Narabo-Drei-Vorurteile-gegen-Philosophie-die-mich-wahnsinnig-machen

Als Student*in eines beliebigen Faches muss man sich oft mehr oder weniger schlimme Vorurteile zu Ohr kommen lassen. Ich würde behaupten, dass besonders solche Fächer, bei denen der monetäre Nutzen nicht im Vorhinein klar ist, ganz stark von dieser Schmach belastet sind – und zu diesen Fächern zählt nun auch die Philosophie.

Solche Disziplinen stehen in einem Rechtfertigungszwang, der einfordert, ihre Existenz und Funktion zu begründen, die außerhalb von Geld und der Lösung praktischer Probleme liegt. Ich werde in diesem Artikel versuchen, drei gängige Vorurteile gegen die Philosophie vorzustellen und aus meiner Perspektive darauf zu antworten.

INHALTÜBERBLICK
  1. Wozu dieser Artikel?
  2. Das erste Vorurteil: Philosophie ist nutzlos
  3. Das zweite Vorurteil: Naturwissenschaft > Philosophie
  4. Das dritte Vorurteil: Philosophie ist willkürlich
  1. Was kann man unter Philosophie verstehen?
  2. Philosophie als Wissenschaft der Begriffe
  3. Was ist mit dem normativen Bereich?
  4. Firmenphilosophie

Wozu dieser Artikel?

Ich werde bei meinem Versuch, den nach meiner Einschätzung bekanntesten drei Vorwürfen gegen die Philosophie entgegenzutreten, unweigerlich auf eine Definition der Philosophie stoßen müssen. Im Grunde beruhen alle – oder zumindest diese drei Haupteinwände – immer auf einem Missverständnis darüber, was Philosophie im Kern ist und was Philosophen und Philosophinnen im Kern tun.

Nicht, dass diese selbst darüber einig würden, was Philosophie eigentlich ist. Es gibt keine eindeutige Definition von ›Philosophie‹, genauso wie es keine eindeutige Definition von ›Physik‹ oder ›Kunst‹ gibt. Vielmehr hellt man das Verständnis dadurch auf, indem man gewisse Eingrenzungen vornimmt und feststellt, was das jeweils zu Definierende nicht ist.

Für die Philosophie könnte man einsteigend sagen, sie sei die Wissenschaft der Begriffe, die sich vornehmlich mit allgemeinsten Begriffen auseinandersetzt, darunter zum Beispiel Kausalität, Wissen, Sprache und so weiter. Das ist sehr vage, reicht für den Beginn aber aus. Im Verlauf des Artikels werde ich diese Eingrenzung noch aufstocken.

Zunächst ist es mir wichtig zu erklären, was ich mit diesem Artikel bezwecke. Mir geht es nämlich nicht darum, Philosophie und den Status der Philosophie zu verteidigen. Die Vorurteile, die ich im Folgenden präsentiere, sind weit verbreitet und als das, was sie sind, schlichtweg falsch. Aus diesem Grund steht eine Verteidigung auch gar nicht zur Debatte.

Zweck dieses Artikels ist es, den Begriff der Philosophie angesichts der Vorurteile korrekt einzuordnen.

Das erste Vorurteil: Philosophie ist nutzlos

Das erste Vorurteil ist der Klassiker überhaupt: Philosophie sei eine Disziplin, die für nichts gut ist und habe demnach keine Daseinsberechtigung. Meistens wird dies noch damit kombiniert, dass Philosophie scheinbar keine praktischen Probleme lösen könne, was sie zutiefst in den Schatten der Naturwissenschaften stelle. Auf diese Ergänzung gehe ich im zweiten Vorurteil ein. Zunächst jedoch mein Standpunkt zum ersten.

Es scheint mir offensichtlich zu sein, dass das Zustandekommen jener Einstellung, dass Philosophie nutzlos sei, einfach darauf beruht, dass das eigene Verständnis von Philosophie schlicht zu schwach ist. In meiner Arbeit mit Schüler*innen im Rahmen von Projekt Wegweiser treffe ich oft auf Ratlosigkeit, wenn es um den Begriff ›Philosophie‹ geht. Selbst wenn ich dann eine Erklärung liefere, leuchtet es den wenigsten ein, warum Philosophie nützlich sein kann.

Meiner Erfahrung nach kommt diese Ansicht hauptsächlich dadurch zustande, dass in diesem konkreten Fall Schüler*innen ihren Begriff von Philosophie mit nichts Wesentlichem füllen können und zudem – falls sie doch schon einen recht guten Begriff von Philosophie haben – schlussendlich daran scheitern, die Relevanz auszumachen. Wie man den Begriff füllen kann, habe ich im ersten Teil kurz angedeutet und im Folgenden sollen noch zwei Aspekte hinzukommen.

An dieser Stelle möchte ich mich auf die Relevanz konzentrieren. Nutzen wie die Beschreibung von Philosophie als Wissenschaft der Begriffe, so müssen wir uns nun fragen, wofür und in welchem Maße dies gut sei. Meine Antwort darauf ist kurz: Philosophische Arbeit ist zu großen Teilen Begriffsarbeit. Begriffsarbeit heißt nicht einfach zu untersuchen, wie die Etymologie des Begriffs beschaffen ist, oder empirisch zu prüfen, wie Menschen den Begriff einsetzen.

