Narabo-Einführung-in-die-Philosophie-der-Stoa

Affektlosigkeit, Gelassenheit, Standhaftigkeit, Ruhe … Wenn wir im heutigen Sprachgebrauch von stoischen Tugenden sprechen, können wir damit sogleich das Symbol einer Steinmauer assoziieren. Die philosophische Schule der Stoa lehrte tatsächlich die Kunst dessen, was wir aus heutiger Sicht wohl Resilienz nennen würden. Alle ihre zeitlosen Weisheiten sind selbst für den Menschen des 21. Jahrhunderts eine Stütze für das eigene Leben.

INHALT LEITFRAGEN
  1. Begründer und Wirkgeschichte
  2. Entwicklung des stoischen Systems
  3. Charakter der stoischen Philosophie
  4. Die frühe stoische Ethik
  5. Gleichgültigkeiten des Lebens
  6. Die späte stoische Ethik
  7. Einblicke in einige bekannte Stoiker
  8. Seneca, Marc Aurel, Epiktet
  1. Wer hat die antike Schule der Stoa gegründet?
  2. Welchen Einfluss haben die Stoiker verzeichnet?
  3. Wie lautet das Weltbild der Stoiker?
  4. Welche Aspekte beinhaltet die Ethik der Stoa?
  5. Was sagen uns verschiedene Stoiker über einige zentrale Aspekte des Lebens?
  6. Was ist die Essenz der stoischen Lehre?

Begründer und Wirkgeschichte

Der griechische Ausdruck Stoa (Στοά) bezieht sich ursprünglich auf ein öffentliches Gebäude Athens, die stoa poikile und bedeutet zunächst nichts anderes als bemalte Säulenhalle.

Der Begründer der stoischen Philosophie, bekannt unter dem Namen Zenon von Kition (~ 340 – 260 v.u.Z.) begann dort um circa 300 v.u.Z. seine Lehrtätigkeit, woraus schließlich der Name Stoa abgeleitet wurde. Die philosophische Denkschule der Stoa bildet eine der wirkungsmächtigsten Lebenshaltungen in der europäischen Geschichte.

Die Gesamtwirkung der stoischen Weltanschauung auf die Menschen der (nach-)hellenistischen Epochen war schlicht gesagt gewaltig. Zu sehen ist dies zum Beispiel am Fakt, dass die stoischen Lehren insgesamt ein halbes Jahrhundert vertreten wurden und selbst in der Neuzeit rege Diskussion verursachten.

Einer der fundamentalen Hauptstützpfeiler stoischer Philosophie, die Rationalität, führte in der Spätrenaissance zu einem gewaltigen Wiederaufleben des antiken Stoizismus durch den Neostoizismus, der große Figuren wie René Descartes, Immanuel Kant und Baruch de Spinoza beeinflusste. Damit reicht die Einwirkung der stoischen Lehre weit über ihre historischen Grenzen hinaus.

Gerade dem einzelnen Menschen, der den Trost der Religion längst als bedeutungslos zu beginnen empfunden hatte, wurden die stoischen Prinzipien ein fester Halt und eine innere Sicherheit gegenüber den Mysterien und Erschwernissen des Lebens.

Was die Attraktivität der stoischen Lebenseinstellung ausmacht, ist hauptsächlich der Fakt, dass diese der Seele des Menschen Frieden und innere Ruhe gegenüber den Schrecken der Realität – vor allem gegenüber dem Tod – vermitteln konnte. Der antike Philosoph und Anhänger der älteren Stoa Epiktet drückte Letzteres wie folgt aus:

Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern nur die Vorstellung von den Dingen. So ist z.B. der Tod nichts Furchtbares, sondern die Vorstellung, er sei etwas Furchtbares ist das Furchtbare. Wenn wir also bedrängt, unruhig oder betrübt sind, wollen wir die Ursache nicht in etwas anderem suchen sondern in uns und unseren Vorstellungen [1].

Entwicklung des stoischen Systems

Zeitgleich zur Begründung des Stoizismus entstand eine weitere unsagbar zentrale Denkschule der Antike, nämlich der Epikureismus hervorgebracht durch seinen Namensgeber Epikur (341 – 270 v.u.Z.). Wenn man den Stoizismus nun richtig zu verstehen versucht, muss man ihn im direkten Vergleich zum Epikureismus betrachten, da die beiden Lehren praktisch im Gegensatz zueinander stehen.

Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Weiterentwicklung beider Denkschulen. Obschon der Epikureismus während seiner ganzen Wirkgeschichte kaum Veränderungen annahm, vollzog die stoische Schule einen solchen Wandel, dass man die ersten Stoiker mit den letzten in einigen Punkten kaum mehr vergleichen kann. Aus diesem Grund unterscheidet man klassischerweise drei Perioden:

  1. Alte Stoa (300 – 129 v.u.Z.): Zenon von Kition, Kleanthes und Chrysippos
  2. Mittlere Stoa (180 – 51 v.u.Z.): Panaetios und Poseidonios
  3. Jüngere Stoa (1 – 180 n.u.Z.): Seneca, Epiktet und Marc Aurel

Wie eigentlich alle antiken Denkschulen hatten der Stoizismus und Epikureismus eine Orientierung auf die Praxis der Lebensführung und in diesem Sinne ein gemeinsames Ziel: weise zu leben. Ihre Gegensätzlichkeit ensteht erst durch die gewählte Methode zur Erfüllung dieses Ziels. Die Epikureer versuchten nach dem Lust-Prinzip zu leben, das heißt Glück und Lust zu erlangen und Schmerzen zu vermeiden. Die Stoa fällten hingegen keinen Unterschied zwischen Lust und Schmerz und wählten daher die Pflicht und Affektlosigkeit als Lebensprinzip.

Charakter der stoischen Philosophie

Die Stoiker teilen ihr System mit einer für lange Zeit bestimmend gewordenen Einteilung in Logik, Physik und Ethik. Dabei hat die Ethik die oberste Stelle [2]; Logik und Physik bilden Vorstufen zu ihr und lehren einerseits die Sprache und Kunst des Schlussfolgerns, andererseits die Beschaffenheit des Kosmos.

1. Materialismus

Für uns spielt die Ethik die Hauptrolle unserer Einführung in die Stoa. Dennoch möchte ich einen kurzen Einblick in die Physik, also das Weltbild der Stoa liefern, weil dieses – wie wir noch sehen werden – deutliche Einflüsse auf die ethischen Lehren der Stoa hat. Die stoische Physik ist ebenso wie die epikureische Physik absolut materialistisch geprägt. Für Zenon besteht die Welt einschließlich Gottes und der Seele aus Materie.

2. Monismus

Durch das Stichwort Gott haben wir das zweite große Prinzip der stoischen Physik berührt, nämlich den Monismus. Am Anfang gab es nur Gott: ein ewiges Feuer, das immer da war und immer da sein wird; danach wurden allmählich Luft, Wasser und Erde hervorgebracht [3]. Damit folgen die Stoiker dem vorsokratischen Philosophen Heraklit, der das Feuer ebenfalls als Urprinzip deutete und stellen sich gleichzeitig wieder einmal in einen direkten Gegensatz zu den Epikureern, welche das atomistische Weltbild Demokrits annahmen.

3. Pantheismus

Auch wenn sowohl Epikur als auch Zenon den Kosmos unter einer materialistischen Betrachtung auffasten, spalten sich die beiden Kosmologien in dem Punkt, dass für die Stoa Gott, also das leitende, oberste Prinzip nicht außerhalb des Alls sei, sondern mit diesem übereinstimmt. Die stoische Physik basiert demnach auf einem Pantheismus.

4. Gesetzmäßigkeit

Das vierte und letzte Merkmal des stoischen Weltbilds bezieht sich auf seine finalistische Perspektive unter dem Schirm des Schicksal. Da die stoische Welt voll von Gesetzmäßigkeit ist und zudem mit der menschlichen Vernunft verstanden werden kann, gibt es so etwas wie einen Welt-Zweck, eine Ausrichtung auf ein Ziel. Zenon leugnet den Glauben der Epikureer an eine Zufälligkeit des Kosmos und befürwortet die Existenz einer intelligenten Natur, die weiß wohin sie will.

Zenon behauptet: Jeder Aspekt der Natur beinhaltet eine Kraft, die in letzter Instanz auf das Gute ausgerichtet ist.

