Der Epikureismus ist eine philosophische Strömung, die oft zu wenig Beachtung erhält oder zu oberflächlich behandelt wird. In diesem Artikel behandeln wir deshalb die Grundlagen der epikureischen Philosophie, vor allem der Physik und Ethik, und räumen einige Missverständnisse aus, wenn es um die Frage nach dem guten Leben gemäß Epikur geht.

INHALTLEITFRAGEN
  1. Anmerkungen zur Quellenlage
  2. Grundlagen des Epikureismus
  3. Entmystifizierung der Welt
  1. Woher wissen wir etwas über den Epikureismus?
  2. Welches Weltbild beinhaltet der Epikureismus?
  3. Was ist für Epikur die Rolle der Physik?

Anmerkungen zur Quellenlage

Der Epikureismus ist benannt nach dem antiken griechischen Philosophen Epikur. Dieser lebte von 341-270 vor unserer Zeitrechnung und besitzt einen etwas gespaltenen Ruf, wie wir noch nachvollziehen werden [1].

Dieser Artikel korrespondiert mit der vierten Podcast-Folge zur Einführung in die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem guten Leben. Den Link zum Podcast findest du am Ende des Artikels. Im Folgenden klären wir die Grundgedanken des Epikureismus und betrachten die damit zusammenhängende Argumentation, dass der Tod keine Bedeutung für uns habe.

Zunächst jedoch einige Anmerkungen zur Quellenlage: Von Epikur sind uns in vollständiger Form lediglich drei Briefe erhalten geblieben. Von diesen ist aus heutiger Sicht der Brief an seinen Schüler Menoikeus am interessantesten, der Epikurs Ethik umfasst.

Überhaupt wissen wir über Epikur und darüber hinaus über viele weitere Philosophen nur etwas aus zweiter Hand durch den antiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertios, der in seinem Werk Leben und Meinungen berühmter Philosophen, das wahrscheinlich im 3. Jahrhundert entstand, eine üppige Fülle an Informationen gesammelt hat [2].

Von ihm wissen wir zum Beispiel, dass Epikur mindestens 40 Abhandlungen verfasst hat, wovon sein Hauptwerk mit dem Titel Über die Natur nur noch in Fragmenten vorhanden ist. Die Rekonstruktion der Lehre Epikurs ist deshalb lediglich über den größeren Zusammenhang der von ihm begründeten Schule und deren Schüler möglich.

Leider ist auch hier die Quellenlage nicht besonders üppig. Hinzu kommt, dass Epikurs Lehre bereits unter Zeitgenossen und darüber hinaus starker Kritik ausgesetzt war, die teils auch in den Wiedergaben und Überlieferung seiner Lehre Eingang gefunden hat.

In der Spätantike wurde dem Epikureismus durch das Erstarken des Christentums dann der Todesstoß versetzt, weil dieser mit der christlichen Dogmatik nicht in Einklang gebracht werden konnte. Der Kirchenvater Hieronymus warf Lukrez, dem Verfasser der Hauptquelle des Epikureismus, ein zügelloses Luststreben und Atheismus vor und verbreitete die sehr wahrscheinlich erfundene Geschichte, dass dieser durch einen Liebestrank wahnsinnig geworden sei und sich umgebracht habe [1, S.193].

Grundlagen des Epikureismus

Bereits mit dem Tod von Aristoteles begann die antike griechische Philosophie sich immer weiter von der Naturforschung fortzubewegen, stattdessen aber die Ethik, also die Untersuchung der richtigen Lebensführung, in den Vordergrund zu stellen.

Die bis dato klassischen Disziplinen der Philosophie wie Logik, Metaphysik und Naturforschung spielen im Epikureismus deshalb nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind ausschließlich insofern von Bedeutung, als dass sie eine Vorstufe zur Ethik darstellen.

