikurs Philosophie einen therapeutischen Charakter.

Sie wird eingesetzt, um Andere von ihren irrationalen Vorstellungen zu befreien, ihre Furcht etwa vor den Göttern oder dem Tod zu beseitigen und insgesamt eine Lebensart herzustellen, die zum einen Lustvolles zu schätzen, zum anderen Schmerzhaftes zu überwinden weiß [1].

Das gesamte epikureische Naturverständnis ist Mittel zum Zweck für eine Ethik, die auf vier Grundpfeilern beruht, wovon wir die ersten beiden bereits behandelt haben. An erster Stelle steht die Entmystifizierung der Welt, indem sogenannte Wunder und die Vorstellung des Einflusses der Götter auf unser Leben beseitigt werden. An zweiter Stelle ist das Verständnis der Philosophie als Lebensweg mit dem Ziel der Therapie zu nennen.

Nachdem fehlerhafte Vorstellungen über das gute Leben und die Beschaffenheit der Welt abgelegt wurden, müssen neue inhaltliche Bestimmungen der eigenen Lebenspraxis her – diese bilden den dritten und vierten Pfeiler, nämlich dass Lust das höchste Gut im Leben ist, und die größte Lust in dem zu finden ist, was man Ataraxie, also Unerschütterlichkeit oder Seelenruhe, nennt.

Den dritten Pfeiler, also dass Lust das höchste Gut ist, bezeichnet man als Prinzip des Hedonismus. Der vierte ist schlicht eine konkrete Antwort darauf, wie die Eudaimonia – also die Glückseligkeit – inhaltlich gefüllt ist.

Für Epikur ist das Prinzip des Hedonismus axiomatisch. Es ist also unmittelbar einleuchtend und lässt sich selbst nicht gut begründen. Dies ist tatsächlich weniger eine Schwierigkeit als die Frage danach, was mit Lust eigentlich gemeint ist. Spätestens an dieser Stelle wird der Epikureismus beträchtlich missverstanden.

Das Prinzip des Hedonismus

Die oberflächliche Deutung des Hedonismus versteht diesen als ein blindes Streben nach allem, was die Lust steigert, und das ohne Prinzip und Regel. Doch diese Vorstellung könnte eigentlich nicht ferner vom epikureischen Hedonismus sein. Ein solcher naiver Hedonismus verwischt nämlich die Tatsache, dass Lust nicht gleich Lust ist und vor allem, dass Lust immer in einem spezifischen Verhältnis zu seinem Gegenteil steht, das wir besonders meiden, nämlich Schmerz.

Körperliche Lust ist definitiv verschieden von seelischer bzw. psychischer Lust und ebenso ist andauernde Lust anders als schwankende. Die Regel liegt nach kurzer Überlegung auf der Hand: psychische Lust ist wertvoller als körperliche, andauernde Lust wertvoller als schwankende.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten dies zu begründen. Eine besteht darin, sich die jeweiligen Einflussbereiche vor Augen zu führen: körperliche Lust ist stets gegenwärtig, sie ist schnell vergessen und kann nicht direkt erinnert werden – anders verhält es sich bei psychischer Lust, denn sie kann sowohl gegenwärtig sein als auch durch die Erinnerung an das bereits erlebte Gute abgerufen werden. Auf diese Weise wird über die psychische Lust bei Epikur die Dankbarkeit zu einem Grundbaustein des glückseligen Lebens [vgl. Plutarch: Moralia, 778 c].

Dass andauernde Lust wertvoller ist als schwankende, ergibt sich aus der Überlegung, dass Schwankungen der Lust immer damit verbunden sind, Phasen durchlaufen zu müssen, die als Mangel an Lust empfunden werden. Deshalb sei es für das glückselige Leben besser, ein relativ konstantes Maß an Lust zu durchleben, anstatt ständig von Höhen in Tiefen zu fallen.

Es geht bei der Erfüllung unserer Bedürfnisse nämlich nicht darum, diese besonders üppig zu stillen, sondern so, wie sie es natürlicherweise einfordern. Aus diesem Grund lautete das Grußwort Epikurs zu Gästen, die den Garten seiner philosophischen Schule besuchten: ›Diese Gärtchen regen den Hunger nicht an, sondern stillen ihn‹ [2].

Der epikureische Hedonismus ist deshalb keineswegs ausfallend, vulgär und primitiv, wie es ihm oft aus verschiedenen Gründen vorgeworfen wurde. Dem entgegen ist er im Grunde bescheiden und einfach:

Die Unruhe der Seele auflösen oder bedeutsame Freude erzeugen, das kann weder der Besitz größter Reichtümer noch die Wertschätzung und Bewunderung seitens der Leute noch sonst irgendetwas von diesen Dingen, deren Grundlage unsicher ist. [3]

Epikur zur Tugendhaftigkeit

Nicht einmal die Tugendhaftigkeit negiert Epikur. Dies ist wahrscheinlich die wichtigste Bemerkung zu seinem Lustprinzip: Es gibt für Epikur keine Lust ohne Tugend, aber Tugend allein führt noch nicht zum glücklichen Leben. Es ist die Lust an der Tugend, die hierfür zählt [vgl.: 4, S.53].

Ohne die Tugend der Klugheit, mit der wir unsere Begierden und Triebe steuern, sodass wir die eben genannten Prinzipien zum richtigen Umgang mit Lust einhalten, ist es uns nicht möglich, ein glückseliges Leben zu führen. Klugheit, so könnte man sagen, besteht darin, unsere eigenen Interessen klar wahrnehmen zu können. Darüber hinaus sind auch andere Tugenden wie die Gerechtigkeit mit dem Epikureismus vereinbar.

Die Idee ist simpel: Indem wir auf tugendhafte Weise leben, gewinnen wir eine höhere Form der Lust und befördern damit auf indirektem oder auch direktem Weg unsere Seelenruhe. So heißt es im Falle der Gerechtigkeit, dass der gerechte Mensch – da er nichts zu verbergen hat – in jedem Fall eine größere innere Ruhe besitzt als der Ungerechte [vgl.: Epikur: Kyriai doxai, 17].

Dies kann man für jede Tugend weiterführen, doch ich belasse es mit der Weisheit. Die Ausbildung unserer Weisheit ist im Kern dafür tragend, dass ein weiterer Grundbaustein des glückseligen Lebens zustande kommen kann, nämlich die Freundschaft: „Von allem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des gesamten Lebens zur Verfügung stellt, ist das bei Weitem Wichtigste der Gewinn der Freundschaft“ [Kyriai doxai, 27].

Auch die Freundschaft ist laut Epikur aufgrund der Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, axiomatisch zu verstehen. Man könne sie genau wie die Tugend nicht von der Lust trennen. Zugeben muss man, so Epikur, dass jede Freundschaft zwar um ihrer selbst willen gepflegt wird, aber nie ohne einen Nutzen beginnen kann.

Zugleich ist es dieser Nutzen, der sich als passive Komponente einer Freundschaft fortspinnt, und zwar als die Gewissheit, dass man sich auf den anderen verlassen kann, wenn man Hilfe braucht [vgl.: 3, 23 und 34]. Diese Gewissheit ist deshalb wichtig, weil sie unsere Furcht vor zukünftigen Problemen, Schicksalsschlägen und dergleichen auf andauernde Weise lindern kann und nicht nur, sobald diese tatsächlich eingetreten sind.

Wenngleich die Freundschaft eine wichtige Rolle für Epikur spielt, tut es die nächstgrößere soziale Ebene, nämlich die Gemeinschaft und Politik, nicht. In den epikureischen Lehrsätzen heißt es explizit, dass der Weise weder Politik betreiben noch herrschen wird [vgl.: 4, S.46].

Von Epikur ist damit zusammenhängend die Maxime ›Lebe im Verborgenen!‹ verblieben. Auch wenn keine Zweifel daran bestehen, dass er die ethische Vorstellung eines apolitischen und abgesonderten Lebens tatsächlich vertrat, ist sein Lehrsatz ohne Kontext über Plutarch – einem Gegner Epikurs und Anhänger des Platonismus – in die heutige Zeit eingegangen. Wir wissen nicht, wie Epikur für seine Maxime argumentiert hat.

Plutarch kritisiert in seinem Werk Moralia die epikureische Vorstellung der Ethik und sucht einen Weg zurück zu Platon. Besonders kritisiert er die Vorstellung von der Sterblichkeit der Seele und der eben erwähnte Lehrsatz, dass man ein Leben im Verborgenen führen solle [5]. Zugleich macht er uns darauf aufmerksam, dass Epikur ein politischen Leben nicht kategorisch ablehnt, und zwar in dem Fall, wenn man daraus Lust bezieht [vgl.: ebd. S.465f.].

Warum der Tod keine Bedeutung für uns hat

Neben Epikurs Aussagen über die Entmystifizierung der Natur, Lust und Schmerz, ist doch die über die Belanglosigkeit des Tods für unser Leben am erstaunlichsten. Wie kommt Epikur zu dieser Aussage? Sie basiert auf einem Symmetrieargument, das uns glücklicherweise erhalten geblieben ist. Eine mögliche Ausführung der Argumentation findet man bei Lukrez, die zusammengefasst wie folgt funktioniert:

Die erste Prämisse lautet: Vor unserer Geburt existieren wir nicht. Die zweite Prämisse schließt daran an – sie lautet: Nach unserem Tod existieren wir nicht. Daraus kann man die dritte Prämisse ableiten, dass nämlich die Zustände vor unserer Geburt und jener nach unserem Tod ähnlich sind.

Unabhängig davon scheint es plausibel, anzunehmen, dass unter der Bedingung hinreichender Ähnlichkeit zweier Dinge, es keinen guten Grund gibt auf sie verschieden zu reagieren – dies besagt die vierte Prämisse. Gleichzeitig verhält es sich der fünften Prämisse entsprechend offensichtlich so, dass wir uns nicht vor dem fürchten, was vor der Geburt war.

Die Konklusion muss demnach lauten, dass es keinen guten Grund gibt, uns vor dem zu fürchten, was nach dem Tod kommt [6]. Einfacher formuliert, findet man das Argument zumindest in Grundzügen im Brief an Menoikeus: „Das schauderhafteste aller Übel, der Tod, hat für uns also keine Bedeutung. Denn solange wir ja da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, werden wir nicht mehr da sein“ [7].

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Anmerkungen zur Quellenlage
  3. Grundlagen des Epikureismus
  4. Die Ethik des Epikureismus
  5. Warum der Tod keine Bedeutung für uns hat
  6. Fazit
  1. 00:00 – 01:40
  2. 01:41 – 04:50
  3. 04:51 – 11:19
  4. 11:20 – 20:29
  5. 20:30 – 22:49
  6. 22:50 – Ende
Wir bedanken uns herzlich für das Zuhören! Narabo, der Podcast und weitere Projekte sind für uns nur durch deine Unterstützung möglich. Narabo erhält kein Sponsoring und schaltet keine Werbung. Um unsere Arbeit fortführen zu können, stützen wir uns auf Spenden von unseren Zuhörern und Lesern. Hier kannst du uns einen Kaffee spendieren.

Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Roskam, G.: A Commentary on Plutarch’s De Latenter Vivendo. Leuven: Leuven University Press, 2007, S.18f.

[2] Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, 21, 10. Zitiert nach Hackemann, 2011, S.9.

[3] Epikur: Gnomologicum Vaticanum Epicureum, Nr.81. Zitiert nach Hackemann, 2011, S.59.

[4] Vgl.: Laertius, D.: Das Leben und die Lehre Epikurs. Buch X. Kochalsky, A. (Üb.). Berlin/Leipzig: Teubner, 1914, S.11f.

[5] Vgl.: Plutarch: Adversus Colotem, 1126 b – 1127 e, in Moralia.

[6] Vgl.: Steven, L.: Zwei Beweise für die Harmlosigkeit des Todes, in: Bruce, M.; Barbone, S. (Hrsg.): Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Conrad, M. (Üb.). Darmstadt: WGB, 2012, S.95-98.

[7] Epikur: Brief an Menoikeus, 125. Zitiert nach Hackemann, 2011, S.70.