Die frühe stoische Ethik

Einzig dem Menschen als Vernunftwesen ist es gegeben, die göttlichen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und sich in bewusstem Handeln nach ihr zu richten. Naturgemäßes Leben ist daher das Schlüsselwort der stoischen Ethik [2]. Da der Mensch nun, wie es bereits in der aristotelischen Auffassung (Ergon-Argument) hervorgeht, der Natur nach ein Vernunftwesen ist, bedeutet ein naturgemäßes Leben dasselbe wie ein vernunftgemäßes Leben.

Darin besteht die einzige Tugend, die einzige Glückseligkeit. Der Vernunft steht als alleiniges Übel die Unvernunft gegenüber. Hierdurch spannt die stoische Ethik zwei Pole zwischen der Vernunft (gut) und der Unvernunft (böse), während alles dazwischen, also Alter, Krankheit, Leben, Familie, Gesundheit, Besitz, Tod, Armut, Folter, Unehre etc. weder gut noch böse sind, sondern gleichgültig.

Es gibt keinen Unterschied zwischen Lust und Schmerz, das einzige, worauf es ankommt, ist die Tugend. [3]

An diesem Punkt wird einerseits deutlich wie die stoische Lehre diametral zu unserer heutigen Politik und unserem neuzeitlichen Denken steht, die beide nicht von der Natur, sondern vom Willen des Menschen bestimmt werden – andererseits erkennen wir den Bezug der Physik zur Ethik:

Jemand, der gesonnen ist, naturgemäß zu leben, muss von der ganzen Welt und ihrer Lenkung ausgehen. Man kann aber über die Güter und die Übel nicht richtig urteilen, ohne die gesamte gesetzmäßige Ordnung der Natur und des Lebens, auch der Götter, erkannt zu haben und so zu wissen, ob die Natur des Menschen mit der Natur im Ganzen übereinstimmt oder nicht [4].

Gleichgültigkeiten des Lebens

In der stoischen Ethik kommt es demnach darauf an, zu erkennen, was gut, was schlecht und was gleichgültig ist. Jedoch steht unserer Erkenntnis der richtigen Lebenswerte ein gewaltiges Hindernis im Weg: die Leidenschaft. Unsere Affekte behindern uns in der rein rationalen Einsicht in die Wahrheiten der Natur und demzufolge in der Umsetzung eines naturgemäßen Lebens.

Die oberste Aufgabe des Stoikers muss es demnach sein, fortwährend in Kampf gegen seine Affekte  zu treten, um diese zu überwinden, um in letzter Instanz wahre Tugend zu erreichen. Diesen erstrebenswerten Zustand nennen die Stoa Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια – apátheia), woraus unser modernes Wort Apathie resultiert. Wer diesen Zustand erreicht hat, ist weise, denn er sieht das Notwendige ein und tut es – er ist souverän wie ein König [2, S.196].

Ein gutes Leben ist ein Leben ohne Hoffnungen und Ängste, das Leben, das mit dem, was ist, versöhnt ist, eine Existenz, die die Welt so akzeptiert, wie sie ist. [5]

Die späte stoische Ethik

Die alte und mittlere Generation der Stoa, die vor allem auf griechischem Boden vertreten wurde, hatte enorm stark auf der sokratisch orientierten Denkschule der Kyniker basiert. Aus diesem Grund standen Egoismus und Bedürfnislosigkeit in ihrem Zentrum.

Durch den Einfluss der römischen Staatskultur entwickelte sich eine abgewandelte Ansicht zur Ethik, die zwar auf den früheren stoischen Ansichten aufbaute, aber zugleich einige zentrale Standpunkte hinzufügte. Die junge Stoa bemühten sich ihr Ideal des Weisen in Übereinstimmung mit dem größeren Ganzen zu bringen, in das der Mensch hineingeworfen ist.

Vielen bis dahin als gleichgültig eingeschätzten Dingen wurde allmählich nun doch zumindest ein geringer Wert beigemessen. Auf diese Weise erhielten Ehe, Familie und Staat eine wenn auch beschränkte Rechtfertigung [2]. Im gleichen Zug erhoben die Stoiker ganz im Gegensatz zu den Kynikern zwei bedeutende soziale Forderungen: Gerechtigkeit und bedingungslose Menschenliebe.