Nein, Begriffsarbeit heißt in erster Linie in einer Diskussion dafür zu sorgen, dass das Verständnis von Kernbegriffen eindeutig genug ist, um Missverständnisse und Fehlschlüsse vorzubeugen. Dies ist besonders wichtig und zudem besonders schwer, wenn es um die allgemeinsten Begriffe geht.

Nicht jeder hat dasselbe Verständnis von Kausalität, Wissen, Wahrheit et cetera und deshalb ist es in jeder Sachdiskussion von fundamentaler Bedeutung, Begriffe transparent machen zu können. Warum dies in allen Lebensbereichen, von Alltag bis wissenschaftlicher Facharbeit, wichtig ist, sollte einleuchten.

Das zweite Vorurteil: Naturwissenschaft > Philosophie

Ein unerfreuliches Gespräch findet oft zwischen Philosophiestudenten und Studenten der Naturwissenschaften statt. Auch hier kann ich aus persönlicher Erfahrung berichten, dass es zu einem Infragestellen der Relevanz und Wirkungskraft von Philosophie kommt. Die zugrunde liegende Einstellung lautet meist: Naturwissenschaften können alles besser als Philosophie, wozu also noch Philosophie?

Hier finde ich es auch immer wieder sehr amüsant, dass viele Naturwissenschaftler*innen mit Philosophie fast ausschließlich die griechische Antike verbinden und sich daran aufhängen, dass jemand wie Thales meinte, das Urprinzip alles Seins sei Wasser und so weiter. Nun, das ist mehr als 2500 Jahre her und moderne Philosophie hat sich seit der damaligen Naturphilosophie natürlich entwickelt.

Kein seriöser Philosoph würde sich heutzutage anmaßen zu behaupten, er könne die Welt besser beschreiben und erklären als die modernen Naturwissenschaften. Darum geht es aber auch gar nicht. Die Philosophie tritt überhaupt nicht in diesem Feld an. Wie bereits erwähnt ist eine ihrer Kernaufgaben die Begriffsanalyse. Hinzu kommt vor allem in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften nun auch der Bereich der Normativität.

Keine Naturwissenschaft kann uns sagen, was wir tun sollen. Allenfalls können sie das, wenn wir jemanden auf den Mond schießen wollen. In allen praktischen Belangen jedoch, die eine ethische und oder moralische Komponente haben, bieten sie uns keine Handlungsanweisung. Ich bin immer wieder verblüfft, wie stark die Blindheit für diesen doch so wichtigen Lebensbereich ausgeprägt ist.

Man kann die Wichtigkeit der Philosophie durch die Vermittlung des normativen Bereich nicht leugnen, denn heutzutage steht so gut wie jedes Forschungsteam unter der Weisung einer Ethikkommission. Den normativen Bereich zu vermitteln, heißt aber nicht, dogmatische Ansichten darüber zu verbreiten was richtig und was falsch ist, sondern auf vernünftige Weise begründen zu können, warum eine Handlung X vielleicht besser sei als eine Handlung Y und ähnliches.

Ich möchte es nochmal gesagt haben: Die Naturwissenschaften können uns nicht sagen, was wir tun sollen, weil dies nicht in ihr empirisches Paradigma passt. Sie fragen nur danach, wie die Welt faktisch ist, sie beschreiben und erklären das, was der Fall ist, fragen aber nicht danach, wie sie sein soll. Die Begründungs- und Argumentationsarbeit der Philosophie schafft jedoch einen Weg, genau dies zu tun.

Das dritte Vorurteil: Philosophie ist willkürlich

Der letzte Aspekt bezieht sich auf ein Verständnis von Philosophie, das man im Alltag unerlässlich wiederfindet. Ich weiß nicht wann es zu diesem Phänomen gekommen ist, aber eines kann ich ganz genau sagen: Als Philosophiestudent*in ist man höllisch genervt davon!

Es handelt sich um die Verwendung des Begriffs ›Philosophie‹ für alles und nichts. Am häufigsten findet man solche Kreationen wie ›Firmenphilosophie‹ oder ›Arbeitsphilosophie‹ ›Lebensphilosophie‹ und so weiter. Je nach Bereich würfelt man sich dann noch irgendein wohlklingendes unbelegtes Zitat zusammen und macht aus Philosophie eine Art Bierzeltgeschwätz.

Ich möchte das auch gar nicht weiter ausführen, denn ich bin sicher, dass klar geworden ist, was ich meine – zumindest bei denen, die auch darunter zu leiden haben. Was diese Auffassung von Philosophie am ehesten fehlt, ist der bereits erwähnte Aspekt, dass Philosophie eine Wissenschaft ist. Wissenschaftlichkeit geht aber mit einigen verbindlichen Kriterien einher, die hier offenbar fehlen.

Darunter findet man zum Beispiel Objektivität, Transparenz, logische Argumentation, überhaupt die Arbeit mit Argumenten und die damit verbundene Unterscheidung von Thesen, Annahmen, Prämissen und dergleichen. All dies und noch einiges mehr fehlt jedoch bei der Bierzeltphilosophie und man sollte deshalb nicht den Fehler begehen, diese als Philosophie schlechthin anzunehmen.


Quellen und Verweise

Titelbild: Caïn von Henri Vidal, Tuileries Garden, Paris, 1896, fotografiert von Alex E. Proimos unter der Lizenz: [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons