Du sollst ... nicht moralisieren?

Kein Fleisch, kein Plastik, keine Flugreisen, kein Auto, keine tierischen Produkte, keine Zigaretten. Wer bei einer Sache nicht mitzieht, hat sich sofort von der jeweiligen Personengruppe Vorwürfe anzuhören. Schließlich muss man Menschen auf ihr schlechtes Verhalten aufmerksam machen, damit sie es ändern, oder nicht?

INHALTÜBERBLICK
  1. Zwei Probleme beim Moralisieren
  2. Du darfst dich nicht schlecht verhalten!
  3. Gefühle reichen nicht!
  4. Wo bleibt die Sachdiskussion?
  5. Mehr Gefühl als Verstand
  1. Was ist moralisieren?
  2. Warum ist moralisieren problematisch?
  3. Aus welchem Grund müssen wir unsere moralischen Gefühle zurückstellen?
  4. Wie kann man Konservativen begegnen?

Zwei Probleme beim Moralisieren

In letzter Zeit denke ich häufig über ein Phänomen nach, dem man mittlerweile sehr häufig begegnet. Es handelt sich um Moralisierung. Der Akt des Moralisierens bezeichnet das Propagieren – meist der eigenen – moralischen Vorstellungen.

Beispielsweise wirft ein Vegetarier einem Omnivore vor, Fleisch zu essen, ein Veganer wirft dem Vegetarier hingegen vor, Käse, Milch und Eier zu essen, oder auch: Jemand, der auf das Fliegen verzichtet, macht dem Vielflieger Vorwürfe; jemand, der weitgehend plastikfrei lebt, macht dem Vorwürfe, der es nicht tut.

Angesichts der momentanen gesellschaftlichen Situation sind Empörung und Vorwürfe in Bezug auf ein solches Verhalten normale moralische Gefühle. Aber diese Gefühle zu nutzen, um anderen Vorwürfe zu machen, ist problematisch.

Es ist grundsätzlich etwas falsch am Moralisieren, und zwar in pragmatischer wie auch in argumentativer Hinsicht. Im Folgenden werde ich skizzieren, warum uns das beliebte Moralisieren bei der gesellschaftlichen Entwicklung nicht vorantreibt.

Du darfst dich nicht schlecht verhalten!

Aus pragmatischer Sicht nützt es in den wenigsten Fällen etwas, wenn man Menschen Vorwürfe macht, damit sie ihr Verhalten ändern. Ganz im Gegenteil erzeugt man damit eher einen Konflikt zwischen den Gruppen. Wir erleben es im Alltag eindeutig: Es bilden sich Gefühle der Gruppenzugehörigkeit zwischen Fleischessern und Vegetariern bzw. Veganern, die sich alle gegenseitig anfechten.

Diejenigen, die dem anderen gegenüber Vorwürfe machen, werten ihre Gruppe in dem Glauben auf, sie seien moralisch überlegen, während jene Gruppe, der Vorwürfe gemacht wird, aus Trotz damit beginnt, ihr Verhalten als das Normale zu bestätigen und die anderen als Radikale zu diskreditieren.

Es kommt zu einer Form der Spaltung, die wir in anderen Bereichen, etwa dem Konflikt zwischen religiösen oder politischen Gruppen, bereits sehr gut kennen. Ebenso kennen wir die Probleme, die mit solchen Gruppenbildungen einhergehen und die beinahe Unmöglichkeit, verhärtete Gruppenideologien wieder aufzulösen.

Man möge mir verzeihen, dass ich mich im Folgenden sehr auf das Thema Veganismus fokussiere – die Struktur lässt sich natürlich auch auf jedes andere in der Einleitung erwähnte Thema anwenden.

Gefühle reichen nicht!

Ein Veganer sollte dem Fleischesser nicht damit begegnen, ihm folgende beispielhafte oder ähnliche Parole an den Kopf zu werfen „Wie kannst du nur Fleisch essen? Das ist widerlich!“, denn für die meisten Menschen, die auf das Fleischessen nicht ›verzichten‹ wollen, sind moralische Gefühle offensichtlich nicht genug, um ihre Gewohnheit zu brechen.

Es braucht Alternativen, um hier effektiv vorgehen zu können. An erster Stelle muss aber das Gefühl der Überlegenheit weg! Zum einen braucht es andere negative Gründe – d.h. Gründe, die explizit gegen ein Verhalten sprechen – als der bekannte und leider meist nutzlose Appell an Gefühle.

