Narabo-Die-sieben-Paradigmata-der-Psychologie-Philosophie-Grundlagen-Teil-3-Evolution

In der Psychologie sind seit jeher verschiedene Paradigmata, das heißt grundlegende Denkweisen vorhanden gewesen, die die Beurteilung des Verhaltens und Erlebens sowohl von Menschen wie auch von Tieren maßgeblich beeinflusst haben. Heutzutage kann man im Grunde sieben Perspektiven identifizieren, die in der Psychologie entweder gewirkt haben oder noch bis in die heutige Zeit nachwirken.

INHALTÜBERBLICK
  1. Was bisher geschah …
  2. Anpassung und die evolutionäre Perspektive
  3. Was genau besagt die Evolutionstheorie?
  4. Unterscheidung: Distal versus Proximal
  5. Ein Beispiel: Modularität des Geistes
  6. Eine Ausnahme: Kulturvergleichende Perspektive
  7. Ein Beispiel: Hofstedes Kulturdimensionen
  1. Was bezeichnet der Begriff Evolution?
  2. Was besagt die Unterscheidung zwischen distal und proximal? Was muss man beachten?
  3. Wie lautet ein bekanntes Beispiel für die evolutionäre Perspektive?
  4. Was besagt das kulturvergleichende Paradigma?

Was bisher geschah …

In den letzen beiden Artikeln zum Thema ‚Die sieben großen Paradigmata der Psychologie‘ haben wir bereits zentrale und interessante Grundhaltungen für Forschungsansätze sowie Interpretationen der Ursachen und Faktoren menschlichen Verhaltens kennengelernt.

Im ersten Teil zu diesem Themenblock haben wir uns zunächst drei eher klassischen Perspektiven der Psychologie genähert, nämlich der psychodynamischen, behavioristischen und zuletzt der humanistischen Perspektive. Später, im zweiten Teil, sind wir den mehr zeitgenössischeren Perspektiven entgegengetreten, indem wir das kognitive und biologische Paradigma untersucht haben. 

Der dritte und letzte Teil zu diesem Themenblock wird die verbleibenden beiden Aspekte abklären und damit den Gesamtüberblick abrunden. Wir werden uns im folgenden Verlauf mit zwei – wie ich finde – Orchideen innerhalb des Bereichs der psychologischen Paradigmata beschäftigten: Zunächst mit der evolutionären, dann mit der sog. kulturvergleichenden Perspektive.

Anpassung und die evolutionäre Perspektive

Die evolutionäre Perspektive ist ein nun wirklich besonderes Paradigma der Psychologie, weil es sozusagen einem grundlegendem Makel unterliegt, nämlich der Unmöglichkeit eines experimentellen Zugangs [1]. Niemand kann die Evolution kurzerhand simulieren, weil wir nicht die Zeit, noch die Geduld (geschweige denn die Fähigkeiten) haben, ein Experiment über Jahrmillionen durchzuführen.

Insofern nimmt das evolutionäre Paradigma in der Psychologie eine herausragende Stellung ein. Wenn wir uns an die vorigen Perspektiven erinnern wollen, dann werden wir mit Leichtigkeit sehen, dass die evolutionäre in sehr hohem Maße aufgrund der eben genannten Besonderheit heraussticht.

Wenn man fragt, was die evolutionäre Perspektive auszeichnet, antwortet man am besten wie folgt:

Das evolutionäre Paradigma untersucht das Verhalten und Erleben des Menschen ausgehend von den wenigen Grundannahmen der Evolutionstheorie. Man nimmt an, dass der Prozess der Evolution dazu geführt hat, dass der Mensch so ist, wie er ist, und man nur in Hinwendung an diesen Fakt den Menschen adäquat untersuchen kann.

Insofern ist dieses Paradigma ein Ansatz, der die Wichtigkeit der Anpassungsfähigkeit (auch Adaptation) durch Verhalten und Denken unterstreicht. Dies basiert auf der Hypothese, dass sich alle geistigen Fähigkeiten über Jahrmillionen hinweg entwickelt haben, um spezifischen Anforderungen der Umwelt zu genügen.

Was genau besagt die Evolutionstheorie?

Ich möchte diesen Artikel zwar nicht in eine Biologiestunde ausarten lassen, dennoch ist es wichtig, die Grundlagen der Evolution zumindest kurz zu wiederholen, damit man sich ein fundiertes Bild für die evolutionäre Perspektive der Psychologie machen kann.