Einblicke in einige bekannte Stoiker

Wenn wir an die Stoa denken, richten wir uns fast ausschließlich an die junge Stoa; das nicht zuletzt aufgrund von unvollständigen Überlieferungen der Texte ihrer Vorgänger. Im Folgenden werde ich deshalb auf die drei größten Vertreter der jungen Stoa eingehen, indem ich kurze Auszüge aus ihren bedeutendsten Werken liefere.

1. Lucius Annaeus Seneca

Seneca war ein römischer Philosoph, Staatsmann, Dramatiker und natürlich Stoiker, der besonders mit seinem Werk Über die Kürze des Lebens zu späterer Zeit Bekanntheit erlangte. Ich habe schon einen detaillierten Artikel über Seneca verfasst, den du zur Ergänzung hier lesen kannst. Der folgende Auszug stammt aus einer seiner Textsammlungen mit dem Titel Vom glücklichen Leben.

Wenn es sich um das Lebensglück handelt, darfst du mir nicht mit einer Antwort kommen, wie sie bei den Abstimmungen im Senat üblich ist: »auf dieser Seite scheint die Majorität zu sein.« Denn eben darum ist sie die schlimmere. Wo es sich um Tragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage, sagen zu können, daß der Mehrzahl das Bessere gefalle: der Standpunkt der großen Masse läßt gerade den Schluß auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochen dauernden Glücks sichert, nicht was dem großen Haufen, diesem verwerflichsten Ausleger der Wahrheit, genehm ist. [6]

2. Marc Aurel

Marc Aurel war von 161 bis 180 römischer Kaiser und als Philosoph der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa, der mit seinem Werk Selbstbetrachtungen in die Geschichte einging.  Aurels Schrift kreist im Kern ständig um die stoische Ausrichtung an der Allnatur. Im siebten Buch unter dem neunten Aphorismus schreibt Aurel:

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten! Nahezu nichts ist sich fremd. Eines schließt sich ja dem anderen an und schmückt, mit ihm vereinigt, dieselbe Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, wofern es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaften Wesen gibt. [7]

3. Epiktet

Epiktet kam als Sklave nach Rom und studierte unter dem Stoiker Gaius Rufus Philosophie. In seiner eigenen Lehre sind mögliche ethische Fragen sowie die praktische Umsetzung philosophischer Überlegungen das aller Zentralste. Epiktet hinterließ keine Schriften, doch glücklicherweise sind seine mündlichen Vorträge von einem seiner Schüler niedergeschrieben worden. Hierzu ein berühmter Auszug:

Über das eine gebieten wir, über das andere nicht. Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unsern Körper, unsern Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung, und, mit einem Wort, über alles, was nicht von uns ausgeht. Worüber wir gebieten, ist von Natur aus frei, kann nicht gehindert oder gehemmt werden; worüber wir aber nicht gebieten, ist kraftlos, abhängig, kann gehindert werden und steht unter fremdem Einfluß. Denk also daran: Wenn du das von Natur aus Abhängige für frei hältst und das Fremde für dein eigen, so wird man deine Pläne durchkreuzen und du wirst klagen, die Fassung verlieren und mit Gott und der Welt hadern; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde hingegen, wie es tatsächlich ist, für fremd, dann wird niemand je dich nötigen, niemand dich hindern, du wirst niemanden schelten, niemandem die Schuld geben, nie etwas wider Willen tun, du wirst keinen Feind haben, niemand wird dir schaden, denn du kannst überhaupt keinen Schaden erleiden. [1, S.7f.]


Quellen und Verweise

[1] Epiktet: Fragmente. Handbüchlein der Moral. Steinmann, K. (Üb.). Stuttgart: Reclam, 2008, S.11.

[2] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag, 1992, S.193-196.

[3] De Crescenzo, Luciano: Geschichte der griechischen Philosophie. Von Sokrates bis Plotin. Zürich: Diogenes, 1990, S.188f.

[4] Cicero: Über das höchste Gut und das größte Übel – De finibus bonorum et malorum libri quinque. Kirchmann, J.H. (Üb.). Sofia: Historia Verlag, 2018.

[5] Ferry, Luc: Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung. München: Antje Kunstmann Verlag, 2007, S.60.

[6] Seneca, Lucius Annaeus: Vom glücklichen Leben. Apelt, O. (Üb.). Köln: Anaconda, 2010, S.60.

[7] Aurel, Marc: Selbstbetrachtungen. Cleß, C. (Üb.). Hamburg: Nikol, 2009, S.92.