Möglicherweise muss man den Menschen deutlicher und nachdrücklicher vorhalten, welche negative Konsequenzen ein Verhalten X für ihre eigene Gesundheit oder Brieftasche hat – jedenfalls muss man genau den Punkt ausfindig machen, der einer Person wirklich wichtig ist und um dessen Erhalt sie bereit ist, etwas zu ändern.

Zum anderen braucht es aber auch mehr positive Gründe, also solche, die eine Verhaltensänderung reizvoll machen, selbst wenn einem nicht das Verhalten selbst wichtig ist, sondern etwas anderes. In anderen Worten: Wenn man Verhalten ändern will, muss man sich auch klar machen können, dass es sich eventuell nicht um einen Verzicht handeln muss.

Wo bleibt die Sachdiskussion?

Demzufolge müssen diejenigen, die zu Moralisierung neigen, vielseitiger und vor allem nachweislich faktenbezogen argumentieren, um Gehör zu finden. Sie müssen Menschen mit den konkreten Auswirkungen solchen Verhaltens konfrontieren und nicht versuchen, ihnen einzureden, dass sie böse seien und damit zu bekehren. Das wird nicht funktionieren.

Ganz im Gegenteil trägt die Methode des Moralisierens dazu bei, dass sich Konflikte und Vorbehalte zwischen verschiedenen Parteien bloß verstärken. Dieser Vorsatz, eine Sachdiskussion führen zu wollen, muss für beide Parteien einer Debatte gleichermaßen gelten.

Solange wir noch Meldungen in Medien ertragen müssen, im Stile von Schlagzeilen wie „Kind verhungert – Bewährungsstrafen für Veganer-Eltern“ [1], werden Vorurteile nicht abbaubar. Es ist absurd, dass solche Einzelfälle ins Licht der Medien gerückt werden und damit ein verzerrtes Bild der realen ernährungsbedingten Erkrankungen entsteht.

Warum wird im Gegenzug auch nicht ab und zu einmal davon berichtet, dass kardiovaskuläre Erkrankungen, die zu einem großen Anteil ernährungsbedingt sind, global gesehen die häufigste Todesursache darstellen? [2] Es lässt sich demnach nur festhalten, dass leider auf weiten Strecken beiderseits die Sachdiskussion fehlt.

Mehr Gefühl als Verstand

Das ständige Hierarchisieren auf einer Gutheitsskala, was beim Moralisieren meistens stattfindet, führt zu dessen argumentativen Problem. Zunächst einmal gibt es keinen Unterschied zwischen einer moralisierenden Aussagen wie etwa „Fleisch essen ist falsch“ und jemandem, der fordert, man müsse der Scharia folgen oder jemandem, der meint, man sei kein guter Mensch, wenn man kein Christ ist.

Das ist natürlich Quatsch. Das gemeinsame Problem hierbei lautet: Welchen Grund kann ich für meine Behauptung oder Forderung angeben? Kann ich für diese wirklich überzeugend argumentieren? Beim Punkt Fleischkonsum geht das ohne Weiteres, bei den beiden anderen Punkten habe ich meine Zweifel, weil sie einen radikalen Fundamentalismus voraussetzen.

Was denjenigen, die den sogenannten Konservativen in vielen Punkten zuwiderlaufen, von diesen oft vorgehalten wird, ist Gefühlsduselei. Das darf man sich aber nicht gefallen lassen, denn die vernünftige Argumentation für Veganismus, für regenerative Energien, für Plastikverbote und so weiter und so fort war noch nie so schlagfertig wie sie jetzt ist.

Denn wenn man anfängt, eine vernünftige Diskussion mit sogenannten Konservativen zu führen und ihre gängigen Scheinargumente aushebelt, merkt man schnell, dass sie selbst nur von Gewohnheit, Angst und Geld geleitet werden – was man dagegen tun kann, ist eine andere Geschichte.

Also: Es wäre vorteilhaft, endlich aufzuhören, sich bei seiner Argumentation nur auf (moralische) Gefühle zu berufen.

Stattdessen sollte man echte Argumente ins Feld führen, die stringent und fundiert sind. Innerhalb der Debatten um Fleisch, Plastik, Regenwald & Co müssen sich Gefühle hinten anstellen, denn eine Person, die hierbei von sich aus keine authentischen Gefühle empfindet, die wiederum handlungsweisend sind, wird sich durch die Gefühle eines anderen auch nicht bewegen lassen.


Quellen und Verweise

[1] Siehe: Spiegel: Kind verhungert – Bewährungsstrafen für Veganer-Eltern, 2004.

[2] Siehe: WHO: Cardiovascular diseases, 2017.