Eine der bekanntesten, wenn auch nicht unumstrittensten Formulierungen für die von Charles Darwin erstmals begründete Evolutionstheorie lieferte der Evolutionsbiologe Richard Lewontin in einem Artikel von 1970 [2]:

1. Different individuals in a population have different morphologies, physiologies, and behaviors (phenotypic variation).
2. Different phenotypes have different rates of survival and reproduction in different environments (differential fitness)
3. There is a correlation between parents and offspring in the contribution of each to future generations (fitness is heritable).

These three principles embody the principle of evolution by natural selection. While they hold, a population will undergo evolutionary change. 

In Kürze übersetzt, könnte man sagen: Verschiedene Individuen einer Spezies haben verschiedene Merkmale (der Erscheinung und des Verhaltens), die auf ihre Gene zurückzuführen sind, die verschiedene Überlebenschancen im Angesicht einer bestimmten Umgebung bedingen. Durch die Vererbung von Merkmalen, vollzieht eine Population folglich einen evolutionären Wandel.

Unterscheidung: Distal versus Proximal

Mit der obigen Beschreibung der Evolutionstheorie im Kopf, sollten wir uns fragen, was wir nun in psychologischer Hinsicht aus diesem biologischen Grundsatz beziehen können. 

Wichtig hierfür ist zunächst die Klärung des Anspruchs, den die Evolutionstheorie als psychologische Theorie an sich haben darf. Hierbei treffen wir auf einen der gröbsten Schnitzer, den Laien im Rahmen der Evolutionstheorie begehen: die Vermischung von proximaler und distaler Erklärung. 

Nehmen wir uns hierfür ein kleines Beispiel zur Hilfe: Angenommen, wir sind in der afrikanischen Grassteppe und beobachten die wilden Tiere. Nun sehen wir, dass ein bestimmtes Tier X besonders schnell ist. Stimmt es zu sagen, die Evolution hat dieses Tier so schnell gemacht?

Hast du diese Frage bejaht, muss ich dich leider enttäuschen. Es ist eben nicht so, dass wir irgendwie sagen könnten, die Evolution hat dieses Tier, oder gar diese Spezies als Ganzes, so schnell werden lassen! Das wäre allein aus dem folgenden Grund ein fataler Fehler:

Die Erklärung der Evolution sagt uns nicht, wie es kommt, dass das Tier X schnell laufen kann. Sie gibt uns hingegen Auskunft darüber, warum es plausibel sein mag, dass es nun so gekommen ist. In anderen Worten handelt es sich um eine distale (ferne) Erklärung, aber nicht um eine proximale (nahe). 

Schließlich handelt es sich bei der Evolution nicht um eine wirkende Kraft, die eine Spezies in eine Richtung drängt, sondern um eine Theorie der zufälligen Adaptation allerlei Merkmale über einen Zeitraum von Jahrmillionen.

Ebenso gilt im Bereich der Psychologie, des Erlebens und Verhaltens von Menschen: Die Evolution kann niemals als Erklärung für das konkrete Verhalten eines Menschen herangezogen werden! Sie bewirkt niemals eine angepasste Reaktion, ein ‚evolutionäres Verhalten‘ oder Ähnliches. Diesen Fehlschluss müssen wir unbedingt vermeiden.

Ein Beispiel: Modularität des Geistes

Moderne Evolutionspsychologen gehen mittlerweile davon aus, dass das menschliche Gehirn aus einer Vielheit sogenannter kognitiver Systeme aufgebaut ist. Sämtliche kognitiven Systeme sind jeweils auf die Umwandlung, Strukturierung und Prozessierung eines bestimmten Reizes, bzw. einer Klasse von Reizen eingeschränkt.

So gibt es beispielsweise Bereiche im Gehirn (also Module), die für die Gesichtserkennung, für die Wahrnehmung visueller, auditiver, taktiler und vieler anderer (Sinnes-)Reize zuständig sind. Außerdem gibt es mehr oder weniger abgesteckte Bereiche im Gehirn, die für Emotionen, abstraktes Denkvermögen und Ähnliches zuständig sind – so argumentieren zumindest die Anhänger der Modularitätsthese.

Viele Evolutionspsychologen postulieren ferner, dass ebensolche, den eben beschriebenen Modulen sehr ähnliche Funktionseinheiten, in der evolutionären Menschheitsentwicklung dazu beigetragen haben, dass unsere Vorfahren angemessen, schnell und vor allem effektiv auf die unzähligen Herausforderungen der Umwelt reagieren konnten.

Man kann die zentralen Hypothesen, die in der evolutionären Psychologie als Standard gelten, unter folgenden drei Aspekten zusammenfassen:

  1. Das menschliche Gehirn besteht aus einer Vielzahl von Modulen, die auf sehr konkrete und eng definierte Aufgabenbereiche beschränkt sind.
  2. Diese Module sind dem Menschen angeboren.
  3. Die Module unterliegen einem evolutionären Prozess der Adaptation.