Wenn die bangen Fragen über die Dinge da droben und über den Tod, ob er uns nicht vielleicht doch etwas angehe, sowie das Nichtwissen der Grenzen der Schmerzen und Begierden uns nicht beunruhigten, so hätten wir wohl keine Naturlehre nötig. [2, S.55]

Die Logik lehrt uns, Fehler im Denken zu finden und daher Wissen von Unwissen zu trennen. Ohne eine fundierte Logik, begehen wir Irrtümer, die uns bei der Untersuchung der richtigen Lebensweise täuschen. Die Physik hat die Aufgabe, unser Handeln der richtigen Weise entsprechend zu leiten, denn dieses hängt maßgeblich davon ab, woraus die Welt besteht und wie sie funktioniert.

Wenn wir etwa glauben, dass die Natur bestimmte Zwecke verfolgt, oder dass es Götter gibt und so weiter und so fort, dann sollte dies uns darin beeinflussen, wie wir handeln und leben [5]. Wie genau dies im Konkreten bei Epikur umgesetzt wird, betrachten wir im nächsten Abschnitt.

Die Grundlage des Epikureismus ist eine Kombination aus einem Materialismus, Atomismus und Indeterminismus bezüglich der Natur. Ein materialistisches Weltbild besagt, dass alles, was existiert, aus Materie besteht und auf diese zurückzuführen ist. Demnach gibt es nichts Immaterielles und alles, was wir als solches auf den ersten Blick auszeichnen könnten – etwa geistige bzw. psychische Prozesse – sind letztlich auch irgendwie materiell manifestiert.

Wie der Begriff der Materie inhaltlich befüllt ist, besagt der Atomismus. Laut Epikur gibt es zwei ontologische Kategorien, nämlich den unendlichen leeren Raum und Atome [4, S.18]. Letztere existieren in endlich vielen Variationen, von denen es jeweils aber unendliche viele gibt. Die Atome gehen untereinander Verbindungen ein, wodurch sie komplexere Strukturen bilden und die für uns wahrnehmbare Welt bilden – die Atome selbst sind nämlich unsichtbar.

Was wir in der Welt an Phänomenen und Vorgängen wahrnehmen, kommt durch die Interaktionen bestimmter Atomverbindungen zustande. Bis zu diesem Punkt folgt Epikur dem eigentlichen Begründer der Atomismus, nämlich Demokrit. Ihre Auffassung des atomistischen Materialismus spaltet sich jedoch an einer entscheidenden Frage: Wenn alles aus Atomen besteht, die nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten interagieren, ist die Welt dann determiniert?

Für Demokrit gewiss und wenn es uns so nicht erscheint, dann liege dies an unserem Unwissen – Epikur lehnt diese Position dagegen ab. Atome sind für ihn inhärenten Schwankungen des Zufalls ausgesetzt, wodurch es zu Fluktuationen in den eigentlich vorgeschriebenen kausalen Gesetzmäßigkeiten kommt. Auf diese Weise entkommt Epikur einem starken Determinismus und lässt Raum für den freien Willen des Menschen [6].

Zusammenfassend ist die epikureische Physik in ihrem Kern ein Vorläufer unserer modernen Naturwissenschaften und des damit verbundenen Weltbilds, weshalb die Auseinandersetzung mit dem Epikureismus besonders fruchtbar sein kann. Wir müssen nämlich nicht zuerst ein antikes Weltbild mit all seinen Irrtümern an unseres angleichen und dabei die getroffenen Implikationen völlig neu denken.

Dies ist besonders wichtig, da der Kanon von Logik, Physik und Ethik in der antiken Philosophie in der Regel ineinander verwoben war – betrachten wir also die epikureische Ethik, steht sie den Prämissen unseres modernen physikalischen Weltbilds nicht grundsätzlich fern.

Entmystifizierung der Welt

Wie bereits erwähnt haben Logik und Physik für Epikur aber keinen besonderen Eigenwert. Ihre Funktion entfaltet sich als eine Vorstufe für eine bestimmte Art von Ethik. Mit dem atomistischen und zugleich nicht-deterministischen Weltbild stellt sich Epikur direkt gegen die zu seiner Zeit oft übliche Naturphilosophie, die Göttern und dem Immateriellen eine besondere Rolle zukommen lässt.