In der evolutionären Psychologie untersucht man das menschliche Erleben und Verhalten genau in Hinblick auf Aspekte, wie die eben genannten, indem man sich ständig auf die Erkenntnisse der Evolutionstheorie hinwendet.

Eine Ausnahme: Kulturvergleichende Perspektive

Die kulturvergleichende Perspektive nenne ich in einem noch höheren Maße als die evolutionäre eine Ausnahme, da sie vielmehr eine Methode darstellt als ein theoretisches Fundament. Sie ist jene erst in den letzten Jahrzehnten wirklich wichtig gewordene psychologische Perspektive, die sich auf interkulturelle Unterschiede in den Ursachen wie auch in den Konsequenzen des Verhaltens und Erlebens von Menschen konzentriert.

Erstmals begründet wurde dieses psychologische Paradigma vom amerikanischen Anthropologen G. Murdock in den späten 50er Jahren, indem er das sogenannte World Ethnographic Sample publizierte, ein Datensatz bestehend aus 565 Kulturen, beschrieben in 30 Variablen. [3]

Drei der zentralsten Fragen im Bereich der kulturvergleichenden Psychologie sind folgende [4]:

  1. Wie tiefgreifend sind kulturelle Unterschiede in der psychologischen Funktionsweise der Menschen?
  2. Auf welche Weise prägt Kultur den menschlichen Entwicklungsprozess bzw. spiegelt sich in diesem wider?
  3.  In welchem Verhältnis steht der Mensch zur Kultur?

Die meisten Untersuchungen, die im Namen dieses Paradigmas durchgeführt werden haben einen sehr ähnlichen Aufbau: Man untersucht zwei Gruppen, die aus verschiedenen Kulturen zusammengesetzt sind, hinsichtlich eines spezifischen Merkmals und vergleicht die Resultate. 

Es geht dabei natürlich nicht darum, schlussendlich sagen zu können, die Japaner seien besser in X, schlechter in Y und die Amerikaner schlechter in X und besser in Y, sondern schlicht um den Versuch, zu erklären, wie Kultur auf den Menschen wirkt. 

Ein Beispiel: Hofstedes Kulturdimensionen

Ein wirklich durchschlagendes und wichtiges Beispiel für die kulturvergleichende Perspektive der Psychologie lieferte der dänische Sozialpsychologe Gerard H. Hofstede mit seinem Modell der zunächst fünf und später zu sechs ergänzten Kulturdimensionen.

Seine Theorie beschreibt den Effekt irgendeiner Gesellschaft mit einer bestimmten Kultur auf die Werte ihrer Angehörigen und wie diese Werte in Beziehung zu ihrem Verhalten stehen [5]. Die sechs Dimensionen lauten:

  1. Machtdistanz
  2. Maskulinität vs. Femininität
  3. Individualismus vs. Kollektivismus
  4. Ungewissheitsvermeidung
  5. Langfristige vs. kurzfristige Orientierung
  6. Genuss vs. Beschränkung

Aus der Untersuchung des Verhaltens einzelner Individuen einer bestimmten Kultur lässt sich nach diesem Modell ableiten, welche Tendenz die Kultur als Ganzes einschlägt. Hofstedes Theorie hat einen eigenen Artikel verdient, weshalb ich hier nicht eine Einführung versuchen werde.

Seine Theorie sollte abschließend als ein Beispiel für die Wirkungsmacht und Relevanz der kulturvergleichenden Perspektive für die Psychologie dienen.


Quellen und Verweise

[1] Gould, Stephen Jay: Evolution: The Pleasures of Pluralism. New York Review of Books 44(11), 1997, p. 47–52 | Literatur (ENG)

[2] Lewontin, R.: The Units of Selection. Annual Review of Ecology and
Systematics 1. 1970: p. 1 | Literatur (ENG)

[3] Whiting, John W.M.: George Peter Murdock, (1897–1985). American Anthropologist. 88(3): 1986, p. 682-686 | Literatur (ENG)

[4] Chasiotis, Athanasios; van de Vijver, Fons J. R.; Breugelmans, Seger M. (Hrsg.): Fundamental questions in cross-cultural psychology. Cambridge: 2011, p. 9 | Literatur (ENG)

[5] Siehe: Hofstede, Geert: Culture’s consequences. Comparing values, behaviors, institutions, and organizations across nations. Californien: Thousand Oaks, 2. Auflage, 2011 | Literatur (ENG)