Gemäß dieser verbreiteten Meinung hängt das Gelingen unseres Lebens, insgesamt die Möglichkeit ein gutes Leben führen zu können, auch von Einflussfaktoren ab, die uns nicht zugänglich sind. Die Konsequenzen sind, dass man Furcht vor den Göttern haben, beten und Opfer erbringen müsse, um gut leben zu können.

Dies lehnt Epikur strikt als Aberglauben ab [6]. Dass Menschen sich in ihren Erklärungen der Welt in schicksalhafte Notwendigkeiten, geistige Wesen und dergleichen flüchten, hängt nach Epikur schlicht damit zusammen, dass sie die Physik nicht verstehen. Solange Menschen sich die Welt nicht logisch herbeiführen können, brauchen sie die Götter, deren Existenz Epikur letztlich gar nicht bezweifelt.

Auch für Epikur gibt es Götter. Sie sind aber schlicht vollkommen glückselige Wesen, die weder Schöpfer der Welt sind noch irgendeinen Einfluss auf unser Leben haben. Die Götter mischen sich deshalb nicht in menschliche Belange ein, weil dies unvereinbar mit ihrer vollkommenen Glückseligkeit wäre [7]. Es gibt also keinen Grund, Furcht vor den Göttern zu haben oder ihnen Eigenschaften anzuhängen, die bei genauerer Überlegung unvereinbar mit ihrer Glückseligkeit sind.

Genau das ist ein Hauptaspekt der epikureischen Physik: Ihr Ziel ist es, die Illusion von Übernatürlichem zu beseitigen und den Menschen ihre Gottesfurcht zu nehmen. Dies soll zur Realisation hinleiten, dass jenes höchste Gut, das der Mensch sucht – nämlich Glückseligkeit – einzig in seinen Händen liegt.

Wenn wir uns von den Göttern befreien, von unserem Aberglauben und Ideen des Schicksals losmachen, werden wir mündig und sehen ein, dass das menschliche Glück auch einer menschlichen Praxis unterliegt. Zusammenfassen kann man dies wie folgt:

Immer und überall soll dir das viergliedrige Heilmittel zur Hand sein: Die Gottheit braucht keinen Schrecken zu erregen, der Tod keine Furcht, das Gute ist leicht zu beschaffen, das Schlimme aber leicht zu ertragen. [8]

Hiermit haben wir die Grundlagen des Epikureismus in groben Zügen behandelt. Auf die Ethik des Epikur gehen wir im zweiten Teil ein.

INHALTZEIT
  1. Einleitung
  2. Anmerkungen zur Quellenlage
  3. Grundlagen des Epikureismus
  4. Die Ethik des Epikureismus
  5. Warum der Tod keine Bedeutung für uns hat
  6. Fazit
  1. 00:00 – 01:40
  2. 01:41 – 04:50
  3. 04:51 – 11:19
  4. 11:20 – 20:29
  5. 20:30 – 22:49
  6. 22:50 – Ende
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Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Marcuse, L.: Ein Panorama europäischen Geistes. Band I. Zürich: Diogenes, 1984, S.121f.

[2] Vgl.: Laertius, D.: Das Leben und die Lehre Epikurs. Buch X. Kochalsky, A. (Üb.). Berlin/Leipzig: Teubner, 1914, S.11f.

[3] Horaz: Epistula, 1, 4.

[4] Vgl.: Lukrez: On the Nature of Things. Munro, H.A.J. (Üb.). London: George Bell & Sons, 1908.

[5] Vgl.: Störig, H.: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag, 1995, S.198f.

[6] Vgl.: Epikur: Brief an Herodotos. Zitiert nach: Hackemann, M. (Üb.): Epikur. Der Weg zum Glück. Köln: Anaconda, 2011, S.94ff.

[7] Vgl.: Cicero: De natura deorum, 1, 53-56.

[8] Philodemus: Herculaneum Papyrus, 1005, 4, 9-14. Zitiert nach Hackemann, 2011, S.9.